Evaluierung des Wissenschaftskollegs zu Berlin (2010)

Die vom Rektor, Luca Giuliani, eingesetzte Kommission hat am 13. Mai 2010 getagt. Mitglieder sind Rivka Feldhay vom Institute of the History and Philosophy of Sciences and Ideas der Tel Aviv University, Andreas V. M. Herz vom Department Biologie II der Ludwig-Maximilians-Universität München, Roger Nitsch von der Abteilung für Psychiatrische Forschung der Universität Zürich, zugleich Vorsitzender des Wissenschaftlichen Beirats des Wissenschaftskollegs, Helmut Schwarz, Präsident der Alexander von Humboldt-Stiftung und als Vorsitzender Gerhart v. Graevenitz, ehemaliger Rektor der Universität Konstanz.
Frau Willms-Herget vom Bundesministerium für Bildung und Forschung hat beobachtend an den Beratungen der Kommission teilgenommen.

Der Kommission stand umfangreiches Material zur Verfügung, dessen Kernstücke der Bericht des Rektors und die Befragung der fellows der Jahrgänge 2001/2 bis 2005/6 sind. Die Kommission hatte Gelegenheit zu ausführlichen Gesprächen mit dem Rektor und mit permanent fellows. Es bestand Gelegenheit der Begegnung mit fellows des aktuellen Jahrgangs.

Die Kommission dankt dem Rektor, dem Sekretär, den permanent fellows und Matthias Bergmann für ihre Unterstützung, für das bereitgestellte Material und für die große Offenheit der Gespräche.

Das Wissenschaftskolleg ist seinem Charakter wie seiner Qualität nach unverändert eine einmalige und herausragende Institution. Das gilt im nationalen wie im internationalen Vergleich mit ähnlichen Institutionen. Für die Entwicklung in Deutschland hat das Kolleg mit der Weite seiner wissenschaftlichen Perspektive und mit seiner Internationalität eine wichtige Vorbildfunktion.

Grundlage des beispiellosen Erfolgs ist die Möglichkeit des Wissenschaftskollegs, ohne äußere Vorgaben unter den besten internationalen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern solche auszuwählen, die Projekte von allerhöchster Forschungsqualität am Wissenschaftskolleg vorantreiben und die gewillt sind, den Dialog der Fachdisziplinen, der Kulturen, der Generationen und der Geschlechter aktiv zu führen. Die äußerst sorgfältige Einladungspolitik des Kollegs verbindet die verschiedenen Aspekte für eine inspirierende Zusammensetzung der Jahrgänge mit der kompromisslosen Anwendung des Qualitätsprinzips.

Die hohe internationale Reputation des Wissenschaftskollegs und seiner fellows stehen in Wechselwirkung. Dabei erscheint der Kommission die internationale Sichtbarkeit und Wahrnehmung des Kollegs als einer Institution von besonderem Rang größer zu sein als die nationale.

In ihren Antworten auf die Befragung bestätigen die fellows in ihrer ganz überwiegenden Mehrheit die optimale Umsetzung der Grundidee des Kollegs. Das Kolleg gibt ihnen vor allem Ruhe für die Arbeit an ihrem Projekt und schafft Anlässe für den intellektuellen Austausch und den wissenschaftlichen Dialog. Die Exzellenz der Dienste, die die fellows unterstützen, wird nachdrücklich hervorgehoben. Die kritischen Anmerkungen einzelner fellows hat die Kommission diskutiert. Die Kommission spricht in ihren Empfehlungen einige Entwicklungsansätze an, die sie für zukunftsweisend hält und deren Verstärkung sie daher für angezeigt hält. Sie hat dabei die beiden Herausforderungen der nächsten Jahre im Blick gehabt, den anstehenden Generationswechsel im staff und die durch die Vermehrung vergleichbarer Institutionen, zum Beispiel durch die Neugründungen im Zuge der deutschen Exzellenzinitiative, möglicherweise entstehenden Konkurrenzlagen.

Im einzelnen spricht die Evaluierungskommission folgende Empfehlungen aus:

  1. Für die Vorbereitung der Wahl des Rektors und für die Bestellung des Sekretärs empfiehlt die Kommission, jeweils die Einsetzung einer Findungskommission. Der Rektor des Kollegs sollte Mitglied der Kommissionen sein.
  2. Die Kommission bestärkt die Auswahlgremien des Wissenschaftskollegs ausdrücklich in ihrer vom Gesichtspunkt der höchsten Forschungsqualität geleiteten Auswahlpolitik der fellows und die zurückhaltende Politik der Schwerpunktbildung. Sie sieht das Ziel erreicht, dass ca. 1/3 der fellows Naturwissenschaftler sein sollen. Für deren Auswahl rät sie, die in Berlin vorhandene Expertise noch stärker in Anspruch zu nehmen sowie, vor allem zur Gewinnung jüngerer fellows, die Auszeichnungen von Fachgesellschaften im Auge zu behalten.
  3. Die Kommission begrüßt ausdrücklich die konkreten Pläne des Kollegs, mit Flexibilisierungen seines Angebots mehr jüngere fellows zu gewinnen. Sie sieht insbesondere dort, wo die Gewinnung jüngerer fellows verbunden ist mit der Gewinnung von Wissenschaftlerinnen, die Notwendigkeit zu verstärkten Anstrengungen. Sie empfiehlt das Angebot für die Kinderbetreuung entsprechend den Bedürfnissen junger fellows durch die Einrichtung einer ganztägigen WiKo-Kinderkrippe zu verstärken. Die Kommission bestärkt das Wissenschaftskolleg in der Auffassung, dass Flexibilisierung und zusätzliche Angebote die Grundzüge der Präsenz der fellows allenfalls ausnahmsweise verändern sollten.
  4. Die Kommission begrüßt ausdrücklich die Anstrengungen, die das Kolleg in der Kontaktpflege mit seinen alumni unternommen hat. Um das ganze Potential eines alumni-Netzwerkes ausschöpfen zu können, insbesondere bei der Verfolgung der Karrierewege und der Inanspruchnahme von Expertise, ist die gegenwärtige Stellenausstattung zu gering. Die Kommission empfiehlt eine Aufstockung. Die Kommission empfiehlt auch, für den Aufbau des Netzwerkes verstärkt den Rat der permanent fellows in Anspruch zu nehmen.
  5. Die Kommission unterstützt die zurückhaltende Politik des Kollegs, Öffentlichkeitsarbeit nur in dem Maße zu betreiben, als es dem Arbeiten der fellows nicht abträglich ist. Sie empfiehlt allerdings, verstärkt halb- oder inoffizielle Begegnungen zwischen fellows und Vertretern der Politik zu organisieren um insbesondere die Resonanz wichtiger Zukunftsthemen in der Arbeit der fellows zu stärken.
  6. Die Kommission empfiehlt, für die Vorbereitung der Evaluierung in fünf Jahren das Instrumentarium der Befragung weiter zu entwickeln und mit geschärften Fragen nach den besonders positiven und den besonders negativen Erfahrungen eine Befragung unmittelbar nach dem Aufenthalt und eine Nach-Befragung nach vier bis fünf Jahren durchzuführen. Für die Angabe der aus den Aufenthalten am Kolleg entstandenen Publikationen schlägt die Kommission vor, die fellows zur Beschränkung auf die wichtigsten Titel zu ermutigen.


Gerhart v. Graevenitz
im Namen der Evaluierungskommission

am 1. Juni 2010