Workshop 2017/2018

Ortsnamen und Narrative

03.–04. Mai 2018

© Matthias Egeler

 

In vielen Kulturen sind Ortsnamen mehr als nur die Bezeichnung eines geographischen Ortes: in vielen Sprachen sind Ortsnamen sprechend, d.h. sie sind semantisch durchsichtige Bildungen, die im Sinne einer Miniatur-Beschreibung wesentliche Elemente eines Orts erfassen. Sehr typisch ist dies etwa für Island und das gälische Irland, um nur zwei Beispiele herauszugreifen. Isländische und irische Ortsnamen können sich so etwa auf physische Elemente der Landschaft beziehen; die geläufigen isländischen Flussnamen Laxá und Jökulsá bedeuten einfach „Lachs-Fluss“ bzw. „Gletscher-Fluss“, und Glendalough in Irland ist, in der ursprünglichen irischen Schreibung, glenn dá loch: „Tal der zwei Seen“. Solche sprechende Ortsnamen sind in gewissem Sinne Miniaturgeschichten, die provozieren, zu längeren Narrativen entwickelt zu werden. So erzählt uns das islän­dische Buch der Landnahmen eine Geschichte darüber, wie das Moor Flugumýrr zu seinem Namen kam. Dabei behauptet der Text am Ende einer surrealen Erzählung von Zauberern und magischen Pferden, dass dieses Moor nach der Stute Fluga benannt worden wäre, die dort ertrunken sei: Flugumýrr sei das „Moor der [Stute] Fluga“. Nun bedeutet fluga im Islän­dischen jedoch „Mücke“, und isländische Moore sind notorisch von Mücken geplagt; tatsächlich dürfte Flugumýrr also „Mückenmoor“ bedeuten. Dies war dem Erzähler der Geschichte offenbar jedoch zu banal und wurde daher von ihm durch eine ironische Geschichte vom Übernatürlichen ersetzt. Aus einem relativ trivialen sprechenden Ortsnamen ist eine kleine Erzählung geworden.

Wie, warum und in welchen Kontexten Ortsnamen zu Geschichten entwickelt und in Geschichten eingebunden werden können, ist stark kulturabhängig; dass es geschieht, ist jedoch sehr häufig. Der Workshop wird in der gemeinsamen interdisziplinären Diskussion ausloten, welches Spektrum das Verhältnis von Ortsnamen und Narrativen in verschiedenen Kulturen umfassen kann. Da sich im Gegenstandsbereich von (unter anderem) Skandinavistik, Keltologie, Finnugristik und Bibelwissenschaft bei der narrativen Verwendung von Ortsnamen eng vergleichbare Phänomene beobachten lassen, kann eine Diskussion gerade dieser vergleichbaren Phänomene im interdisziplinären Dialog Beiträge zu allen beteiligten Disziplinen und ihren jeweiligen Fachdiskursen leisten.

 

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2017/2018

Matthias Egeler

Skandinavistik und Religionswissenschaft

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