Villa Jaffé

Seit 1995 hat das Wissenschaftskolleg drei Etagen in der Villa Jaffé angemietet. Hier gibt es Arbeitsräume und Appartements für die Fellows sowie Seminar- und Aufenthaltsräume.

Errichtet wurde die Villa in den Jahren 1901–03 durch den Architekten Ewald Becher, der auch für das Nachbargebäude Wallotstraße 12 verantwortlich zeichnet. Erster Eigentümer der Villa war Edgar Jaffé (1866–1921), Professor für Nationalökonomie an der Universität München, Begründer und – zusammen mit Max Weber und Werner Sombart – Mitherausgeber des "Archivs für Sozialwissenschaft und Sozialpolitik". Jaffé wurde im Jahre 1918 für kurze Zeit Finanzminister der bayerischen Regierung Eisner. Wie es scheint, haben Jaffé und seine Familie selber nie in diesem Gebäude gewohnt.

Im Jahr 1919 kaufte die Villa Oskar Grün, der Besitzer eines Eisenhüttenwerks in Berlin-Schöneweide. Oskar Grün lebte in der Villa mit seiner Frau Franziska, der Tochter Emmy, deren Mann, dem Kaufmann Georg Braun, und dem gemeinsamen Sohn Herbert Braun (1906–82). Nach der Machtergreifung Hitlers sahen sich die Besitzer zur Vermietung von Räumen an Pensionsgäste gezwungen. Herbert Braun wurde wegen seiner politischen Betätigung zugunsten der SPD für ein halbes Jahr im Konzentrationslager Sachsenhausen inhaftiert. Nach seiner Freilassung im Jahre 1939 emigrierte er nach Schanghai, wohin seine Eltern ihm nachfolgten (sie starben dort 1943 bzw. 1945). Herbert Braun arbeitete in Schanghai als Speditionskaufmann, im Jahre 1948 siedelte er nach Tel Aviv, dann nach Eilat in Israel über.

Aufgrund der Nürnberger Rassengesetze wurde die Villa 1938/39 enteignet. Der von Hermann Göring geleitete Reichsbund Reichsjägerschaft nutzte sie als Geschäftsstelle des Reichsjagdmuseums. In den Jahren 1945–52 beherbergte die Villa u. a. eine kleine Knopffabrik. 1952 kehrte ihr Besitzer Herbert Braun aus Israel zurück. Aufgrund eines Beschlusses der Wiedergutmachungskammer des Landgerichts Berlin im Jahre 1952 wurde er auch wieder Eigentümer der Villa. Er wohnte dort bis 1966. Nach seinem Tode erbte sie seine Witwe Hilda Braun. In den Jahren 1955 bis 1995 wurde ein Teil der Villa als Pflegeheim genutzt, zunächst vom Privathospital Grunewald, dann von zwei Altenpflegeheimen.

Im Jahr 1995 bezog Hilda Brauns Sohn Christoph Kopp zusammen mit seiner Familie das Dachgeschoss der Villa. Die übrigen Räume, verteilt auf drei Etagen, konnten mit Hilfe einer Spende der Berliner Klassenlotterie renoviert werden, um als Arbeits- und Aufenthaltsräume vom Wissenschaftskolleg genutzt zu werden. Die Eröffnung der neuen Räume fand – u. a. im Beisein des Berliner Senators für Wissenschaft, Forschung und Kultur – am 15. Dezember 1995 statt. Im Sprachgebrauch des Wissenschaftskollegs wird die Villa nach ihrem ersten Eigentümer "Villa Jaffé" genannt.

Das Haus wird vor allem von Fellows genutzt, die im Rahmen von thematischen Schwerpunktgruppen am Wissenschaftskolleg arbeiten. Auch die Geschäftsstellen des Arbeitskreises "Moderne und Islam", seit 2007 "Europa im Nahen Osten – der Nahe Osten in Europa" (EUME), und des 2009 gegründeten "Forums für Transregionale Studien" befinden sich hier. In einer neueren architekturgeschichtlichen Beschreibung heißt es im Hinblick auf die beiden Gebäude Wallotstraße 10 und 12: "Sie zeichnen sich durch eine Monumentalität aus, die im zeitgleichen Landhaus- und Villenbau in der Regel noch nicht zu den stilprägenden Elementen gehörte. Dieser Eindruck entsteht zum einen durch die Vertikalorientierung der Baumassen, zu der die leichten Aufschüttungen und die extrem hohen Sockelgeschosse beitragen, zum anderen durch die starke Betonung einzelner Bauglieder. So bilden etwa die mächtigen korinthisierenden Säulen im Obergeschoss der Nummer 12 trotz des Fehlens der abschließenden Kuppel ein für Bauten dieser Art ungewöhnlich dominantes Motiv. Diesem entspricht – allerdings ohne die gleiche Wuchtigkeit – der Rundgiebel bei der Nummer 10. Sein Tympanon schmückt ein von Greifen gehaltenes Wappen in flachem Sockelrelief." ("Denkmaltopographie Bundesrepublik Deutschland: Baudenkmale in Berlin. Bezirk Wilmersdorf, Ortsteil Grunewald", hg. von der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Umweltschutz Berlin. 2. Auflage, Berlin 1994, S. 160 f.).

Reinhart Meyer-Kalkus