Villa Walther

In der Villa Walther, 500 m vom Hauptgebäude entfernt, stehen den Fellows des Wissenschaftskollegs und ihren Familien 28 Mietwohnungen zur Verfügung. Diese Villa wurde im Jahre 1912/13 errichtet; sie gilt als Beispiel für die spätwilhelminische Repräsentationsarchitektur im Bereich des privaten Villenbaus. Die (heute stark verkleinerte) Gartenanlage war typisch für die parkartigen Villengärten dieser Zeit.

Nach einer vielfach kolportierten, bislang aber nicht belegten Überlieferung soll der Königliche Baurat Wilhelm Walther diese Villa im Auftrage eines wohlhabenden russischen Adligen errichtet haben. Nach Ausbruch des 1. Weltkrieges, als sein Auftraggeber die von Walther vorfinanzierten Leistungen nicht begleichen konnte, soll dieser in Konkurs geraten sein. Walther war zuvor mit mehreren großen und lukrativen Bauaufträgen hervorgetreten (u. a. die Viktoria-Versicherung in Kreuzberg und der Bayernhof in der Potsdamer Straße im Tiergarten). Er wollte offenkundig mit dem Gebäude in der Koenigsallee, das als „Einfamilienhaus“ (so der baurechtliche Terminus jener Zeit) geplant war, potentiellen Bauherren gegenüber seine Visitenkarte vorweisen. Nur so erklärt sich das großzügige Raumprogramm der Villa wie auch das Bildprogramm der Fassadendekorationen mit Reliefs, Schmuckformen und Giebelmosaiken sowie Zitaten aus dem klassischen Altertum. Der imperiale Zeitgeist des späten Wilhelminismus spiegelt sich in der Römischen Antike als wahlverwandtschaftlich erfasster Epoche.

Nach Walthers Konkurs wurde das Haus 1918 von einem Fabrikbesitzer erworben und als Wohnhaus mit Mietwohnungen genutzt. Im Jahre 1938 wurde das Gebäude vom Deutschen Reich – vertreten durch den Reichsminister der Finanzen – erworben. Ab 1939 war hier die Reichsfinanzschule untergebracht. Im 2. Weltkrieg zerstörte ein Bombentreffer 60% der Bausubstanz. Nach dem Krieg wurde der erhaltene Gebäudeteil in mehrere Wohnungen aufgeteilt. Der Rechtsnachfolger im Eigentum, die Bundesrepublik Deutschland (vertreten durch die Oberfinanzdirektion Berlin), beabsichtigte seit Ende der 60er Jahre, das Restgebäude wegen seiner Unwirtschaftlichkeit abbrechen zu lassen und das Grundstück auf dem Immobilienmarkt zu veräußern. Dazu kam es allerdings nicht, weil Gesichtspunkte des Denkmalschutzes geltend gemacht wurden. Im Jahr 1980 erwarb das Land Berlin das Grundstück. Der noch erhaltene Rest des Gebäudes sollte wieder instand gesetzt, zugleich ein Ergänzungsbau in den Umrissen des ursprünglichen Gebäudes errichtet werden (verantwortlich dafür war der Kölner Architekt Gottfried Böhm). Das Grundstück wurde im Wege eines Erbbaurechtsvertrages von einem Bauträger (Grundag) erworben. Im Jahr 1988 wurde das Gebäude in seiner heutigen Gestalt fertiggestellt und zu einem erheblichen Teil dem Wissenschaftskolleg vermietet.

Reinhart Meyer-Kalkus

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