Brief aus Berlin

Ein Musikwissenschaftler sucht nach der musikalischen Geschichte Berlins und entdeckt dabei die Berliner Mentalität 

von  Laurenz Lütteken

Unter den mannigfachen Privilegien, die ein Gast des Berliner Wissenschaftskollegs genießen darf, ist die Freiheit von Amtspflichten zweifellos das größte. In welchem Ausmaß einen aber der immer unübersehbarer werdende universitäre Alltag und die wachsende Absurdität seiner Verwaltungsmaßnahmen bannen, das bemerkt man erst, wenn man diesem Alltag mit einem Mal fernsteht. Die neue Muße verführt nicht allein zu neuen Vorhaben, für die es sonst an Ruhe fehlt, sondern auch zu Unternehmungen, die in der hektischen Betriebsamkeit des „normalen Lebens“ ganz undenkbar wären. Eine Stadt wie Berlin lädt zu Streifzügen und Entdeckungsgängen ein, eben nicht allein durch Bibliotheken und Archive. Zu den großen Vorzügen am Wissenschaftskolleg gehört es, dieser Versuchung nachgeben zu dürfen, sich also auf die Stadt und ihre Gegebenheiten in ungewohnter Weise einlassen zu können. Das Geheimnis der Erkundung von Realien liegt gewiss darin, dass sich Geschichte in ihnen nicht auf abstrakte, sondern auf anschauliche Weise zu erkennen gibt – und dass es dabei die handelnden Akteure sind, die ihre Spuren hinterlassen. Lässt man sich, befreit vom Korsett eines engen Terminkalenders, auf diese Realien, auf diese „Erinnerungsorte“ ein, so ergänzt dies nicht nur die wissenschaftliche Arbeit. Vielmehr erhält sie einen anderen Akzent und eine andere Farbe, da auch entfernt erscheinende Dinge bedeutungsvoll und beziehungsreich zu werden vermögen.

Für einen Musikwissenschaftler mag dies sonderbar erscheinen, gilt doch die Musik selbst als abstrakte Kunst. Doch ist sie stets das Resultat von handelnden Menschen der Vergangenheit, denn im Moment des Erklingens wird sie bereits Geschichte. Selbstverständlich materialisiert sich diese Vergangenheit, jedenfalls bis zum Beginn des Zeitalters der akustischen Reproduzierbarkeit, vor allem in den Partituren; die Berliner Staatsbibliothek birgt eine der größten musikalischen Schatzkammern der Welt. Doch bieten Erkundungsgänge durch die urbane Wirklichkeit, auf den Spuren der näheren oder weiteren musikalischen Vergangenheit, die unverhoffte Chance, dem Abstraktum der Überlieferung die konkrete Erinnerung an die Handelnden beizugeben – und dies umso eindrücklicher, je näher die Geschichte an der Gegenwart liegt.

Berlin ist, dies fällt dem Fremden sogleich auf, eine enorm selbstverliebte Stadt. Sie gefällt sich in einer Fülle von Superlativen, die, so scheint es, von den Berlinern – wenn auch in der ihnen eigenen unaufgeregten Schnoddrigkeit – bereitwillig aufgegriffen werden. Vielleicht tun sie dies auch, um den Unwägbarkeiten des täglichen Lebens, den Sorgen der heterogenen Großstadt das Gefühl des Besonderen entgegensetzen zu können. Doch käme wohl niemand auf die Idee, Berlin – wie man es sich in Leipzig oder Wien zur selbstverständlichen Gewohnheit gemacht hat – als „Musikstadt“ zu bezeichnen. Sogar die stoisch an den Wänden der U-Bahn-Stationen harrenden Werbeplakate, auf denen Berlin zur „Opernhauptstadt“ (welchen Reiches auch immer) deklariert wird, verraten mehr Trotz als jenes Selbstbewusstsein, an dem es ansonsten nicht mangelt. Diese Zurückhaltung mutet allerdings erstaunlich an, weil die musikalische Geschichte Berlins im europäischen Vergleich nicht nur reich, sondern eben doch einzigartig ist, jedenfalls ab einem gewissen Zeitpunkt. Denn dem Charakter als „später“ Residenz entsprechend setzte dieser Reichtum zwar erst gegen Ende des 17. Jahrhunderts ein, dann aber, auch dies sehr berlinerisch, geradezu schlagartig und mit einer so großen Wucht, dass die Stadt, nach dem kurzen Zögern unter Friedrich Wilhelm I., zu einer musikalischen Metropole europäischen Ranges werden sollte, für lange Zeit. Das Fanal des Jahres 1933 wirkte auch in diesem Segment der Geschichte als furchtbare Zäsur, doch immerhin standen die Jahre nach 1950, anfangs sogar im Osten der Stadt, unter dem Eindruck, daran anknüpfen zu wollen.

In Berlin behandelt man diese musikalische Geschichte und ihre Bedeutung für die Gegenwart beiläufig, ja, so erscheint es dem Fremden, fast mit nonchalantem Desinteresse. Das verblüfft, weil schon die Wirklichkeit des frühen 21. Jahrhunderts beeindruckend genug ist: Berlin verfügt zum Beispiel über sieben hochrangige Orchester. Dabei gehören nicht allein die Philharmoniker zur internationalen Spitze, auch das Orchester der Deutschen Oper zählt noch immer zu den besten Opernorchestern der Welt. Abgesehen von fortwährenden Auseinandersetzungen um das Geld und den Sinn von Stiftungen und Verbundfinanzierungen spielt dieser beeindruckende Umstand in der öffentlichen Debatte kaum eine Rolle. Oder: die Stadt beherbergt drei Opernhäuser, und bis heute konnte sich der Gesamtstaat nicht dazu bekennen, das Patronat wenigstens für die alte königliche Oper, also die frühere Staatsoper, zu übernehmen (so, wie es doch mit den Museen und Bibliotheken in der Stiftung Preußischer Kulturbesitz schon früh geschehen ist). Der erste vollendete Bau des neuen Forum Fridericianum war das 1742 eröffnete Opernhaus von Knobelsdorff, das nun, 270 Jahre später, wohl das (unabsehbar weit entfernte) Schlusslicht der Sanierungen an der Lindenallee bildet – begleitet von einer seltsamen Debatte um die richtige Gestalt, die man doch, mit Blick zum Beispiel auf die Sächsische Staatoper, leicht und eindeutig hätte entscheiden können. In welcher Form die beeindruckende Geschichte des Hauses überhaupt im wiedererrichteten Gebäude vergegenwärtigt werden soll, lässt sich derzeit noch nicht absehen.

Das sonst so selbstbewusste Berlin wirkt in musikalischen Dingen seltsam verzagt, und diese Verzagtheit prägt auch den Umgang mit der Historie. Während der Wiederaufbau des Schlosses oder der Bauakademie mit kaum enden wollender Inbrunst diskutiert werden, ist eine Rekonstruktion der 1827 vollendeten und heute bloß noch als Hülle existierenden, auf Schinkels Entwurf zurückreichenden Singakademie nie erwogen worden, obwohl gerade sie nicht nur ein einzigartiges Merkmal der berlinischen Musikkultur gewesen ist, sondern einen der bedeutendsten (und folgenreichsten) Konzertsäle des 19. Jahrhunderts beherbergt hat; in ihm führte Mendelssohn im März 1829 Bachs Matthäuspassion erstmals wieder auf. Das Gedankenspiel, in der Stadt neben der Philharmonie Scharouns und dem umgebauten Schinkel‘schen Schauspielhaus über einen dritten Saal von Weltgeltung zu verfügen, ist nicht bloß vordergründig reizvoll, und es hat nichts mit der Verliebtheit in sinnlose Rekonstruktionen zu tun, sondern wäre ein Tribut an die musikalische Vergangenheit Berlins – mit bedeutenden Konsequenzen für die Gegenwart. Immerhin wirkt das gut gepflegte Grabmal Carl Friedrich Zelters auf dem Friedhof bei der Sophienkirche wie eine Mahnung, die Hoffnung wenigstens nicht ganz aufzugeben.

Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass man sich der musikalischen Geschichte Berlins nicht wirklich gern erinnere, und dies ist nicht einfach nur der massiven, unaufhaltsam anmutenden Erosion der musikalischen Bildung zu verdanken. Beim Gang durch die Stadt fallen weniger die existierenden Erinnerungsstücke auf als die fehlenden, die wenigstens gelegentlich durch private Initiative ergänzt wurden. Nichts erinnert an Gasparo Spontinis Wohnung in der Markgrafenstraße 48, nichts an die Musiker des 18. Jahrhunderts wie Carl Heinrich Graun, der an der 1964 endgültig ausgelöschten Petrikirche in Cölln beigesetzt wurde, oder Carl Philipp Emanuel Bach, der in der Friedrichstraße lebte. Sein Vater besuchte Berlin zweimal, Mozart erlebte hier einen Triumph, ohne dass es Hinweise darauf gäbe. Allein eine ostentativ aufrechterhaltene, dadurch aber nicht korrekter werdende Portrait-Zuschreibung in der Gemäldegalerie zeugt von Mozarts Gegenwart. An Felix Mendelssohns Wohnung in der Leipziger Straße erinnert erst seit 2002 eine auf Drängen der Mendelssohn-Gesellschaft errichtete Gedenktafel. Zwei der drei Wohnungen von Richard Strauss, der doch immerhin zwanzig Jahre in Berlin gewirkt hat, sind erhalten, gekennzeichnet ist nur eine (kurioserweise nicht diejenige, in der er die Feuersnot vollendet hat). An Paul Hindemith, der aus der Stadt schließlich fliehen musste, erinnert nur eine private Tafel.

Nicht alle Erinnerungen lassen sich materialisieren, so sind die legendären Opernaufführungen um 1700 im heutigen Schloss Charlottenburg wohl wirklich nur noch für den Historiker interessant. Doch die Kroll-Oper, vor der Entwertung durch Hitler ein bedeutendes Zentrum des neuen Musiktheaters, ist vollständig verschwunden (die Reste wurden 1951 gesprengt und 1957 abgerissen, auf Geheiß des Bezirksamtes Tiergarten), aber hätte man nicht beim Bau des neuen Bundeskanzleramtes an irgendeiner Stelle auffälliger daran erinnern können, als es die heutige Tafel auf der Rasenfläche tut? Die urbane Wirklichkeit Berlins ist erstaunlich reich an noch bestehenden Erinnerungsorten; ein Gang auf diesen Spuren ist zugleich ein Ausflug in die musikalische Geschichte Europas, der freilich nicht selten mühsam erschlossen werden muss. Berlin wollte sich offenbar – anders als Wien – nie mit diesem Teil seiner Geschichte identifizieren, dieses große Erbe nie als wirkliche Herausforderung annehmen. Wer heute die Deutsche Oper betritt, wird auf eine allenfalls zurückhaltende Weise an die große, einhundertjährige Geschichte des als Charlottenburger Oper errichteten Hauses erinnert. Sie war einst die eigentliche Städtische Oper.

In einer allgegenwärtigen Kultur des Gedenkens und Erinnerns, die in Berlin zuweilen auch seltsame Blüten treibt, spielt die Musik eine höchstens marginale Rolle, obwohl das Gedenken daran im lärmüberfluteten Alltag der Großstadt auch ein Weg sein könnte, ein Gegengewicht zu setzen. Doch wenn man liest, dass neuerdings eine aufwendig vorbereitete Klanginstallation den Besucher von Peter Eisenmans Denkmals für die ermordeten Juden Europas begleiten soll, dann fragt man sich mit Unbehagen, ob hier nicht auch ein falscher musikalischer Weg beschritten wird. In der Stadt von Moses und Felix Mendelssohn, von Giacomo Meyerbeer oder Arnold Schönberg gäbe es gewiss andere und vor allem angemessenere Wege, sich auch dieses Kapitels zu vergewissern. Jedenfalls wären es solche, die mit der Geschichte der Stadt tatsächlich zu tun haben – und ihr nicht einfach als Produkte des medialen Zeitalters auferlegt werden.

Bedenkt man die öffentliche Aufmerksamkeit, welche die Berliner Museen erregen, dann erstaunt den Spaziergänger die Gelassenheit, mit der man die musikalische Geschichtsvergessenheit Berlins hinzunehmen bereit ist. Der Sturm der Entrüstung, den die Pläne zur Umsiedelung von Teilen der Gemäldegalerie verursacht haben, ist in musikalischen Fragen kaum denkbar: Mit stoischer Ruhe scheint man hinzunehmen, dass ein international herausragendes Opernhaus unter den improvisatorischen Umständen des Schillertheaters arbeiten muss, unter nach wie vor nicht absehbaren Fristen. Der 150. Geburtstag von Richard Strauss scheint, wie mancher andere musikalische Gedenktag, in der Stadt weitgehend unbeachtet zu verhallen. Der Spaziergänger auf den Spuren der musikalischen Geschichte Berlins fühlt sich daher zuweilen wie ein Archäologe, der nach Trümmern längst vergangener Zeiten sucht. Die Ansicht, das selbstverliebte Berlin habe solche Selbstvergessenheit nicht nötig, ist freilich diejenige eines Fremden. Es wäre aber vielleicht nicht nur für ihn ein Glück, wenn Berlin den Mut finden würde, sich als Musikstadt zu begreifen. Diese Einsicht wäre für einmal gewiss nicht großspurig oder gar übertrieben, sie wäre einfach nur angemessen. Vielleicht ist es aber vor allem diese Angemessenheit, die wahrhaft Mühe bereitet.

Fotos:© Maurice Weiss