Zum Auftakt

von  Katharina Wiedemann

29. Januar

 

 

Den Anfang der digitalen Köpfe und Ideen 2016 wollen wir mit Gertrude Lübbe-Wolff machen. Das Arbeitsvorhaben, das sie als Fellow ans Kolleg mitgebracht hat, ist in methodischer Hinsicht zutiefst undigitaler, geradezu analoger Natur: Im Gespräch mit Richtern sogenannter Höchstgerichte untersucht sie vergleichend deren Beratungskulturen. Hierfür bringt sie nicht nur Erfahrungen aus zwölf Jahren als Bundesverfassungsrichterin in Karlsruhe mit, sondern eine durch eben jene Zeit wohl noch gesteigerte Neugier darauf, welche Bedingungen, Traditionen und Routinen an Gerichten weltweit zur Entscheidungsfindung beitragen. Hannah Bethke, Politikwissenschaftlerin und Journalistin, hat sie für uns porträtiert.

Die Umgebung des Kollegs, der Stadtteil Grunewald, bietet nicht nur viel Grün und viel Wald, sondern auch eine erstaunliche Bauvielfalt. Einige Beispiele haben wir in diesem Jahr als visuellen Rahmen für unsere Köpfe ausgewählt. Ob die Sphinx auf der Bismarckbrücke eine assoziative Übersprungsreaktion der Redaktion gewesen ist, bedenkt man die weisen Entscheidungen der Porträtierten oder der von ihr untersuchten Gerichte, bleibt der Beurteilung der Leserinnen und Leser überlassen.

„Die Evidenz der Urteilskraft“ finden Sie auf Deutsch und Englisch ergänzt um einen Ausblick auf die kommenden Beiträge.

 

 

3. März

 

 

Das zweite Portrait der diesjährigen Köpfe und Ideen ist der französischen Soziologin Bénédicte Zimmermann gewidmet. Seit März 2015 trägt sie als Permanent Fellow zur Stärkung der sozialwissenschaftlichen Perspektive am Wissenschaftskolleg bei. In ihrer Forschung widmet sie sich aus vergleichender Perspektive den Bedingungen von Arbeit und Arbeitslosigkeit; gegenwärtig führt sie eine Untersuchung der beruflichen Situation von Angestellten in multinationalen Unternehmen durch. Der Wirtschafts- und Politikjournalist Ralph Bollmann hat sich mit Bénédicte Zimmermann über ihre Arbeit unterhalten.

 

 

Die Idee, sie vor der in der Nachbarschaft des Kollegs gelegenen Villa Noelle ins Bild zu setzen, schien passend. Das Gebäude wurde 1901 als Privathaus des Berliner Industriellen und Großarbeitgebers Ernst Noelle errichtet. Dessen Enkelin, Elisabeth Noelle-Neumann, die Begründerin demoskopischer Umfragen in Deutschland, wurde in diesem Haus geboren. Wer die überaus passende Fabrikuhr an der Fassade des leerstehenden Hauses angebracht hat, bleibt allerdings ein Rätsel.

 

7. April

Heute erreicht Sie ein weiterer Blick in den aktuellen Fellowjahrgang des Wissenschaftskollegs. Eine der vier Schwerpunktgruppen des akademischen Jahres beschäftigt sich mit den Ursprüngen von Sprache in Biologie, Kultur und Gesellschaft. Das klingt nach einer Großaufgabe, der sich die vier Mitglieder – ein Computerlinguist aus Barcelona, eine Philosophin aus Tel Aviv, ein Linguist aus Jena und ein Kognitionswissenschaftler aus Lund – jedoch ohne erkennbares Zaudern, vielmehr mit Verve und Neugier stellen. Die Wissenschaftsjournalistin Manuela Lenzen hat die verschiedenen Ansätze und den Diskussionsstand der Gruppe für uns dokumentiert.

Zur Topografie-Serie des Grunewalds gehört auch der Teufelsberg und darauf eine seit 1991 verlassene Abhöranlage der amerikanischen Alliierten. Sprache und Zeichen waren hier Tagesgeschäft. Schaut man sich die attraktiv-ruinösen Radome mit den vielen darauf hinterlassenen Graffiti an, so scheinen sie auch weiterhin eine große Rolle zu spielen. Grund genug, die Gruppe zum Fototermin dorthin zu bitten.

12. Mai

Heute stellen wir Ihnen eine zweite Schwerpunktgruppe des aktuellen Fellowjahres vor. Sie beschäftigt sich mit Schmerz, insbesondere bei Tieren. Wie kann er erfasst, bestimmt, gemessen werden? Beginnt oder endet der Schmerz mit einer rein physischen Reaktion oder gibt es auch den Trennungsschmerz des Jungtiers, das von der Mutter separiert wird? Zwei Biologen werden bei der Auswertung ihrer Versuchsreihen von einer Philosophin unterstützt.

Zu den zentralen Interessen der Gruppe gehört auch das - dem landläufigen Tierliebhaber möglicherweise peripher erscheinende - Wohlergehen der Fische. Die vielen kleinen und großen Seen im Grunewald, an denen auch sportlich geangelt wird, mögen daran erinnern, mit welch interessantem Forschungsfeld man es hier zu tun hat, will man die auch juristisch immer stärker in den Fokus rückenden Tierrechte ernst nehmen.

Sonja Kastilan, Biologin und Journalistin mit Schwerpunkt in den Life Sciences, hat die drei Schmerzforscher getroffen.

28. Juni

 

 

Den Abschluss der Köpfe und Ideen des Fellowjahrs 2015/2016 bildet ein Porträt des Historikers Leor Halevi. Ihn interessiert, wie muslimische Rechtsgelehrte auf Dinge, Produkte, Waren reagierten, welche im aufblühenden Handel seit der frühen Neuzeit in arabischen Ländern Einzug hielten und die heute das Zeug der Moderne sind. Die Wechselbeziehungen zwischen islamischer Gesetzgebung und westlich-säkularen Gütern und die vielfältigen Interessenlagen innerhalb dieses Austauschs hat er mit dem Journalisten und Literaturwissenschaftler Hans-Joachim Neubauer besprochen.

 

 

 

 

Der Fototermin mit Leor Halevi fand bei strömendem Regen und tosendem Güterverkehr vor der Botschaft Katars am Grunewalder Roseneck statt.