Ausgabe 14 / April 2019

Brief aus Berlin

Von der Liebe zu einer Stadt und den Versuchen, sich dieser Liebe zu widersetzen

von Yvonne Adhiambo Owuor

Verführung
Der Kurfürstendamm in Berlin hat bereits einen festen Platz in der Literatur. Bäume, Cafés, Theater, gelegentliche Ladenbüros, Geschäfte. Vom Grunewald aus ist er zu Fuß zu erreichen. Es ist der neunzehnte Dezember 2018. Der temporäre Gast in der Stadt kauft passenden Weihnachtsschmuck ein, Gedanken an zuhause, ihre Leute begleiten sie als stille Geister. Der Winter ist da. Wie auch der Lichtschmuck in den Bäumen. Die Straßen sind voll, der Weihnachtsmarkt ist in der Nähe. All die Gegenstände, die sich über die Jahrhunderte herausgebildet haben, um Weihnachten mit Bedeutung zu versehen, sind ausgestellt: Adventskränze, Schnee, Tannenbaum. Das Flackern eines gerade gelernten Ausdrucks, der schon vertraut ist: Fröhliche Weihnachten. Verlassen des eleganten Kaufhauses, ein weiterer der allgegenwärtigen Kommerztempel, die einem weder in der Seele noch in der Geldbörse viel lassen (ich habe doppelt so viel ausgegeben, wie ich mir vorgenommen hatte). Leckereien in zwei Taschen, abschätzend, wie weit entfernt der Bus M19, inzwischen so vertraut wie ein Bekannter, sein könnte. Hinaustreten in die Nacht.
Und.
Überwältigt.
Stille.
Denn es schneit.
Es schneit.
(Und sie hat seit elf Jahren keinen Schnee gesehen.) Und die Flocken sind so, wie man sie nur aus Bilderbüchern kennt. So sehen Schneeflocken (das Wort) wirklich aus, so fühlt es sich an, schmeckt es, fällt es, so erscheint es, wie aus der Dunkelheit kommend. So sieht es aus, wenn es von den Bäumen des Ku’damms hinunter schimmert, die eine Weihnachtsbeleuchtung aus feuerähnlichen Punkten tragen.
Und.
Ihr war nicht bewusst, dass sie sich dreht, dreht, dreht, wirbelt. Und ihr Staunen wird von Fremden beobachtet, den meist grimmigen Berlinern, die jetzt einen skeptisch amüsierten Gesichtsausdruck haben, die, wenn sie bemerkt, dass sie sie bemerken, einig lächeln. Also lächelt sie zurück, und alle lachen und lachen auf einmal, als die Flocken Magie über mäntelumhüllte Leben streuen.

Es ist 22:48 Uhr am Kurfürstendamm, und da ist eine schmiedeeiserne Bank neben einer beleuchteten Linde, und da ist eine Frau aus Kenia, von feuchten Einkaufstaschen umgeben, deren schwarzer Hut und Mantel jetzt weiß sind, und die, unbeirrt, durch einen Vorhang aus langsam niedertaumelnden Schneeflocken hindurch, gerade ihren siebten M19er-Bus vorbeifahren sah.

Beklommenheit
Als der KLM-Flug aus Amsterdam, der letzten Etappe einer Reise, die in Nairobi begonnen hat, deutschen Luftraum erreicht, ist er winterwolkenverhangen. Ein Fensterplatz. Es ist der sechste Januar und ich kehre nach Berlin zurück, nach wunderbaren Weihnachtstagen in Nairobi, meinem Zuhause. Als wir uns Berlin nähern, geschieht etwas Alltägliches: die Wolken lösen sich auf, als das Flugzeug hineinfliegt. Und von meinem Platz aus blicke ich beiläufig nach unten. Vogelperspektive auf die Stadt. So etwas. Nur – nur dass, als der flüchtige Blick über die Stadt hinweggeht, in dem Teil des Herzens, der Geliebten und atemraubenden Landschaften vorbehalten ist, in dem verschlossenen inneren Raum, eine Unruhe. Spontan, ein unerlaubtes Gefühl … von Heimkehr? Und eine Aufwallung, wie ein elektrischer Schlag … gequälter Freude. Als sei ich auf die falsche Art Seele gestoßen, die unweigerlich zum Liebhaber wird, als wüsste ich, dass ich meinem eigenen Willen zum Trotz Ehebruch begehen würde, mit einer Stadt.
Der Schock.
Zufällig auf einen Fremden zu stoßen.
Und der Fremde ist man selbst.
Es ist einfacher, manche Dinge zu übergehen.

In derselben Nacht träumte ich davon, wie unser Flugzeug am Flughafen Tegel landete. Im Traum sah ich mich selbst die Treppe hinuntergehen und auf dem Rollfeld knien.

Bitte zur Morgendämmerung
Liebes Berlin, ich werde nicht eins deiner Klischees sein. Ich kann keine von denen sein, die, auf der Durchreise, sich dabei ertappen, wie sie von dir gepackt sind, verweilen. Festsitzen.

P.S.:
Kann eine Stadt eine Seele verführen?
(Frage für einen Freund.)

Denselben Weg zurückgehen
Räume und Orte. Ich bin eine waschechte Nairobierin, dort geboren, aufgewachsen, geformt und geprägt. Ich kenne die Bewohner Nairobis, kann sie schon Straßen entfernt ausmachen. Ich liebe die Stadt. Ich hasse die Stadt. Ich habe hundertmal versucht, die Stadt zu verlassen, aber wie Tagores heimwehgeplagte Kraniche komme ich immer wieder in die Stadt zurück. Ich kenne sie gut. Ich bin vertraut mit ihren Narben, ihren Wunden, ihren Schatten. Nairobi ist die Heimat ungerächter Geister, wörtlich und bildlich, deren anhaltende Spukerscheinungen auf der dauernden Verpflichtung ihrer Einwohnergenerationen zur Amnesie beruhen. Und ich gehöre zu denen, die ihr schnell ihre Niederträchtigkeiten vergeben und vergessen, denn sie inspiriert mich, diese meine Stadt. Sie macht mich all die Worte, die jetzt in Mode gekommen sind: multiversal, multilingual, multikulturell, ein Mehrfach-Selbst. Aber im vergangenen August ging sie zu weit; ein Vorfall mit ihrer Aufsichtsbehörde, der mich nicht nur verletzt und zerrissen zurückließ, sondern mich auch in ihren Bauch, ihre Kerker einfahren ließ und mir ihr lächerliches Justizspiel, ihre böse Bestechlichkeit offenbarte. Sie beschuldigte mich mit einer Lüge. Und das tat sie in einer Zeit ungewöhnlicher Kälte in Nairobi.

Es war kurz vor meiner Abreise nach Berlin.

Ich war vorher schon in Berlin gewesen. Aber nicht so; nicht als es mir in Nairobi so kalt war, dass ich dem Taxifahrer, der mich zum Flughafen fuhr, ohne einen Schimmer von Ironie sagte: „Ich gehe wegen der Sonne nach Berlin. Bald wird mir warm sein.“
„Sie haben Glück“, antwortete er mir und blickte auf seine Temperaturanzeige: 6° Celsius. (Nairobi lieferte den Beweis dafür, dass „Klimawandel“ auch globale Abkühlung bedeutet.) Seit Februar hatte uns Nairobi mit schrecklichen Temperaturschwankungen terrorisiert, die von eiskalt über kalt bis kaum kühl und dann wieder kalt reichten.

Kenianerin flieht vor der Kälte Nairobis in die Wärme Berlins.
Wörtlich.
Bildlich.

Aufrichtig?

Ich kam besorgt nach Berlin, blickte mich mit neuer Zuneigung im oft geschmähten Tegel um. Die Luft war warm. Sogar stickig. Schön knochenwärmend. Ich hatte befürchtet, dass die Musen der Dichtkunst auf die Stadt herabblicken und es ablehnen könnten, ihren Schatz preiszugeben. Es war schon einmal passiert; die Ankunft an einem Ort in aller Absicht zu schreiben, aber stattdessen ... nichts. Nicht einmal die Eingebung eines einzigen Wortes. Doch kaum hatte ich mich in meinem Berliner Zimmer niedergelassen, da kam das Bild des zwischen Blättern hockenden Protagonisten auf. In dieser ersten Nacht schrieb ich einen Absatz der Geschichte. Ich änderte sogar ihren Titel.

Sonnenschein, Licht, eine Stadt, die sich auf ihre Flüsse ausbreitet: Die Spree. Tief sitzende Spannung löst sich langsam auf. Ich habe aufgehört, mir den Hals zu verdrehen und mich zu fragen, wer lauert. Die Menschen hier, ihre knappe Freundlichkeit. Durch die Stadt ziehen, sich verlaufen. Und wenn ich mich völlig verlaufen habe, gibt es eine ganze Reihe von Personen, die bereit sind, mich zu vertrauten Stationen zurückzubringen. Ich spüre, dass dies, wie Nairobi, ein Zwischenort ist, eine Stadt als Übergangszone.

Am achten Tag, in der Stadt, während ich auf einen Bus in der Nähe der Joachimsthaler Straße wartete, tauchte eine große, blasse Frau auf, ungefähr 1,90 m, verlebt, langes Gesicht, mit schwarzer Uschanka, in ein Pelzgewand über einem hautengen bordeauxfarbenen Kleid gehüllt; begleitet von ihrem Hund, einem großen, schmalen, langhaarigen, hauptsächlich weißen Afghanen. Sie schwebte vorbei und hinterließ eine Parfümfahne und acht gaffende Fremde, die sie nicht beachtete. Wir, die Verzauberten, waren wahrscheinlich alle Fremde in der Stadt, denn der Rest ihrer Bewohner ging weiter, als hätten sie gerade keine Erscheinung gehabt.

Was.
Passiert.
Gerade.
Trompe l’œil.
Es sollte eine Stadt gerader Linien sein, wie New York.
Aber sie macht Bögen an unerwarteten Stellen, wie Rom.
Und gleitet in eine Sackgasse wie nirgendwo sonst, sodass man beim Herauskommen zufällig auf ein Theater stößt, eine Apotheke, eine Bar, einen Garten, einen eleganten alten Mann mit Stock, der dich mein Schatz nennt, nur weil er es kann und er zu alt ist, um sich um politische Korrektheit zu kümmern, und erst später, nach zwei Wochen Deutschunterricht, merkt man, dass man ihm für seine Freundlichkeit hätte danken sollen.

Mein Schatz.

(oh my heart)

P.S.:
To whom it may concern:

(Frage für einen Freund)
Welches Gefühl soll man empfinden, wenn man einer fremden Stadt begegnet, die versucht, sich in dein Innerstes zu schleichen? Ein heimtückischer Angriff, der das Herz unregelmäßig schlagen lässt? Eine Stadt, die im Vergleich zu anderen Städten wirklich wenig hat, was sie auszeichnet. Es ist nicht Paris mit seinem matten, aber eleganten Bewusstsein seiner selbst; es ist nicht Rom mit seiner verfallenen Größe, seinen dominanten Vergangenheiten, es ist mit Sicherheit nicht London, Lagos oder New York; es ist nicht Nairobi. Es gibt darin nichts von der Person, die fragt. Die Kellner sind so unhöflich, dass sie schon ein Kunstprodukt für Touristen sind.

Beziehungsstatus:
Es ist (jetzt) kompliziert.

Schutzmechanismen
Ich muss mich etwas mehr anstrengen, um dem unerwarteten Reiz Berlins zu widerstehen. Ich suche aktiv nach den Fehlern der Stadt. Sie sind meist in den schlechten Gewohnheiten und Verhaltensweisen von einigen ihrer Bewohner zu finden; dem Verkäufer bei COS, der die Kleidung, die ich anprobiert habe, nicht berühren möchte, zum Beispiel.

In der Zwischenzeit schien am Wissenschaftskolleg zu Berlin im Grunewald der Jahrgang 2018/2019 einander ins Herz geschlossen zu haben. Eine Gemeinschaft entsteht, und sie ist gut. An einem Samstag fuhren wir sogar in drei Autos übers Land zu einem wunderbaren Ort, wo wir den Abflug von Kranichen nach Süden beobachteten.

Der Herbst 2018 in Berlin ist ein heftiger, feuriger Ausbruch der Farben eines guten Sterbens: Orangerotviolettbrauns. Im Grunewald saß ich mit einem neuen Freund und beobachtete eine Stunde lang, wie die Blätter fielen und fielen und fielen. Und das defensive Bedürfnis, Fehler an einer quicklebendigen Stadt zu finden, verschwand, einfach so.

P.S.:
Ich habe gerade „unheimlich“ in einem Vortrag verwendet. Ich wollte nicht schlau erscheinen oder mich bei meinem hauptsächlich deutschsprachigen Publikum anbiedern. Es war das einzig richtige Wort in diesem Moment und Kontext. Erst nachdem ich es verwendet, artikuliert und mit Leichtigkeit laut ausgesprochen hatte, verstand ich, was ich getan hatte, und wurde nervös. Gott sei Dank für den Nachtton meiner Haut; ohne ihn wäre das Feuer auf meinem Gesicht als rotes Signal für alle sichtbar gewesen. Sie hätten fragen können: Wofür brennen Sie? Ich hätte vielleicht, was mir peinlich gewesen wäre, stottern müssen: Für eine Stadt, deren Seele ich nicht kenne.

Notizen von einer Deutschstunde:

Ich bin ein Berliner
Du bist ein Berliner
Er ist ein Berliner
Sie ist eine Berlinerin
Es ist ein Berliner
Wir sind Berliner
Ihr seid Berliner
Sie sind Berliner
Ich: Wie sagt man: „I am not a Berliner“?
Lehrerin: Ich bin kein Berliner.

Es wird Winter.
Und ich brauche neue Stiefel.
(oder: „Deshalb sollten Sie Ihre deutschen Hausaufgaben machen“)

Das Geschäft ist in der Nähe der Breiten Straße. Ich habe die Stiefel in der Auslage gesehen, als ich die letzten beiden Male vorbeikam. Ich gehe wieder vorüber, schlendere sozusagen in Richtung einer Bushaltestelle, die mich zurück zum Grunewald bringen wird, diesem verzauberten Ort. Ich gehe drei-, viermal am Schaufenster vorbei, mustere die Auslage. Ich denke, ich sollte reingehen. Ich denke, ich sollte nicht. Ich gehe rein. „Nur zum Gucken.“ Ein Paar folgt mir in den Laden. Sie begrüßen dessen Hüterin, eine dralle Frau, die eine Werbung für deutsche Stereotypen ist, die Art Frau, die höchstwahrscheinlich Gretel heißt und die eigentlich ein Dirndl tragen sollte, den unaufgeklärten Besuchern zuliebe, die sich nach einem deutschen Klischee sehnen. Das Trio unterhält sich in schnellem Deutsch, während ich die Stiefel untersuche, einen nach dem anderen. Ich entwickle bald Kriterien für die Stiefel, die eines Tages – nicht heute – meine sein sollen: robust, dabei feminin, hoch und dabei am Bein eng anliegend, schwarz, damit sie zu allem passen, vorne spitz, aus Leder wegen der Lebensdauer, gefüttert wegen der Wärme, angenehm anzufassen. Ich bin gerade dabei, den Laden zu verlassen, sicherer in Bezug auf das, was ich suche, als ich merke, dass die Stimmen sich entfernt haben.
Ich war allein, und, nennen wir sie Monika – um den Klischees zu entgehen, aber nicht zu sehr –, Monika hatte sich an mich herangeschlichen.
Aufgeschreckt, machte ich einen kleinen Satz.
Sie fragte: „Wollen Sie einen Stiefel?“
Stiefel. Ich überlegte. „Stiefel“. War das das Wort für „boot“? Wollen Sie … Verben … Ich erinnere mich, dass meine Lehrerin Ursula so etwas erwähnt hatte. In leichter Panik ging in das Risiko ein. „Ja!“ Es scheint zu funktionieren. Monika lächelte.
„Ja!“, wiederhole ich. Es ist mein erstes öffentliches „Ja“ in Berlin. Keine schlechte Leistung, finde ich.
Monika wird fröhlich, blüht auf, blüht.
Ich verliere den Willen, auf Deutsch aus dem Geschäft zu fliehen (machen meine escape?).
(Mein Verstand wirbelt, dreht sich: Was ist das Wort für „escape“? Wie ist seine Stellung im Satz? Ich möchte … Was ist das Wort „depart“? Bedauern: Ich hätte fleißiger meine Hausaufgaben machen sollen.)
Dies war wirklich nicht der richtige Zeitpunkt für sprachliche angst, zumal Monika eine Reihe von Stiefeln aufgestellt hatte, bereits ein Messgerät herausgezogen und die Maße für meine beiden Füße festgestellt hatte (sie bemerkte, dass mein linker Fuß einen halben Zentimeter länger als der rechte ist – was stimmt) und flüchtig Zahlen notierte.

Ich untersuchte gehorsam jeden Stiefel und nickte, als wäre ich die Herzogin von Irgendwo, der die Leistungen der lokalen Handwerker gezeigt werden. Ich bemerkte, dass keiner der von Monika hervorgeholten Stiefel günstiger als 170 Euro war. Auch stand Monikas Körper zwischen mir und der Eingangstür. Ich berührte jeden Stiefel. Brachte hier einen angemessenen Ausruf, dort ein kleines Zwitschern an. Irgendwie kam Monika, wie Sherlock Holmes, durch Deduktion, bei den Kriterien an, die ich mir für meinen idealen Stiefel vorgestellt hatte: Robust, dabei feminin, hoch und dabei am Bein eng anliegend, schwarz, damit sie zu allem passen, vorne spitz, aus Leder wegen der Lebensdauer, gefüttert wegen der Wärme, angenehm anzufassen.
Mit einem winzigen Ausruf griff Monika nach oben und zog ein Paar Stiefel herunter.
Das schwarze Paar war in der Tat robust, dabei feminin, hoch und dabei am Bein eng anliegend, schwarz, damit sie zu allem passen, vorne spitz, aus Leder wegen der Lebensdauer, gefüttert wegen der Wärme und höchst angenehm anzufassen.

Mein innerer Geist seufzte, und der Wunsch entschlüpfte meinem Mund. „Ja“, muss er gesagt haben. Aber ich erinnere mich nicht. Denn Monika nahm mich bald am rechten Arm und führte mich zu einem Stuhl, damit ich mich setzte, und sie bückte sich und löste meinen Fuß behutsam aus den Turnschuhen, die ich getragen hatte. Sie half meinen Füßen in diese hinein. Das perfekte Paar Winterstiefel. Natürlich passten sie. Und ich war Aschenputtel, nicht die Stiefschwester.
Monika strahlte. Ich strahlte und vergaß, dass ich meine Seele nach dem deutschen Wort für „escape“ (Verschwinden? Ausfahrt? Verlassen? Gehen?) abgesucht hatte.
Sofort trug Monika einen Stiefel im Karton und ich trug den anderen, und wir tanzten zur Kasse, wo Monika den Preis für diese, meine perfekten Winterstiefel berechnete.
Es kostete, was perfekte Winterstiefel kosten.
Macht nichts.
Meine Nichten werden sie erben.
Doch dann blieben Monikas Hände mitten im Rechnungsvorgang in der Luft stehen. Sie hielt inne, ein Stirnrunzeln auf ihrem Gesicht. Eine Klage in ihrem Tonfall: „Wir haben kein ...“ etwas, was ich nicht verstand. Das Wort „Nein“ verstand ich, ein bisschen.
„Nein?“, wiederholte ich. Ein Anfall innerer Verzweiflung überflog ihr Gesicht. Sie schüttelte den Kopf, schürzte die Lippen und machte einen Vorschlag, der mit einem „Ja“ endete.
Ich zögerte nicht. „Ja!“, wiederholte ich. Ich erfreue mich vertrauten Territoriums.
Ich lächelte.
Verschwörerisch äußerte Monika eine weitere Reihe zusammengesetzter Wörter. Sie zwinkerte. Sie klang philosophisch. „Ja“, sagte ich.
Dies spielte sich, mit einigen Veränderungen in Ausdruck und Emotion, einige weitere Male ab.
„Ja!“
Mein Selbstvertrauen, dieses Wort öffentlich in Deutschland zu verwenden, wuchs.
„Ja!“ Ich war jetzt mutig.
Das Wohlgefühl, die Illusion, ein Gespräch auf Deutsch wenigstens begonnen zu haben, ließ nicht nach, auch nachdem ich die Rechnung beglichen hatte, die irgendwie auf das Doppelte des Preises für das Paar der perfekten Winterstiefel gestiegen war.

Die Dinge ergaben einen Sinn, als Monika meine neuen Stiefel in eine Tasche packte, die halb so groß war wie ich, und mein ganzes Stiefelzubehör in zwei weitere Taschen, die wohl die Hälfte meines Körpergewichts ausmachten. So beladen, führte mich Monika sanft zur Tür, wo wir uns voneinander verabschiedeten, als seien wir entfernte Kusinen:
„Auf Wiedersehen“, sagte ich.
„Well good-bye and good evening“, sagte sie, ihr Englisch hatte nur einen ganz leichten Akzent.
Meine Augenbrauen hoben sich ganz leicht.
Monika fuhr fort: „It has been such a pleasure doing business with you.“ Sie schloss: „Genieße deine Stiefel.“
Stiefel ist eindeutig „boots“, mutmaßte ich, als ich meine so unerwartet reiche Gabe heimschleppte.

(Ich sehe jeden finster, aber fest an, der sich zu mir umwendet und misstrauisch glotzt, während ich zur Bushaltestelle taumle, um auf den Bus zu warten, meine Markentüten schleppend, die keinen Zweifel am Inhalt lassen. Ich tröste mich; ich bezweifle, dass ihre Stiefel ihr eigenes „Spezialshampoo“ haben? Haben sie eine mit Sandelholz veredelte Schuhcreme oder reinigen sie ihre Stiefel mit einem weichen Tuch aus dem raffiniertesten Filz, in das geheimnisvolle Zeichen geprägt sind? Eben. Meine Stiefel haben auch einen Schuhbeutel, Spikes, drei Arten von Bürsten, drei Arten von Schuhcremes, aber nur ein Färbemittel. Meine Stiefel haben Einlegesohlen und hohe Schuhspanner aus umweltfreundlichem, dabei maßgefertigtem Holz, die einen echten Holzduft verströmen und einem suggerieren, dass es sich tatsächlich um echtes Holz handelt. Ich weiß. Ich weiß. Haben aber Ihre Stiefel einen genau abgestimmten Conditioner, mit dem sie in jeder Wetterlage ihren Glanz bewahren? Genau; dachte ich mir. Meine schon. Aber das wussten Sie ja bereits.)

Herzbeben
I

Ich wurde zu einer Lesung in die Buchhandlung Dante Connection eingeladen. Ich werde aus Dankbarkeit dorthin gehen, weil sie sich dort sehr aktiv für meine Bücher eingesetzt haben. Die Buchhandlung war eine der ersten in Berlin, die meinen Roman sowohl auf Englisch als auch auf Deutsch vorrätig hatte. Stellen Sie sich vor, wie ich dort ankomme und mein Herz zerspringt, als ich feststelle, dass die Hälfte des Fellowjahrgangs aus Solidarität schon da ist? Ich werde für meine Kollegen lesen, diese andere Gemeinschaft, diese Art Familie. Ich werde aus tiefstem Herzen für sie lesen.

II
Letzte Nacht in Berlin, kurz nach Mitternacht, kam ich von einem Besuch bei neuen Freunden, die sich wie Familie anfühlen, in der Villa Walther zurück. Die Nachtluft war frisch, kühl. Der Himmel war auf tiefe, samtige Art klar. Der angrenzende See sah aus, als würde er von innen Licht aussenden. Ich verlangsamte, zufrieden, meinen Gang zu einem Schlendern. Ich hing meinen Gedanken nach, als ich ein Atmen hinter mir bemerkte. Nicht laut, nur gerade so, um mir bewusst zu machen, dass ich nicht länger allein war. Mein Kopf schnappte zurück, um nachzuschauen. Erst dachte ich, es sei ein kleiner Hund. Es dauerte drei Sekunden, bis ich begriff, dass es ein einzelner Fuchs war. Ich vergaß meine Nervosität, denn ich war beeindruckt von seiner intensiven Konzentration auf einen unsichtbaren Horizont. Vielleicht war er entschlossen, so zu tun, als könne er mich nicht sehen, also entschloss ich mich, so zu tun, als könne ich ihn nicht sehen. Ich wartete, starr, mit prickelndem Nackenhaar, als der Fuchs vorbeischlenderte. Wenn ich meinen linken Arm ausgestreckt hätte, hätte ich ihn berührt. Ich sah seinem Fortschreiten zu. Er bog in das Gartentor von jemandem ein, als hätte er dies schon viele Male zuvor getan.
Minuten später ging ich sehr langsam zurück zur Villa Jaffé.
Ich hoffte, ein anderer Passant würde auftauchen, damit ich ihm erzählen könnte, dass ich gerade einem zielstrebigen Fuchs begegnet war. Aber es war eine stille Nacht im Grunewald. Also erzählte ich dem unsichtbaren Mond, dass ich dankbar für das rote, pelzige Gedicht war, das er mir geschickt hatte. Es war so viel besser, als die Neuigkeit für sich zu behalten.

Topophilia
(From Greek topos “place” and -philia “love of”) is a strong sense of place, which often becomes mixed with the sense of cultural identity among certain people and a love of certain aspects of such a place. (Wikipedia: en.wikipedia.org/wiki/Topophilia)
Ein Raum übt Kraft aus. Dies wurde von zahlreichen Gelehrten und Geografen über die Zeiten hinweg behauptet, darunter der unschätzbare Professor Yi Fu Tuan.
Berlin gewinnt.
Es hat eine machtvolle Trumpfkarte gezogen, die mich in die Knie gezwungen hat. Sehen Sie, diese Stadt spielt dem menschlichen Herzen einen Streich – und zwar, indem sie ihre Seele darbietet, ihre Schatten, ihre Finsterkeiten. Sie wollte ihre Geister, ihre Sünden nicht verbergen, im Gegensatz zu allen anderen Orten auf der Welt, die ich kenne, einschließlich meiner Heimatstadt. Hier gibt es Gedenkstätten für das Grauen des Holocaust; ergreifende Wahrzeichen für die Dinge, die im menschlichen Herzen lauern, mit denen die Menschheit zerstört werden kann.
Und es gibt die Stolpersteine.
An einem Freitag machten wir mit Kollegen einen Spaziergang, um die Geschichte einzelner Orte in Grunewald zu hören. Persönliche Geschichten von Menschen mit Namen wie Braun und Rathenau. Hier war der Beweis für die greifbare Beständigkeit der Erinnerung, das Nachhallen der Vorfahren, die keine Geister mehr sind. Ein spontaner Moment. Unsere Stadtführerin Petra Fritsche, in Arbeitshandschuhen, beugt sich herunter, um die Stolpersteine zu putzen, blank zu putzen. Sie zum Glänzen zu bringen, damit wir die Namen lesen können, während sie die Geschichte von Leben erzählt, die auf brutale, schreckliche Weise zerstört wurden. So erfahre ich von den Brauns der Villa Jaffé, wo ich meine Berliner Zeit verbringe. Leben, die in die Gegenwart eingeschrieben sind, sodass sie jetzt auch Teil meiner Erinnerung werden, sie sind keine Fremden mehr. Meine Gastgeber. Menschen. Petra auf ihren Knien, sie putzt die Steine, die wie Narben auf der Oberfläche eines verwundeten Landes sind. Es ist ein heiliger Moment. Eine Tür zur Wahrheit öffnet sich in diesem Moment. Ein Volk kann den Mut aufbringen, mit seinem enthüllten Grauen zu leben; es kann mit seinen freigelegten Wunden leben, ohne Verleugnung, Verstellung oder Ausreden. Es kann leben und sogar gedeihen, während es sich seiner Realität aussetzt. Es bedeutet, dass man dazu bereit sein könnte, sich manchmal zu bücken, manchmal zu knien, zu atmen, zuzuhören, zu benennen, sich nicht zu widersetzen. Nichts geht verloren, weder der Schrecken noch die Würde.
Und irgendwie, unmittelbar nach diesem Moment, im Inneren eine geflüsterte Frage der Stadt:
Das; kannst du auch das lieben?
Die Stadt nackt.
Es gibt keine weiteren Ausreden.
„Ja“, ergebe ich mich. „Ich werde die Stadt lieben.“
Es stimmt, es wird eine unvollkommene Liebe sein, aber auch das ist gut.

Fotos:© Maurice Weiss