Helene Bubrowski, Dr. jur.
Chefredakteurin
Table.Media, Berlin
Geboren 1981 in Hamburg, Deutschland
Maîtrise en droit/LL.M., Université de Paris I/Universität zu Köln, Dr. jur., Völkerrecht, Universität zu Köln
Arbeitsvorhaben
Helene Wessel – Katholikin, Feministin, Eugenikerin. Politische Biografie einer unbequemen Mutter des Grundgesetzes
In einer Zeit, in der die Verächtlichmachung des demokratischen Rechtsstaats zur Floskel zu werden droht und die Erinnerungskultur im Umbruch begriffen ist, bekommt der Blick auf die Gründerzeit der Verfassung eine neue, existenzielle Bedeutung. Auf der Suche nach autoritativer Rückversicherung rekurrieren Politiker gerne auf „die Mütter und Väter des Grundgesetzes“, ohne dass sie deren Namen oder geistigen Anteile nennen. Nicht ohne Grund angesichts der kontroversen bis widersprüchlichen Erblasten dieser Vater- bzw. Mutterschaft. Am Beispiel der feministischen Sozialreformerin und katholischen Politikerin Helene Wessel soll die deutsche Stunde Null neu berechnet werden. Wie wirkte die Prägung der Weimarer Republik über die Zeit des Nationalsozialismus hinweg? Welche Paradigmen ermöglichten beziehungsweise erschwerten den Übergang vom Totalitarismus in die demokratische Ordnung? Helene Wessel ist heute von der Öffentlichkeit weitgehend vergessen, aber in ihrem Leben und Wirken finden wir wertvolle Hinweise zur Beantwortung dieser Fragen. Helene Wessel war eine Frau voller Widersprüche. Eine „Mutter des Grundgesetzes“, die sich im Parlamentarischen Rat kraftvoll eingesetzt, aber gegen die Verfassung gestimmt hat. Eine Feministin, die sich aber explizit nicht auf Frauenthemen festlegen ließ. Eine Kämpferin gegen den Nationalsozialismus, die bis in die Fünfzigerjahre Anhängerin eugenischer Ideen blieb. Im Rahmen einer politisch engagierten Biografie will ich dieser Frau, ihren Erfahrungsräumen und Erwartungshorizonten nachgehen. Die Fragen, die sich an das Leben und Denken von Helene Wessel richten, sind Fragen unserer Zeit, die von spezifischen Erinnerungskulturen und Gegenwartswendungen beeinflusst sind.Lektüreempfehlung
Bubrowski, Helene. Internationale Investitionsschiedsverfahren und nationale Gerichte. Mohr Siebeck, 2013.
–. Die Fehlbaren: Politiker zwischen Hochmut, Lüge und Unerbittlichkeit. dtv, 2023.
–. „Frohes neues Jahr.“ Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 31. Dezember 2023.
Kolloquium, 10.11.2026
Annäherung an Helene Wessel: Eine Anti-Ideologin in einer ideologischen Zeit
Helene Wessel wurde in der Kaiserzeit geboren und starb kurz nach Beginn der Studentenbewegung. Drei politische Systeme und zwei Weltkriege sind durch sie hindurchgegangen. Eine Frau in einer Zeit der Epochenbrüche und Kollisionen unterschiedlicher ideologischer Versatzstücke. Wie stand Wessel, die selbsterklärte Anti-Ideologin, in dieser Zeit? Und ideologiekritisch gefragt: Hat Wessel recht mit ihrer Selbstbeschreibung? Wie hat sie die politischen Heilsversprechen ihrer Zeit rezipiert, welche hat sie adaptiert und wo hat sie Gegenerzählungen entwickelt?
Zu ihrem Tod im Oktober 1969 verfasst Bundespräsident Gustav Heinemann einen Nachruf: „Helene Wessel hat den Zugang zur Politik von der praktischen Sozialarbeit gefunden.“ Das ist eine Fährte, um ihrer intellektuellen Biographie näherzukommen. Wessel, Mutter des Grundgesetzes und erste weibliche Fraktions- und Parteivorsitzende der Bundesrepublik, war gelernte Fürsorgerin. Sie hat auf äußere Umstürze stets auf dieselbe Art reagiert: mit einer Mischung als pragmatischer Christlichkeit und dem Ethos der Empirie.
Helene Wessel hat gegen die Kommunisten gewettert und sich von Moskauer Ärzten behandeln lassen. Sie wurde von den Nationalsozialisten als „politisch unzuverlässig“ eingestuft und hat eugenische Thesen vertreten. Sie hat die traditionelle Familie verteidigt und mit einer Frau zusammengelebt. Sie war Mitglied in drei unterschiedlichen Parteien. Wessel ist eine Frau voller Widersprüche. Eine Frau mit vielen Gesichtern. Vier stechen besonders hervor.
Empirikerin: Helene Wessel hat Daten und Fakten vertraut, der großen Welterzählung nicht. Sie wollte Politik machen „vom Boden der Wirklichkeit“ aus. Diese Wirklichkeit hat sie selbst empirisch konstruiert und nach jedem Epochenbruch neu vermessen.
Feministin: Helene Wessel lässt sich als moderne Feministin lesen. Weibliche Rollenmuster haben sie nicht interessiert. Sie hat sich nicht auf „Frauenthemen“ reduzieren lassen und männliche Dominanz nicht akzeptiert.
Kämpferin: Helene Wessel hat Demokratie als Aufforderung zum Streiten verstanden. Sie hat keinen Konflikt gescheut. An die Erhabenheit von Kompromissen hat sie nicht geglaubt. Sie hat Positionen geräumt, aber ihre Meinung nicht geändert.
Katholikin: Die Lehren der katholischen Kirche sind ein Fixpunkt im Denken Helene Wessels, sie hat die Kirche als Autorität ernst genommen. Aber Politik war für sie eine säkulare Angelegenheit. Und der Glaube primär eine habituelle.
Ich werde mir diese Gesichter an vier ausgewählten Zeitpunkten anschauen: 1931, 1946, 1954, 1968. Mein Blick ist der einer politischen Journalistin, geprägt von den heutigen Epochenbrüchen, der Re-Ideologisierung von Politik, der Kollision von Ismen. Auch heute ist es eine unbequeme Zeit und deshalb eine gute Zeit für die Beschäftigung mit einer unbequemen Frau.
Publikationen aus der Fellowbibliothek
Bubrowski, Helene (Frankfurt, M., 2023)
Bubrowski, Helene (Frankfurt, M., 2023)
Frohes neues Jahr : warum mehr gute Laune den Deutschen helfen würde
Bubrowski, Helene (München, 2023)
Die Fehlbaren : Politiker zwischen Hochmut, Lüge und Unerbittlichkeit
Bubrowski, Helene (Tübingen, 2013)
Internationale Investitionsschiedsverfahren und nationale Gerichte Jus Internationale et Europaeum ; 79