Verbotene Waren

Der Historiker Leor Halevi erforscht, wie die muslimische Welt auf Zeug der Moderne reagierte

von Hans-Joachim Neubauer

Gongs zum Beispiel, Gongs können schwierig sein. Nicht unbedingt für Leor Halevi, aber zum Beispiel für einige Muslime in Indonesien, die sich zu Beginn des 20. Jahrhundert an einen Rechtsgelehrten mit der Frage wandten, ob es in Ordnung sei, wenn der Muezzin sie mit einem dieser riesigen chinesischen Gongs zum Gebet rufe. Eigentlich müsse er ja rufen, aber nur mit der menschlichen Stimme, oder? 

„Verbotene Waren: Transkultureller Handel im islamischen Recht“, hat Leor Halevi sein Arbeitsvorhaben am Wissenschaftskolleg betitelt. Klingt trocken, mag man denken; ein Ausflug in die Gefilde von Religion, Recht und Wirtschaft lässt wohl nicht jeden gleich an eine Abenteuerreise denken. Doch wer sich zu Halevi an den Tisch setzt, wird eines Besseren belehrt. Ruhig, freundlich, gelassen, zugleich aber mit der Leidenschaft des Entdeckers entführt der in Geschichte und Nahoststudien promovierte Harvard-Absolvent in eine Welt seltsamer, zum Teil rätselhafter Geschichten. Nein, es sind keine Märchen, die Halevi bei seinen Forschungen zum Islam entdeckt hat, aber es sind doch lebendige und immer auch exemplarische Berichte, die um ein Thema kreisen: Wie antwortet eine Religion auf die Konfrontation mit dem Fremden, dem Unbekannten? 

Halevi liest Fatwas, normative Rechtsauskünfte, Gutachten, die eine religiöse Position zu einer speziellen Frage definieren. Erstellt werden sie von maßgeblichen religiösen Autoritäten. Halevi hat Fatwas aus den verschiedensten Weltgegenden gesucht und gefunden, Texte an der Grenze von Tradition und Moderne, Texte, die erzählen, wie eine überlieferte Gesetzeswirklichkeit versucht, sich dem Neuen zu stellen. Bewusst ignoriert Halevi die Grenzen der akademischen Disziplinen. Bislang analysierten vor allem Historiker der islamischen Rechtstheorie Fatwas. Halevi nun untersucht sie im doppelten Licht der Kultur- und Wirtschaftsgeschichte. Was er so zutage fördert, zeigt, wie widersprüchlich und facettenreich sich der Kontakt von Muslimen und Nichtmuslimen gestaltete. 

Geschichte ist konkret. In den Geschichten Halevis geht es um Banknoten, Grammofone und Schallplatten, es geht um Gongs, Telegrafen und alkoholische Färbemittel. Und: Es geht um Toilettenpapier. Toilettenpapier? Was sollte daran das Problem sein? Das ist eine lange Geschichte, sagt Halevi, und erzählt sie. Ende des 19. Jahrhunderts beginnt die Industrie in den westlichen Staaten, spezielles Toilettenpapier zu entwickeln – praktisch, perforiert, gerollt, gefaltet. Halevi berichtet von einer Fatwa aus dem Sudan. Darin geht es, 1909, um die Frage eines Gläubigen, der wissen will, ob es gesetzeskonform wäre, auf Toilettenpapier auszuweichen, wenn die normale und vorgeschriebene Körperreinigung mit Wasser unmöglich sei. Wäre, wer Toilettenpapier benutzt, rituell rein – und zugelassen zum Gebet? Oder müssten die Gebete unter anderen Bedingungen wiederholt werden? 

Oder die Telegrafen: An nichts haben wir uns heute so gewöhnt wie an die elektronische Übermittlung von Informationen. Doch die Einführung der elektrischen und elektromagnetischen Telegrafie stellte strenggläubige Muslime vor ein Problem – etwa wenn die Anlagen benutzt wurden, um die korrekte Zeit für den Beginn oder das Ende des Ramadan zu übermitteln. Oder wenn es um mündliche Aussagen in einem Rechtsstreit ging. Schließlich regelt das islamische Gesetz, in welchen Fällen schriftliche Aussagen benötigt werden. Ähnliches wird diskutiert anlässlich von Schallplatten mit Koran-Lesungen. Was ist erlaubt? 

Halevi erstellt nicht bloß einen Katalog der fragwürdigen Gegenstände, ihn interessieren die Debatten um Dinge und Praktiken, die Spiegelungen des einen im anderen. Im frühen zwanzigsten Jahrhundert werden vermehrt alltägliche Fragen des Zusammenlebens der Religionen diskutiert: Dürfen Muslime mit Wein handeln? Dürfen sie mit Produkten Geld verdienen, die aus Schweinefleisch hergestellt wurden? Dürfen sie Lotto spielen? 

Sogar Papiergeld ist nicht selbstverständlich. Im Mittelalter verwendeten muslimische Händler Kreditbriefe und Wechsel, Dokumente aus Papier, um ihre Geldgeschäfte leichter abwickeln zu können. Eigentlich ließe sich das leicht auf Banknoten ausdehnen, die ursprünglich Schuldscheine waren: Urkunden, die auf eine materielle Auszahlungspflicht der Notenbanken verweisen, auf einen konkreten Gegenwert in Gold oder Silber. Doch als das Geld abstrakter wurde, fragten sich gläubige Muslime, ob sie überhaupt mit Scheinen bezahlen dürften, die wertvolle Münzen aus Metall bloß symbolisierten. Das Ergebnis: Sie durften. Auch der Gläubige, der sich nach der Körperreinigung ohne Wasser erkundete, dürfte erleichtert gewesen sein, als er die Antwort erhielt: „Keine Sorge, es ist vollkommen in Ordnung, Toilettenpapier zu benutzen.“ 

Wenn Leor Halevi von diesen Dingen erzählt, wenn er die arabeskenhaften Geschichten ausbreitet, die er ausgegraben hat, spiegelt sich die Entdeckerfreude in seinem Gesicht. Das Motto seiner Alma Mater, der Vanderbilt University von Nashville, Tennessee, passt gut zu ihm: „Neugier treibt uns an.“ Geboren wurde er 1971 in Montreal, er wuchs auf in Mexiko, studierte Geschichte und Middle Eastern Studies in Yale und Harvard, lernte Arabisch und promovierte über islamische Todesrituale. Islamisches Recht studierte er an der École des hautes études en sciences sociales in Paris. Wenn Halevi im Sommer mit seiner Frau und seinen drei Kindern nach Nashville zurückkehrt, wird er dort wieder als Associate Professor arbeiten. Und wie es aussieht, wird er ein Buchmanuskript in der Tasche haben. Darin geht es um die besonderen Gegenstände, Waren und Praktiken, die im 20. Jahrhundert diskutiert werden: Toilettenpapier, Geldscheine, Telegrafen et cetera. Und es geht um die Frage, wie sich diese Debatten im Laufe der Jahrzehnte verändern. Mit der Globalisierung der Arbeit nehmen die Kontakte zwischen Muslimen und Nichtmuslimen rasant zu. Restaurants, Banken und Büros werden zu Orten des transkulturellen Austauschs. Um Leser muss sich Halevi nicht sorgen: Dem guten Erzähler, exzellenten Wissenschaftler und brillanten Autor haben bereits mehrere renommierte Verlage Angebote gemacht. 

Warum eigentlich beschäftigt sich Halevi mit diesem Thema? „Gute Frage“, sagt er und lacht, „das hat sicher mit meinem persönlichen Hintergrund zu tun.“ Ein Mufti als Nachbar, ein Muslim als Onkel? Nein. Halevi wuchs auf in einem säkularen jüdischen Zuhause in Mexiko. Schon früh bestaunte er die üppigen Rituale seiner katholischen Umgebung. Lange bevor er begann, sich für den Islam zu interessieren, beobachtete er, wie Religion das soziale Leben bestimmen kann. „Ich hätte auch ein Historiker des Christentums werden können“, meint er, aber letztlich habe ihn der Islam dann doch mehr begeistern können. Wohl auch, weil bislang nur sehr wenige Studien von Rang den Zusammenhang von materieller und ideeller Geschichte im muslimischen Kulturraum beleuchten. 

Neugier treibt an. Und immer wieder spielen auch persönliche Zufälle eine Rolle. Dass sich Halevi für den muslimischen Umgang mit den Essensvorschriften interessiert, liegt nicht daran, dass er sich durch die Halal-Normen an koscheres Essen erinnert fühlte. Aufmerksam für das Richtig und Falsch beim Essen wurde er vielmehr, weil eines seiner drei Kinder eine Lebensmittelallergie entwickelte. Normen und Wirklichkeit hängen zusammen. Ganz besonders in den Religionen: „Mich fasziniert die Spannung zwischen religiösen Ideen und konkreter Praxis.“ Nur Ideen, das wäre Halevi auf Dauer nicht genug; Geschichte ist und bleibt halt konkret.  

Forschung vermehrt Wissen. Doch wozu dient dieses Wissen? Halevi sieht den Sinn seiner Studien zum einen in der Aufklärung über das Vergangene. Er will verstehen, wie die Gegenwart zu der geworden ist, die wir vorfinden. Viele der immer wieder spürbaren Friktionen zwischen Anhängern verschiedener Religionen ergeben sich aus neu definierten Bräuchen, Normen, Regeln. Religionen zeigen sich auch im Alltag; er sieht sie als kulturelle Phänomene, „nicht unabhängig von der Welt, sondern von materiellen Kräften geformt. Am Ende werden sie von der Begegnung mit Objekten, Technologien und anderem Neuen gestaltet, das in die Gesellschaft kommt.“ 

Dieser konsequent historische Blick hat natürlich Konsequenzen für den Wahrheitsanspruch der Religion. Für Halevi „gibt es kein festes Set von Glaubensinhalten, das unveränderlich und nicht wandelbar wäre“, er konzentriert sich dagegen auf „hervorstechende Inhalte aus der religiösen Struktur, die unter bestimmten Bedingungen betont werden.“ So werden wechselnde elementare Normen des Korans herangezogen, wenn über Neues nachzudenken ist, wenn ein Weg gesucht wird, die Tradition mit der Moderne zu verbinden. Denn am Ende geht es darum, dass die Menschen lernen wollen, wie man mit dem Neuen lebt, ohne das Alte zu verlieren. 

Religionen sind eben kulturelle Systeme, und kulturelle Praktiken und Normen regeln ihr Miteinander. Angesichts der grassierenden Fundamentalismen ist das nicht mehr selbstverständlich. Mit seinen Recherchen stellt Halevi den kategorialen Unterschieden der Bekenntnisse die alltägliche Lebenspraxis zur Seite. Religion verändert sich, immer, „itʼs a changing thing“, sagt Halevi, und fragt nicht nach den ewigen Wahrheiten, sondern nach dem jeweiligen Hier und Heute, nach Papier und Gong, nach Wein und Schein. Damit sagt er auch etwas über die Adressaten seiner Forschung aus. Aber natürlich ist Halevi viel zu bescheiden, zu behaupten, seine Forschung sei für uns alle nützlich. sei. Viel lieber sitzt er da und erzählt von seinen Abenteuern und Entdeckungen: kleine und kluge Geschichten von früher, in denen sich so viel spiegelt von heute. 

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Fotos:© Maurice Weiss