Ausgabe 21 / März 2026
Zur begrenzten Macht der Verwaltung
von Gerald Wagner
Brian Larkin, Anthropologe von der Columbia University, interessiert sich für die Kommunikation innerhalb des britischen Empires – nicht nur geografisch ein weites Feld
Zu den Bildern: An vielen Vormittagen (und manchmal auch abends) klappt Brian Larkin sein Laptop im "Cafè Klick" am Stuttgarter Platz in Charlottenburg auf - eine kleine Radreise vom Wissenschaftskolleg entfernt.
Um das Jahr 1800 gab es in Afrika mehrere Tausend politische Einheiten. Noch 1879 wurden 90 Prozent des Kontinents von Afrikanern regiert. 1912 war dieser Anteil auf einen winzigen Rest geschrumpft. Die europäischen Kolonialmächte hatten Afrika unter sich aufgeteilt und ihren Imperien einverleibt. Soweit die Geschichtsbücher. Aber was ist ein Imperium? Der Historiker Jürgen Osterhammel bemerkt in seiner Universalgeschichte des „langen 19. Jahrhunderts“, die Fähigkeit zur Aufstandsunterdrückung sei die Grundbedingung imperialer Präsenz. War ein Gebiet jedoch militärisch besetzt worden, musste es auch verwaltet werden. Wie ging das vor sich?
Durch weiträumige Informationsübertragung, also reisende Objekte – Briefe, Depeschen, Berichte, Akten – zu Fuß, zu Pferd, per Schiff und schließlich telegrafisch übermittelt. Von der Zentrale zu den Rändern und zurück, gelesen, korrigiert, kommentiert. Informationen waren die Infrastruktur, die die Erweiterung des Imperiums ermöglichte und es konsolidierte. Gleichzeitig veränderte sich die Art der Machtausübung von einer militärischen (die jedoch als Drohung und letztes Machtmittel bestehen blieb) hin zu einer verwalterischen. Bei den Kolonialgouverneuren handelte es sich zunächst um militärisch in der Kunst der Eroberung ausgebildete Männer, die nach und nach von in Oxford und Cambridge ausgebildeten Beamten abgelöst wurden. Dieser Übergang, diese Entstehung eines Imperiums als Informationssystem ist Larkins Arbeitsvorhaben hier am Wissenschaftskolleg.
Seit mehr als zwei Jahrzehnten betreibt Brian Larkin anthropologische und historische Forschung in Nigeria, einer ehemaligen Kolonie, die 1960 ihre Unabhängigkeit erlangte. Seine Forschung verbindet Anthropologie, Afrikastudien und Medientheorie, insbesondere die in Deutschland begründete Tradition der „Archäologie der Medien“, die untersucht, wie die materiellen Technologien der Medien das menschliche Leben organisieren. Er verbindet diese Medientheorie mit Forschungen postkolonialer Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler zu den Besonderheiten des Imperiums. Das 19. Jahrhundert, die Zeit, in der das Britische Weltreich fast ein Drittel Afrikas beherrschte, war auch das Jahrhundert, in dem der industrielle Kapitalismus zur Reife gelangte und die moderne Aktiengesellschaft entstand. Die Wissenschaft bezeichnet dies als die Kontrollrevolution, die neue technische Systeme für das Management von Logistik, Lieferketten und zunehmender Arbeitsteilung sowie eine Revolution der Verwaltung hervorbrachte, die das moderne Leben organisiert. Wie wirkten diese beiden Systeme aufeinander? Wie gelang es diesen neuen technischen Systemen des Informationsmanagements, das Imperium zu organisieren, und umgekehrt?
Als Engländer mit irischen Wurzeln, dessen Großvater gegen die britische Herrschaft in den Krieg zog, ist Larkin natürlich bewusst, dass diese Geschichte des imperialen Anspruchs Teil des britischen Erbes, des heritage, ist. Und tatsächlich ist im offiziellen Katalog zum Archiv des Colonial Office des Empires eine junge Frau abgebildet, die ausgerechnet auch so heißt: Miss Heritage. Brian Larkin lacht, als wir uns das Bild ansehen.

Miss Heritages konzentrierter Blick fällt auf die Seiten eines dicken Folianten; eine ganze Reihe davon ist vor ihr auf einem Tisch aufgereiht, dem man sein Alter ansieht. „The General Registry of the Colonial Office, 1942“ steht darunter. Nach dem Zentrum des Informationssystems eines Imperiums sieht diese Registratur nicht aus, sie wirkt etwas unaufgeräumt, mit den zusammengestopften Zetteln und der zerknitterten Karte des Weltreichs über dem klapprigen Tisch. Mehr eine Rumpelkammer, ein junk room. Nicht gerade ordentlich, und man hat den Eindruck, diese fragile Ordnung könnte jederzeit zusammenbrechen. Und doch sieht Brian Larkin in diesem Bild die Infrastruktur des Britischen Weltreichs. „The Media System of Empire“ nennt Larkin sein Arbeitsvorhaben, in dem er dessen Infrastruktur, Protokolle, Formulare und Archive untersuchen möchte. Dieses Bild der Unordnung stellt ein zentrales Problem seiner Forschung dar. Inwiefern hängt das Funktionieren des Empire von der Etablierung eines technischen Systems zur Informationsübertragung ab, das die koloniale Kontrolle erleichterte und organisierte? Und wenn dem so ist, wie funktionierte dieses System in der Praxis innerhalb und zwischen den Kolonialgebieten? Wenn dieses Informationssystem unordentlich war, mit zerknüllten Zetteln und fehlenden Akten, wie können wir dann die Inkompetenz des Informationsmanagements in unsere Herrschaftstheorie einbeziehen?
Die Frage nach Macht und Wissen und wie diese zur Organisation der britischen Verwaltung genutzt wurden, steht im Mittelpunkt der postkolonialen Geschichtsforschung, auf die Larkin sich stützt. Die Geschichte seines eigenen Fachgebiets, der Anthropologie, spielt dabei eine zentrale Rolle, da das Empire durch ethnografische Berichte, kulturelle Klassifizierungen und die Geschichte der Völker „verstanden” und verwaltet wurde. Larkin konzentriert sich auf die Handhabung von Akten, ihre Formatierung im Laufe der Zeit, ihre Verbreitung und Aufbewahrung und argumentiert, dass diese Technologien zu Mitteln wurden, mit denen das Empire die mediale Kontrolle über seine Gebiete ausübte. Denn es war das Informationssystem, durch das diese Kontrolle politisch vollzogen wurde. Dieses System agierte nicht neutral, sondern es formte das Empire auf eine aktive Weise. Welche das war – das ist das zentrale Forschungsinteresse Larkins.
Auf den Erkenntnissen der deutschen Medientheorie aufbauend, wandte er sich ab von umfänglichen Untersuchungen des Empire wie „Großbritannien regierte Indien von 1858 bis 1947” hin zu einer Analyse der praktischen Arbeit, die „Regieren” tatsächlich mit sich bringt. Wie herrscht ein einzelnes Land über ganze Kontinente, mit völlig verschiedenen Kulturen und Religionen und Ethnien, die Zehntausende Kilometer entfernt sind?
Indem es versucht Standards zu etablieren, die so tun, als gäbe es diese Unterschiede gar nicht. Das kann bedeuten, dass die Bürokratie in englischer Sprache abgewickelt werden muss, dass Bildung, bürokratische Ordnung, Formulare und sogar Anredeformen so gestaltet werden müssen, dass sie Informationen über Unterschiede hinweg vereinheitlichen. Dokumente sind das Mittel für diese bürokratische Formatierung. Sie zu untersuchen bedeutet, das lehren uns Historikerinnen und Medientheoretiker, über die Inhalte hinweg das Dokument selbst darauf hin zu betrachten, wie es menschliche Handlungen standardisiert und organisiert.
Ein Beispiel: Am 10. Oktober 1923 stellte das Colonial Office, also der Arbeitgeber von Miss Heritage, fest, dass es im ganzen Empire mindestens sechs verschiedene Schreibweisen des Wortes „Mohammed“ (etwa Mahomed, Muhammad oder Mohamed) gibt, und bittet darum, eine für alle verbindliche Version festzulegen. Als sie jedoch diskutierten, wie die korrekte Buchstabierung lauten solle, konnten sie sich nicht einigen. Eine Umfrage im eigenen Haus vergrößerte nur die Verwirrung. Für einige war „Mohammed“ die seit einem Jahrhundert gültige Schreibweise. Anderen galt „Muhammad“ als eine korrektere Transliteration. Wer sollte den Streit lösen? Britische Islamwissenschaftler in London? Muslimische Gelehrte? Kolonialbeamte? Das Außenministerium? Um die Angelegenheit zu lösen verschickte das Colonial Office Depeschen an die lokalen Behörden im Irak, in Palästina, Indien, Ceylon, Malaysia, Nigeria und Kenia und eine Reihe anderer Gebiete, um zu einer allgemeingültigen Version zu gelangen, die überall verwendet werden könnte. Das sei unsere klassische Idee von kolonialer Macht, sagt Larkin: die Anhäufung von Wissen über imperiale Territorien, um dieses Wissen in den Dienst der Durchsetzung von Normen zu stellen, die vom Zentrum festgelegt wurden.
Larkins Forschung folgte den Akten quer durch das Empire. Die Suche beginnt in den Archiven des Colonial Office, die genauso wie die Archive des India Office in London sind. Zum Glück werfen Imperien nichts weg, man muss es nur finden, also reiste Larkin nach Südnigeria und Nordnigeria, dann ging es weiter nach Sri Lanka, immer auf den Spuren der zirkulierenden Objekte des fragenden Imperiums. Und was kam am Ende dabei heraus? Ein einheitlicher Name, lacht Larkin. Auch wenn es der falsche war.
Aber was erzählt diese Geschichte wirklich? Für Brian Larkin ist es eine Geschichte von Macht und gleichzeitiger Inkompetenz. Es war der Versuch, einen von der britischen Verwaltung kontrollierten Standard durchzusetzen, und zeigt gleichzeitig, wie dieser Standard scheiterte. Wie die Briten ebenfalls infrage gestellt wurden – von den muslimischen Geistlichen dieser Länder, von muslimischen Mitgliedern des lokalen Parlaments in Sri Lanka. Ein sammelndes Vergleichen von Informationen über die vom Empire Unterworfenen, nennt Larkin diese Praxis. Postkoloniale Forscherinnen und Forscher haben daraus den Schluss gezogen, dass auch Imperien nicht herrschen können ohne die Anerkennung des Wissens der Beherrschten. Und diese wiederum nutzen diese Anerkennung als ein Mittel, sich schließlich von den Machtansprüchen des Imperiums zu emanzipieren.
Dieser emanzipative Ansatz steckt natürlich auch in Larkins Werk. Ein Imperium habe immer einen Maschinenraum der Standardisierung, doch jedes Imperium müsse irgendwann im Prozess seiner Ausdehnung feststellen, dass es auch ein gigantisches Übersetzungswerk braucht. Alles – Verwaltungspraktiken, Technologien, Sprachen – muss angepasst werden, übersetzt werden, muss Diversität anerkennen. Der Anspruch der Anthropologie war immer die Anerkennung der unermesslichen Vielfalt der Praktiken menschlicher Weltaneignung. Brian Larkin, der mit diesem Projekt kein Historiker oder Politikwissenschaftler wurde, sondern ein Anthropologe geblieben ist, umreißt diesen emanzipativen Kern seines Blickes auf das Informationssystem des Britischen Weltreichs mit dem Begriff von dessen „Kreolisierung“. Der aus der Sprachforschung stammende Begriff beschreibt einen Prozess der Verschmelzung unterschiedlicher Kulturen insbesondere zu neuen Dialekten. Das klingt wie ein Prozess der Anpassung, der Verwandlung von etwas Homogenem und auch Normativem in eine Mischung, eine Gebrauchsform für den Alltag. Aber das ist nicht gemeint, denn für Larkin gibt es eigentlich nur diese kreolischen Formen, seien es Kulturen, Sprachen oder eben Imperien.
Was hätte wohl Miss Heritage 1942 in ihrem Büro in London dazu gesagt? Dass in ihrem Weltreich Tausende von Sprachen gesprochen wurden, war ihr sicherlich bewusst. Dennoch war die Korrespondenz, die sie archivierte, natürlich in Englisch verfasst. Nur fünf Jahre nach diesem Bild setzte mit dem Verlust Indiens der Beginn des Endes dieses Weltreichs ein. Das großartige Informationssystem, mit dem die Briten ihr globales Reich überzogen hatten, nutzten die Kolonisierten zur Befreiung von diesem Herrschaftsanspruch. Auch wenn es sich dabei „nur“ um Informationswege handelt, um Telegrafenlinien oder Postämter am Rande des Reiches. Solche Systeme haben ein langes Nachleben und regeln weiterhin das Leben von Indern, Malaysiern, Nigerianern und anderen durch postkoloniale Bürokratie? All die materiellen Zeugnisse dieses Imperiums, denen Brian Larkin auf ihren langen Reisen durch dieses Reich gefolgt ist, verraten die Vergeblichkeit, die Welt kontrollieren zu können. Er verweist dazu auf das Werk von Michel Serres und dessen Theorie des Parasiten. Unbemerkt von der Zentrale schlichen sich danach im System andere Nutznießer ein, Abweichungen würden verstärkt, Schwächen ausgenutzt und gegen die Zentrale gewendet. Die Grundfigur des Parasiten in der medialen Infrastruktur des Systems ist die der Aneignung des Systems für die eigenen Bedürfnisse, seine Transformation, seine Übersetzung in die eigene Sprache, in der sich die Ansprüche der Beherrschten in einer gemeinsamen Stimme artikulieren lassen.
Sein Werk habe deshalb einen zweifachen Fokus, sagt Larkin: der Aufbau von Informationssystemen und ihre Beziehung zur Ausübung von Macht, aber genauso der Zusammenbruch dieser Systeme und was dies über die Grenzen imperialer Macht verrate. Er will wissen, auf welche Weise die spezifischen Informationssysteme der Imperien konstitutiv seien für den Charakter dieser Imperien. Larkin nennt diese ganz eigene Leistung der Informationssysteme die „mediale Synchronisierung des imperialen Territoriums“. Ist die Grundbedingung imperialer Präsenz also die Fähigkeit zur Synchronisierung des Verschiedenen? Das ist kein Einspruch gegen Jürgen Osterhammels Definition, imperiale Präsenz zeige sich in der Fähigkeit, Aufstände zu unterbinden, aber eine unbedingt notwendige Ergänzung. Schließlich war während des gesamten langen 19. Jahrhunderts das Imperium, und noch nicht der Nationalstaat, die im Weltmaßstab dominierende territoriale Organisationsform politischer Macht. Sie zu verstehen hieße das Jahrhundert zu verstehen.
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Fotos: © Maurice Weiss