Mehr als nur ein Job

Bénédicte Zimmermann, Permanent Fellow am Wissenschaftskolleg, erforscht die Metamorphosen der Arbeit in ihrer historischen und transnationalen Dimension. Das eröffnet ungewohnte Perspektiven auf aktuelle Fragen

von Ralph Bollmann

Für die meisten Menschen nimmt die Arbeit einen großen Teil ihres Lebens ein. Trotzdem war sie als Forschungsthema eine Zeit lang aus der Mode. Angesichts der rasanten wirtschaftlichen Veränderungen hat sich das gründlich geändert. Umso gefragter ist die Expertise der französischen Soziologin und Historikerin Bénédicte Zimmermann, die sich seit Langem damit beschäftigt. Schon 1996 promovierte sie über die Geschichte der Arbeitslosigkeit in Deutschland. Gemeinsam mit ihrem französischen Kollegen Michael Werner entwickelte sie das Konzept einer deutsch-französischen „histoire croisée“, einer „verflochtenen Geschichte“. Seit 2007 ist sie Directrice d’études an der École des hautes études en sciences sociales in Paris, seit 2015 zugleich Permanent Fellow am Wissenschaftskolleg zu Berlin. Im Interview zieht sie eine Bilanz ihrer Forschungen und spricht über künftige Vorhaben.

Ralph Bollmann: Ihr jüngstes Buch trägt den Titel Was Arbeiten bedeutet. Das ist nun wirklich eine große Frage. Gibt es darauf überhaupt eine Antwort?

Bénédicte Zimmermann: Es gibt nicht die eine, endgültige Antwort, heute weniger denn je. Die Frage lässt sich mindestens auf drei unterschiedlichen Ebenen stellen: Was bedeutet Arbeit in einer bestimmten Gesellschaft, in einem bestimmten Betrieb, für einzelne Personen? Meist ist die erste oder die zweite Ebene angesprochen. Mir ist aber besonders wichtig, wie diese drei Ebenen zusammenhängen. Das erfordert, die individuelle Sinnsetzung und ihre Vielfalt wahrzunehmen. 

RB: Geht es bei der Arbeit überhaupt um Sinn? Oder einfach nur ums Geldverdienen?

BZ: Es ist paradox. Wer keine Beschäftigung hat und nach einer Arbeit sucht, sieht darin in erster Linie ein Mittel zum Lebensunterhalt. Aber für die Leute, die am meisten Geld verdienen, ist eben dieses Geld meist nicht der zentrale Punkt. Sie suchen Selbstverwirklichung. Was bedeutet Arbeiten für das Individuum zu einem bestimmten Zeitpunkt seiner Laufbahn, und was ist, vom Ganzen der Gesellschaft her gesehen, der ökonomische, finanzielle und menschliche Zweck der Arbeit? Es handelt sich um nichts Geringeres als die Anerkennung der Tatsache, dass die Werte, die Menschen mit der Arbeit verbinden, höchst verschieden sein können.

RB: Welche Rolle spielt soziale Anerkennung?

BZ: Eine große. Und zwar nicht nur auf der symbolischen Ebene, sondern auch ganz konkret. In Frankreich und Deutschland läuft die soziale Absicherung hauptsächlich über das Lohnverhältnis. Wer keine Arbeit hat, hängt von der Armenfürsorge ab und bekommt auch später keine Rente.

RB: Diese zentrale Rolle der Arbeit nehmen wir heute als selbstverständlich hin. In vormodernen Gesellschaften war die Sicht anders. Bei Aristoteles gibt es sogar die Vorstellung, dass ein wirklich freies Leben nur ohne Arbeit möglich ist.

BZ: Stimmt, das hat sich in der Moderne grundlegend gewandelt. In früheren Jahrhunderten beruhte die Stellung in den europäischen Gesellschaften auf anderen Arten des Vermögens, vor allem auf Geburtsständen und Grundbesitz. Heute geht es um das soziale Vermögen, das die Arbeit schafft. Das gilt teilweise auch für die Eliten. Soziale und politische Integration ist in unserem Gesellschaftsbild mit Arbeit verbunden.

RB: Haben die Menschen nicht immer gearbeitet?

BZ: In gewisser Weise ist das eine anthropologische Konstante. Nur haben wir im 20. Jahrhundert mit der Lohnarbeit eine besondere Form und Bedeutung der Arbeit privilegiert. Mit dem digitalen Kapitalismus entwickeln sich aber andere Arten der Beschäftigung. Es gibt einen enormen Druck hin zu mehr Autonomie in der Arbeit und im Arbeitsleben. Dieser Druck ist zugleich wirtschaftlich und sozial bedingt, was hoch ambivalente Konsequenzen nach sich zieht.

RB: Die neuen Arbeitsformen bringen doch auch neue Freiheiten für die Beschäftigten?

BZ: Vielleicht kann man etwas Gutes daraus machen. Doch der Diskurs der Selbstverantwortung, der sich mit dem Freiheitsdiskurs verbindet, ist fragwürdig. Oftmals überfordert das die Möglichkeiten des Einzelnen. Und nicht alle Leute verfügen über die entsprechenden Ressourcen. Verantwortlich zu sein, bringt nicht nur individuelle Ressourcen ins Spiel. Sondern auch kollektive oder, wenn man auf die Betriebsebene blickt, organisatorische – zu denen nicht alle denselben Zugang haben. Wie kann die Verantwortung für die Qualität der Arbeit dem Arbeitnehmer übertragen werden, wenn er nicht über die angemessenen technischen, materiellen und zeitlichen Mittel verfügt, um die ihm aufgetragenen Ziele zu erreichen? Das gilt sogar für Führungskräfte, wenn ein Manager nicht genügend Personal bekommt, um seine Aufgaben ordentlich zu erledigen.

RB: An die Idee der Lohnarbeit knüpft sich das Konzept der Arbeitslosigkeit. Im Deutschen entstand das Wort, wie Sie nachgewiesen haben, erst vor rund hundert Jahren. Warum so spät?

BZ: Das französische Wort für Arbeitslosigkeit erinnert noch an die alten Zustände. „Chômage“ kommt von „chaumes“. Das sind die Strohballen, die im Sommer auf den Feldern trockneten. Während dieser Zeit hatten die Bauern weniger zu tun. Diese Formen der Nichtarbeit waren in der Vormoderne alltäglich. Aber das war etwas grundsätzlich anderes als unser Begriff von Arbeitslosigkeit, der eng mit dem Begriff der Lohnarbeit verknüpft ist.

RB: Was hat sich verändert?

BZ: Mit der Industrialisierung kamen die Leute in die Städte, aus Bauern wurden Arbeitnehmer. Sie konnten ihre Lebensmittel nicht mehr selbst erzeugen. Das schuf eine neue Form der Abhängigkeit, nicht nur rechtlich gegenüber dem Arbeitgeber, sondern auch ökonomisch. Und es schuf ein neues soziales Problem: Wenn es zu Arbeitsmangel kam, wuchs durch die Zahl der arbeitslos werdenden Arbeiter auch die Zahl der Armen. Das Kaiserreich sortierte die grobe Kategorie der „Armut“ in Unterkategorien – je nach Ursache. So entstanden unter Bismarck die Sozialversicherungen. Sie zielten auf Armutsursachen, für die man die Arbeiter nicht verantwortlich machte.

RB: Die Arbeitslosenversicherung wurde in Deutschland erst 1927 eingeführt. Warum so spät?

BZ: Weil die Schuldfrage so umstritten war. Wenn jemand bei der Arbeit seinen Arm einbüßte, war die Sache ziemlich klar. Aber wenn jemand seine Arbeit aus ökonomischen Gründen verlor und der Chef sagte: Er ist faul oder verhält sich unangemessen – wem sollte man da glauben? Erst die Weimarer Republik hat das überwunden. Nachdem die Arbeiter im Ersten Weltkrieg gekämpft hatten, wurden sie zu Bürgern wie alle anderen. Heute kehrt die Schuldfrage zurück – und der Verdacht: Wer keine Arbeit hat, der will auch nicht arbeiten. 

RB: In Ihren Forschungen beschäftigen Sie sich mit verschiedenen Ländern, vor allem mit Deutschland und Frankreich. Was lernt man aus dieser internationalen Perspektive?

BZ: Wenn wir, trotz aller Widerstände, Europa gemeinsam weiter aufbauen wollen, brauchen wir einen neuen Blick. Es genügt nicht, nur die Unterschiede zu analysieren oder allein die wechselseitigen Transfers zu betrachten. Wir müssen stattdessen auf die engen Verflechtungen schauen. Mein Kollege Michael Werner und ich, wir haben das „histoire croisée“ genannt – verflochtene Geschichte.

RB: Ist das eine Rückkehr zu den Klassikern der Soziologie, die noch historisch dachten?

BZ: Vieles davon findet sich in der Tat bei Georg Simmel. Er betrachtet die Gesellschaft nicht allein von der Totalität oder von den Individuen her, sondern in ihren Wechselwirkungen. Er bringt die Menschen zueinander in Beziehung. Und er greift in seiner Philosophie des Geldes die Sinnfrage auf: Was ist für die Menschen von Wert? Das kann man nicht von oben dekretieren. Da geht es darum, was die Leute selbst empfinden.

RB: Man sollte meinen, in Zeiten der Globalisierung wird die Vorstellung von Arbeit in den verschiedenen Ländern immer ähnlicher. Ist das so?

BZ: Es gibt immer noch große Unterschiede. Sie sind nicht nur ökonomisch bedingt, sondern auch kulturell. Es gab vor ein paar Jahren eine große Untersuchung über die Werte der Europäer in Bezug auf die Arbeit. Das Ergebnis war: Nirgendwo in Europa hat sie so einen hohen Stellenwert wie bei den Franzosen.

RB: Das Klischee sagt doch immer, für die Deutschen sei die Arbeit am wichtigsten?

BZ: Offenbar nicht. Allerdings stehen die Franzosen zugleich an der ersten Stelle derjenigen, die weniger arbeiten wollen. Das klingt erst einmal paradox.

RB: Haben Sie eine Erklärung dafür?

BZ: Die Arbeitsbeziehungen sind in Frankreich hierarchisch. Demokratie im Betrieb gibt es kaum. Das ist in Deutschland anders. Selbst wenn es eine begrenzte Demokratie ist. Man hat ein gemeinsames Ziel und man zieht an einem Strang, um dieses Ziel zu erreichen. In einer Krise arbeitet man etwas weniger für ein bisschen weniger Lohn, weil man weiß, dass es hinterher wieder besser geht. Das ist in Frankreich sehr schwer. Dort gibt es ein solches Misstrauen zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern, dass Solidarität innerhalb eines Betriebs ganz schwer zu erreichen ist.

RB: Mit dieser Frage nach der Arbeitskultur wollen Sie sich am Wissenschaftskolleg intensiver beschäftigen. Was haben Sie vor?

BZ: Wir haben sechs Firmen aus Deutschland und Frankreich ausgewählt, die in beiden Ländern Standorte unterhalten. Dort wollen wir schauen: Wie wird die Unternehmenspolitik multinationaler Unternehmen in lokalen Standorten wirksam? Wie wirkt sie sich auf die Arbeitsbeziehungen und Berufsverläufe der Beschäftigten aus? Wie ist es um Vertrauen und Misstrauen am Arbeitsplatz bestellt? Welche Konsequenzen hat die Digitalisierung mit Blick auf Co-Working oder Heimarbeit, aber auch auf klassische Arbeitsorganisationen? Welche Spielräume, welche Zwänge entstehen daraus für die Arbeitenden und die Betriebe? Ich verspreche mir davon sehr viel.

RB: „Welche Art von Arbeit für welche Art von Gesellschaft“ lautet die Leitfrage Ihres Forschungsprojekts. Was bedeutet das und wer entscheidet darüber?

BZ: Da die Arbeit für das Leben der meisten Menschen so wichtig ist, sollten sie mehr zu Wort kommen. Da bleibt noch viel zu tun, auch in Deutschland. Arbeit und Politik sind verknüpft, sie werden aber nicht unbedingt zusammen gedacht. Diese Verknüpfung findet sowohl auf der Mikroebene der Individuen statt als auch auf der Makroebene der politischen und wirtschaftlichen Organisationen. Heute sind die multinationalen Konzerne sehr stark. Solange sie die politischen, sozialen und ökologischen Konsequenzen ihrer ökonomischen Entscheidungen nicht in Betracht ziehen, wird sich wenig ändern. Nationale politische Entscheidungen reichen nicht mehr aus, um eine Gesellschaft zu steuern. Der griechische Fall bietet dafür ein paradigmatisches Beispiel. 

RB: Die Befürworter eines bedingungslosen Grundeinkommens sagen: Wenn niemand mehr für den nackten Lebensunterhalt arbeiten muss, können die Beschäftigten über die Arbeitsbedingungen selbst bestimmen. Glauben Sie daran?

BZ: Nein. Wenn wir sagen, die Arbeit gehört zum Menschen dazu, dann können wir nicht einen Teil der Gesellschaft davon ausschließen. Die Gefahr wäre, dass wir eine Zweiklassengesellschaft institutionalisieren: die Leute mit bloßem Grundeinkommen und die anderen. Wenn man Simmel darin folgt, dass Herrschaft und die Ausübung von Macht eine weitere anthropologische Konstante des Menschen ist, dann fällt es schwer zu glauben, dass ein Grundeinkommen allein die gesellschaftlichen Probleme lösen kann. Vielleicht in Zusammenhang mit anderen Maßnahmen. Die gilt es noch zu erfinden, und sicher nicht allein auf einer nationalen Ebene. Die enge Verkoppelung zwischen Wirtschaft und Politik macht daraus eine transnationale Herausforderung.

RB: Was schlagen Sie stattdessen vor? Mehr politische Regulierung?

BZ: Es geht nicht darum, die Arbeit von oben zu regulieren. Sondern darum, die Demokratie an den Arbeitsplatz zu bringen. Das widerspricht nicht den transnationalen Herausforderungen. Das menschliche Leben spielt sich auf verschiedenen Eben zugleich ab. Die einzelnen Arbeitenden sollen mitgestalten können, was Arbeiten bedeutet und wie man die Arbeit organisiert. Natürlich immer mit Blick auf den Erfolg des Betriebes. Es geht dabei nicht nur um die Arbeitszeit, sondern auch um den Arbeitsort, um die Arbeitsorganisation und um die Frage, was eigentlich betrieblicher Erfolg bedeutet. Wir erleben eine Revolution der Arbeitsbedingungen. Da passen die traditionellen Regeln nicht mehr. Die Frage ist nur, was danach kommt. Wenn wir die Arbeit nicht nur als Mittel betrachten, sondern auch als einen Zweck von Gesellschaft, dann dürfen an den Entscheidungen nicht nur Manager und Aktionäre beteiligt sein. Gewerkschaftliche Stellungnahmen reichen hier auch nicht aus. Die Integration von individueller Stimme und kollektivem Handeln ist neu zu denken, genau wie am anderen Ende das Zusammenspiel zwischen nationaler und transnationaler Politik.  

RB: Zur Zeit gibt es eine Debatte darüber, ob Computer und Roboter irgendwann einen großen Teil der Jobs erledigen. Geht uns die Arbeit bald aus?

BZ: An diese These glaube ich überhaupt nicht. Für mich geht es eher darum, Arbeit neu zu gestalten und zu definieren, zum Beispiel Familienarbeit oder Ehrenamt einzubeziehen. Es wird neue Berufsbilder geben, mit neuen Qualifikationen. Die Arbeit wird sich schon ändern. Ausgehen wird sie uns nicht.

Fotos:© Maurice Weiss