Schmähen – Sichern – Heroisieren – Vergleichen

Mit Geschichte denken. Unruhige Zeiten in geisteswissenschaftlicher Reflexion

Die Welt verändert sich rasant im Zeitalter von Globalisierung und Digitalisierung. Zukunftsprognosen drohen im Kontext des beschleunigten Wandels schnell obsolet zu werden und Verunsicherung, Entscheidungsprobleme und Angst nehmen angesichts der vielfältigen Polarisierungen und Konflikte zu. Daher wollen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus vier großen historisch arbeitenden geisteswissenschaftlichen Sonderforschungsbereichen durch die historische Perspektivierung ihrer Themenfelder versuchen, eine bessere Reflexion von Gegenwarts- und Zukunftsproblemen zu ermöglichen und so zu ihrer Bewältigung beizutragen.

Die einzelnen Sonderforschungsbereiche gruppieren sich um die folgenden vier Themenschwerpunkte:

Schmähen beschreibt den Gegenstandsbereich des Sonderforschungsbereichs Invektivität in Dresden. Populismus in der Politik, Hatespeech im Netz – das Klagen über die Hochkonjunktur von Beleidigungen und Herabwürdigungen, die in Donald Trump ihre Symbolfigur gefunden hat, ist allgegenwärtig. Inwieweit aber finden sich derartige Phänomene auch in anderen Epochen der Geschichte und welche Funktionen und Effekte haben sie? Diesen Fragen geht der Forschungsverbund mit seinem Konzept der Invektivität nach, einem Kunstbegriff, mit dem alle Erscheinungsformen von herabwürdigendem Sprechen vom Zeitalter Ciceros über die Epoche der Reformation und des begnadeten Schmähredners Luther bis in die Weimarer Republik gefasst werden sollen.

Sichern ist das Stichwort des transregionalen Sonderforschungsbereichs Dynamiken der Sicherheit in Gießen und Marburg. Für die politischen und gesellschaftlichen Diskussionen der Gegenwart ist Sicherheit ein Schlüsselbegriff. Dabei geht der Forschungsverbund nicht von einer vorgefassten überzeitlichen Definition von Sicherheit aus. Er untersucht vielmehr, wie sich in der Geschichte Vorstellungen von Sicherheit entwickelten und wie dies politische Prozesse und Auseinandersetzungen prägte. Das zeitliche und thematische Spektrum reicht von Rache als Bedrohung der Sicherheit im Spätmittelalter über die Ambivalenz von Geiselstellungen als völkerrechtlicher Praxis bis hin zur Erweiterung des Sicherheitsbegriffs als Signum der jüngeren Geschichte oder der bedrohten Sicherheit „kritischer“ Infrastrukturen.

Heroisieren ist das Thema des Sonderforschungsbereichs Helden – Heroisierungen – Heroismen in Freiburg im Breisgau. Helden und Heldinnen prägen das kulturelle Orientierungswissen nicht nur europäischer Kulturen seit der Antike. Im Widerspruch zur Vorstellung, dass wir in einem „postheroischen Zeitalter“ leben, steht nicht zuletzt die Konjunktur des Heroischen in der Superheldenkultur des Alltags und der populären Medien. Warum und wie, so fragt der Forschungsverbund, machen Gemeinschaften immer wieder Helden und Heldinnen zum Fokus ihrer Selbstverständigung? So untersuchen die einzelnen Projekte z. B. die Funktion von Heldenmotiven in der Welt des römischen Imperiums, die Heroisierung kriegführender Eliten im Mittelalter oder die modernen Heldengestalten des Sozialismus wie aber auch des Sports.

Vergleichen schließlich ist das Thema des Sonderforschungsbereichs Praktiken des Vergleichens in Bielefeld. Zunehmend scheint unser Alltag mit seinen Ratings und Rankings, Wettbewerben und Casting-Shows von der gesellschaftlichen Praxis des Vergleichens dominiert zu sein. Aber auch innerhalb der modernen Wissenschaft reklamiert die vergleichende Methode einen prominenten Platz. Schaut man näher hin, dann sind Vergleiche auch in der Geschichte omnipräsent. Systematisch geforscht wurde über diese Geschichte des Vergleichens, über seine gesellschaftlichen und kulturellen Ursachen wie über seine Funktionen und Wirkungen bislang jedoch kaum. Das will der Forschungsverbund ändern, indem er den Akzent von einer scheinbar invarianten Operation – dem Vergleich – auf die Geschichte und die Kultur einer Praxis – des Vergleichens – verschiebt: Was tun Akteure, wenn sie vergleichen? Um das besser zu verstehen, betrachten Projekte des Verbundes z.B. die Vergleichspraktiken von Unternehmern im internationalen Raum oder solche in der interkulturellen Rechtsprechung der Frühen Neuzeit, Praktiken des Vergleichens in der Reiseliteratur seit dem 18. Jahrhundert ebenso wie Hindernisse des Vergleichens in der modernen Molekulargenetik.

Die vier SFB stellen sich am 16. Oktober im Wissenschaftskolleg einem Fachpublikum und einer interessierten Öffentlichkeit vor.

Nachmittags werden beteiligte Forscherinnen und Forscher einzelne Themen und Teilbereiche in kleinen Diskussionsrunden referieren. Abends soll im Rahmen einer öffentlichen Podiumsdiskussion der Wissenstransfer aus den Geisteswissenschaften thematisiert werden. Dazu spricht Barbara Stollberg-Rilinger, Rektorin des Wissenschaftskollegs, ein Grußwort; Julika Griem, Direktorin des Kulturwissenschaftlichen Instituts Essen und Vizepräsidentin der Deutschen Forschungsgemeinschaft, erläutert in einem Impulsvortrag die Rolle der Verbundforschung für die Geisteswissenschaften.

Auf dem Podium sind die vier SFB in Person ihrer Sprecherinnen und Sprecher vertreten: Angelika Epple (Bielefeld), Horst Carl (Gießen/Marburg), Ralf von den Hoff (Freiburg), Gerd Schwerhoff (Dresden). Die Wissenschaftsjournalistin Manuela Lenzen moderiert.

Beteiligte SFB



Katharina Wiedemann

Katharina Wiedemann

Leitung Presse- und Öffentlichkeitsarbeit, Stellvertreterin des Sekretars

Tel. +49 30 89001 117

Berlin, im Oktober 2019