Rethinking Labor from a Global Perspective

The proposed project will conduct fundamental research on the subject of work with a dual focus on the concept and the performance of work. Although the end of the work society is occasionally proclaimed in western industrial societies, a look at other societies already shows that such a point of view is based on a very restricted definition of work as gainful, wage labor. A transcultural perspective and definitions of the concept of work that go beyond purely instrumental descriptions serve to confirm the consistently high social, cultural and economic value of work and the diversity of possible categories by which to approach the subject. The project aims to investigate from a comparative, interdisciplinary perspective how at different times different societies throughout the world have filled the term “work” with meaning, and how different concepts of work have each been connected with respective expressions of the actual performance of work. A central aspect of the project is the conceptual discourse on what can meaningfully be meant by “work” and all that is incorporated in the concept. These basics must be clarified before any sound statements with respect to history, social theory, and a diagnosis of the present can be made. Also, the project aims to use a consistently global and chronologically far-reaching perspective to elucidate how diverse industrial and non-industrial, capitalist and precapitalist realities were and continue to be.

 

IGK Work and Human Life Cycle in Global History

The Interbational Research center for "Work and Human Life Cycle in Global History"

Leiter: Professor Dr. Andreas Eckert

Wenige Begriffe fassen so vielgestaltige und für ihre Mitglieder gleichzeitig so fundamentale Sachverhalte zusammen wie das mit dem Wort „Arbeit“ verknüpfte Konzept. Das gegenwärtige Verständnis des Wortes wird immer noch stark bestimmt durch die Bedingungen, welche die industrielle Entwicklung und die Arbeiterbewegung den modernen Gesellschaften aufgeprägt hat. „Die Arbeit“, schreibt Marx im ersten Band des Kapitals, „ist zunächst ein Prozess zwischen Mensch und Natur, ein Prozess, worin der Mensch seinen Stoffwechsel mit der Natur durch seine eigene Tat vermittelt, regelt und kontrolliert. Er tritt dem Naturstoff selbst als eine Naturmacht entgegen.“ Nun wissen wir, dass die Naturmacht Mensch dem Naturstoff in sehr unterschiedlichen Formen gegenübertritt und auch selbst in vielfältige Verhältnisse eingebunden ist. Die verschiedenen Gesellschafts- und Wirtschaftstheorien legen diese Differenzierungen in systematischer Weise jeweils unterschiedlich aus. Das in allen Auffächerungen und Auslegungen zumindest scheinbar einheitliche Bild enthält freilich sehr unterschiedliche und auch überraschende Ingredienzen. Und genau dies muss ein Projekt zur Bedeutung von Arbeit in globalgeschichtlicher Perspektive einfangen.

Gleichwohl bleibt zunächst die Frage: Was ist neu am Thema „Arbeit“? Denn wer in den Buchregalen gut geführter Buchhandlungen stöbert oder die Bibliothekskataloge durchschaut, hat rasch eine umfangreiche Titelliste zum Thema Arbeit zusammen. Im politischen Diskurs unserer Republik gilt das Thema sogar vielfach als DAS Schlüsselproblem, dem alle anderen Fragen nachgeordnet sind. Bundeskanzler und nun auch –kanzlerin pflegen Arbeit daher gerne zur „Chefsache“ zu erklären. Sei dieses Problem erst „gelöst“, so wird zuweilen suggeriert, lösten sich alle anderen Gegenwartsprobleme, wenn schon nicht von selbst, dann doch wesentlich leichter. Wenn ein Begriff so verwendet, also fast schon mit politischen Heilserwartungen verbunden wird, ist das ein sicherer Hinweis, dass er den Kernbereich der Gegenwartsmentalität vieler Menschen berührt. Erfolg oder Scheitern, im politischen wie im persönlichen Bereich, werden auf das Engste mit dem Begriff Arbeit verbunden.

Arbeit definiert Status, und zwar je nach lebensweltlicher Verankerung stärker als Reichtum oder Einkommen, mit dem die Arbeit freilich meist sehr eng verknüpft ist.

Diese vermeintliche Eindeutigkeit des Begriffs lässt leicht übersehen, dass „Arbeit“ eine riesige Bandbreite von Tätigkeiten und Konzepten umfasst, die mit ganz unterschiedlichen Erfahrungshorizonten in Zeit und Raum verknüpft sind. In den Debatten hierzulande ist in der Regel jedoch von einem sehr reduzierten Arbeitsbegriff die Rede, nämlich von Erwerbsarbeit, die mehr oder weniger eindeutig etwa von der Haushaltssphäre getrennt wird. Diese Trennung  deckt sich – denken wir nur an die Debatten um Heimarbeitsplätze oder die Monetarisierung von Erziehungsarbeit – nicht mehr mit der Erfahrung, die viele Menschen heute machen, in der gleichen Weise als zu dem Zeitpunkt, als die „moderne Arbeitsgesellschaft“ noch das unwidersprochene Leitbild darstellte.

Dass Arbeit heute wieder zum Thema wird, hat sicher viel damit zu tun, dass die Erwerbsarbeit gegenwärtig in jener Doppelkrise steckt, die Jürgen Kocka und Claus Offe vor einigen Jahren vor allem mit den beiden Problemen Massenarbeitslosigkeit und neuer Fluidität von Arbeitsverhältnissen in Verbindung gebracht haben. Zum einen sei es zu einem dauerhaften Überhang des Volumens der angebotenen Arbeit über die am Arbeitsmarkt tatsächlich nachgefragte Arbeit gekommen. Eine erhebliche Anzahl der zur Erwerbsarbeit fähigen und bereiten Menschen habe in unserem Teil der Welt keinen Zugang mehr zu ihr und damit zu dem, was für die Führung eines nach heutigen Standards „sinnvollen Lebens“ nötig sei. Arbeit ist in dieser Perspektive – und Kocka/ Offe stehen hier für ein breites Spektrum sozialwissenschaftlicher Literatur – also mehr als eine lediglich monetäres Einkommen sichernde Tätigkeit, auf welche die Arbeitenden und die Angehörigen ihrer Haushalte angewiesen sind. Arbeit ist in dieser Sicht vor allem auch eine sinnvermittelnde Institution und erfüllt damit quasi-religiöse Funktionen. Mit der Zunahme an Fluidität sprechen Kocka/ Offe als zweiten Krisenfaktor den sich wandelnden Charakter der Erwerbsarbeit an. Lebenslange Tätigkeit in ein- und demselben Beruf sei nicht mehr die Regel. Die „Normalarbeitsverhältnisse“ erodierten. Flexibilität laute das neue Zauberwort. Arbeitsort, Arbeitszeit, Arbeitsinhalt, Arbeitgeber, Arbeitsqualifikation und auch das Arbeitseinkommen seien stärker im Fluss, mit allen Konsequenzen für die Lebenssicherheit und vor allem für andere zentrale Lebensbereiche wie die Familie oder das soziale Umfeld. Ein Arbeitender, der sich auf stetig neue Arbeitsorte und Arbeitsinhalte einstellen muss, wird zwangsläufig ein anderes Sozialverhalten an den Tag legen und andere Lebensstrategien entwickeln als einer, der von lebenslangen Kontinuitäten in diesem Bereich ausgeht. Dabei ist fraglich (und untersuchenswert), wie dominant und wahrscheinlich solche Formen der „Sicherstellung“ und Kontinuität in unterschiedlichen historischen Konstellationen tatsächlich waren. Entscheidend ist, dass das Sehnen nach solchen Kontinuitäten und eine Vorstellung von ihrer „Normalität“ unsere gegenwärtige Debatte um die Arbeit entscheidend prägt.

Erweitert man nun den Erfahrungshorizont in Richtung einerseits zeitliche Tiefe und andererseits geographische Breite, wird rasch deutlich, dass diese Krisenvorstellung nur eine spezifische Arbeitserfahrung wiedergibt, der man ganz andere gegenüber stellen kann. Bisher geht unser Denken über „Arbeit“ von der Lohn-/ Erwerbsarbeit aus: Die Bedingungen der Lohnarbeit werden hingegen weitgehend ausgeblendet und müssen gleichsam wieder eingeblendet werden: das Verhältnis von Erziehung und Arbeit etwa, oder von Familie und Arbeit oder von Alter und Arbeit.

Wenn wir die Möglichkeiten der Zukunft von Arbeit erkennen wollen, müssen wir einen Möglichkeitsraum beschreiben und die Vielfalt der Formen des menschmöglichen Seins thematisieren. Mit anderen Worten: Wir müssen uns intensiver mit der  großen Diversität von Formen und gesellschaftlicher Einbettung von Arbeit weltweit und in historischer Perspektive beschäftigen, denn für eine zukunftsträchtige Entfaltung des Konzepts Arbeit ist die Spiegelung in fremden Erfahrungen eine notwendige Voraussetzung, nicht zuletzt, um Selbstverständlichkeiten ins Wanken zu bringen. Und diese fremden Erfahrungen werden zu einem guten Teil in jenen Disziplinen thematisiert und analysiert, die das liebevoll-abschätzige Etikett „Kleine Fächer“ tragen. Diese Disziplinen gilt es in einen Dialog zu bringen mit den Fächern, die sich in der Regel intensiv mit Arbeit beschäftigen – die Sozialwissenschaften, aber auch die Wirtschafts- und Rechtswissenschaften.

Es kann bei der Untersuchung von Arbeit in globalgeschichtlicher Perspektive nicht um nostalgisches oder transkulturelles Ratsuchen gehen (à la wir schauen in die Antike oder nach Asien und lernen, wie wir es besser machen), sondern um die Einsicht in Spielräume, in denen sich die keineswegs selbstverständlichen Festlegungen zum Verhältnis von Arbeit und Lebensführung bewegt haben und immer noch bewegen. Der Blick in die zeitliche und räumliche „Fremde“ verdeutlicht, wie wenig selbstverständlich die Grenzsetzungen sind, die mit der uns geläufigen Begrifflichkeit von Arbeit verbunden sind und zeigen uns gleichzeitig, wie befremdlich die Grenzziehungen aus anderem Blickwinkel erscheinen und wie mühsam und umwegreich sie sich gebildet haben. Mit anderen Worten: Es soll darum gehen, den Prozess zu rekonstruieren, in dem sich die heute zumeist unhinterfragte und scheinbar natürliche Vorstellung von Arbeit durchgesetzt hat. Dabei gehen wir von einer fundamentalen Diskontinuität von Arbeit einerseits, der engen Verzahnung europäischer und außereuropäischer Entwicklungen andererseits aus.

Um das breite Themenfeld gegebenenfalls noch stärker zu akzentuieren, könnte man die Auseinandersetzung mit Arbeitshandeln und die Bedeutung von ‚Arbeit’ in globaler Perspektive auf die Frage von „Arbeit, Alter und Generation“ zuzuspitzen. In permanent alternden Gesellschaften wird die wachsende Notwendigkeit zur Betreuung und Pflege alter Menschen etwa die Definition von Arbeit, aber auch den Arbeitsmarkt stark prägen (z.B. Pflegetätigkeit als Tätigkeit von Migrantinnen). Demographieforscher verweisen darauf, dass sich die in Deutschland geleistete Arbeit schon bald verringern wird, wenn Ältere auch in Zukunft in so geringem Maße am Erwerbsleben teilnehmen. Soll sich das Verhältnis von Arbeitenden zu Nicht-Arbeitenden in Zukunft nicht verschlechtern und soll die pro Kopf geleistete Arbeitszeit nicht sinken, so muss die Arbeit über den Lebenslauf gleichmäßiger verteilt und flexibler gestaltet werden. Nun gibt es in der nicht-europäischen Welt, etwa in den westafrikanischen Gesellschaften, die Georg Elwert untersucht hat, eine Fülle von Beispielen, wie Gesellschaften mit diesem Problem umgehen. In Teilen von Benin etwa ist Arbeit nach Lebensalter gegliedert. Lohnarbeit hat ihre Zeit, danach arbeitet man als Selbständiger. Auffallend an diesem Modell ist die Anpassung an die altersspezifisch unterschiedlichen physischen und intellektuellen Kapazitäten, eine Anpassung, die das Modell des Lebensberufes kaum leisten kann. Zu fragen wäre nach der Verknüpfung von Alter und Arbeit in diversen Gesellschaften, wobei dies auch den ideologisch heiß umkämpften Aspekt von Kinderarbeit einbeziehen würde. Auch die Aspekte Generation und Lebenslauf spielen in eine so akzentuierte Forschung hinein.

  1. Sind spezifische Formen von Arbeit bzw. spezifische Verknüpfungen von Arbeit und anderen Lebensäußerungen für unterschiedliche Lebensalter typisch? Dabei interessieren besonders die Kindheits- und Jugendphase (Sozialisation, Ausbildung, Qualifikation, Disziplinierung) und die Alternsphase (Arbeit bis zur Arbeitsunfähigkeit oder zum Tod, Wechsel in andere Tätigkeiten, Ruhestand oder Äquivalent). Wird – wann, wo, unter welchen Bedingungen, warum – die gängige Einteilung des Lebenslaufes (normativ und praktisch) durch Partizipation an unterschiedlichen Formen von Arbeit definiert, von Arbeit in welchem Sinn? Falls nicht, wodurch dann?
  2. Die intergenerationellen Beziehungen sind Knotenpunkte für die Reproduktion von Gesellschaften, für die Platzierung von Individuen in der Gesellschaft, für die Definition, Verwirklichung oder Verletzung von Grundsätzen sozialer Gerechtigkeit. Welche Rolle spielt dabei Arbeit, in ihren unterschiedlichen Formen, Verteilungen und Ergebnissen?
  3. Sind die historisch variablen Vorstellungen und Praktiken von Arbeit lebensaltersspezifisch konnotiert, und wie ändert sich das im Verlauf des demographischen, ökonomischen und kulturellen Wandels? Unterschiedlich für Männer und Frauen?
  4. Welche anderen Fragen bieten sich an für ein Projekt, das dem Beziehungs- und Wechselverhältnis von Arbeit und Lebenslauf, von Arbeitsbildern und Lebenslaufbildern, von Arbeitsordnung und Lebenslaufordnung – komparativ und verflechtungsgeschichtlich – nachgehen will, um eine Typologie zu erarbeiten, Haupttrends zu bestimmen und die gegenwärtige Situation historisch einzukreisen?

 

Berliner "Forum Wege des Wissens"

Eingeladen wurden im Jahr 2009:

  • Jürgen Osterhammel (Konstanz) „Akteure musikalischer Globalisierung, 1860 – 1930”, Institut für Asien- und Afrikawissenschaften/HU, 19,02.2009
  • Rosana Guber (Buenos Aires): „Entre la redención política y el recurso académico: El trabajo de campo en la antropología social”, Ibero-Amerikanisches-Institut, 28.05.2009

Eingeladen wurden im Jahr 2008:

  • Vera Kutzinski (Nashville University): "On Common Ground?: American Studies, Latin American Studies, and Hemisperic American Studies!", Wissenschaftskolleg zu Berlin, 03.06.2008
  • Hilda Sabato (Buenos Aires University): "The Republican Experiment: Citizens and Political Power in the 19th Century Latin America", Clubhaus der Freien Universität, 09.06.2008
  • Charlos Reboratti (Buenos Aires University): "Scale, Landscape, Territory. Hidden Concepts, Travelling Concepts and Transdisciplinarity", Ibero-Amerikanisches-Institut, 13.06.2008
  • Indra Levy (Stanford University): „The Modern Japanese Vernacular as a Westernesque Femme Fatal",18.11.2008

Eingeladen wurden im Jahr 2007:

  • Christian Uhl (Leiden University, jetzt Ghent University): "When Dr. Koch meets Doctor Yihe - Some Random Remarks Concerning Time and Translation", Zentrum für Literatur- und Kulturforschung, 23.05.07
  • Frederick Cooper (New York University): „Knowledge, Ignorance, and Social Policy in Colonial Africa“, Seminar für Afrikawissenschaften (im Rahmen der Ringvorlesung), 04.07.07
  • Claudio Lomnitz (Columbia University, New York): „The Hatred of Mexico's ‚Científicos’, 1892-1914“, Ibero-Amerikanisches Institut, 19.10.2007
  • Hebe Vessuri (Instituto Venezolano de Investigaciones Cientificas Caracas): „A World on the Move between Knowledge ‚Hotspots’ and ‚Cold Deserts’“, Ibero-Amerikanisches Institut, 16.11.2007
  • Peter Chelkowski (New York University): „Ta’ziyeh on the Move“, Zentrum für Literatur- und Kulturforschung, 28.11.2007
  • Atsuko Sakaki (University of Toronto): „Tales of Traveling Tongues. (A Chinese and A Japanese in Paris)”, Werkstatt der Kulturen der Welt, 12.12.2007