Lateinamerikas verflochtene Räume im globalen Kontext: Öffentlichkeiten, Wissenszirkulation und Raumkonstruktionen

Die Lateinamerikaner erleben Globalisierungsprozesse anders als ihre nördlichen Nachbarn, nämlich „als Kulturproduzenten, als Migranten und als Schuldner“ (García Canclini 2002: 12). Dieser Perspektivwechsel legt den Fokus der Arbeit auf die globalen Verflechtungen einer zunächst nur als peripher wahrgenommenen Weltregion. Auf diese Weise rücken eine Vielzahl oftmals wenig beachteter Akteure, deren transnationale und transkulturelle Bewegungen sowie die unterschiedlichen Bedeutungen, Gestaltungsfähigkeiten und Abhängigkeiten ihrer Region in den Blick der Globalisierungsforschung. Deutlich wird aus dieser Sicht zugleich auch, dass die zunehmende Verflechtung verschiedener Kulturen, Ökonomien, Staaten und Gesellschaften keine uniforme und homogene Welt hervorgebracht hat.  

Die Vielfalt verflochtener Räume im Rahmen transnationaler und transkultureller Wechselbeziehungen lässt sich geradezu paradigmatisch in und an den Amerikas bzw. an Lateinamerika beobachten. So stand die „Entdeckung Amerikas“ nicht nur am Beginn der ersten Etappe beschleunigter Globalisierung, sie brachte auch neue Raumvorstellungen und zahlreiche sich ständig verändernde räumliche Bezüge hervor, welche bereits die Namensgebung des amerikanischen Doppelkontinents prägten. Die neuen Raumvorstellungen waren eng verbunden mit der Imagination einer fremden und exotischen „Neuen Welt“, wie sie Amerigo Vespuccis sensationeller Bericht über die neu entdeckten amerikanischen Territorien bei den Europäern auslöste. Allein schon die Geschichte des von Europa aus definierten Begriffs „Amerika“, der sich zunächst auf die Karibik, Zentralamerika und Teile Südamerikas bezog, weist auf die von dieser Weltregion ausgehenden Dynamik der Umdeutungen und Veränderungen von Raumvorstellungen hin. Die Konstruktion der „westlichen Hemisphäre“, des „Black Atlantic“ und des „Pacific Rim“ sind weitere eindrückliche Beispiele sich wandelnder Raumvorstellungen. Aus europäischer und transatlantischer Perspektive wurden dabei die Vernetzungen der Amerikas mit außereuropäischen Regionen und damit die Konstruktion von Räumen jenseits der transatlantischen Beziehungen, wie etwa die inneramerikanischen oder transpazifischen Verflechtungen, lange kaum berücksichtigt. Es sind jedoch gerade die über die europäische Kolonialisierung hinausreichenden transregionalen Verflechtungen, welche in den Amerikas „Lateinamerika“ zu einem wichtigen Knotenpunkt einer als polyzentrisch zu begreifenden Globalisierung machten und machen. 

Im Zentrum des Projekts „Lateinamerikas verflochtene Räume im globalen Kontext“ stehen interdisziplinäre Fragestellungen zur Veränderung Lateinamerikas durch Globalisierungsprozesse und die Bedeutung Lateinamerikas für diese Prozesse; d. h. wie verändert sich Lateinamerika durch die Globalisierung und wie prägt Lateinamerika sie. Mit dieser doppelten Fragestellung und durch die Einbeziehung der einschlägigen Debatten in Lateinamerika will das Projekt zu einer Neuorientierung der geistes-, kultur- und sozialwissenschaftlichen Globalisierungsforschung im Rahmen der Area Studies beitragen. Dabei wird der Fokus auf die Herausbildung neuer Raumkonstruktionen aus der Perspektive unterschiedlicher Disziplinen gelegt. Die Wirkungen der räumlichen Verflechtungen Lateinamerikas lassen sich drei thematischen Schwerpunkten zuordnen:

  1. Transnationalisierung von Öffentlichkeiten und Lebenswelten in den Amerikas: Massive Migrationsbewegungen und die damit verbundenen ökonomischen, sozialen und kulturellen Transfers (Remittances) haben nicht allein zu einer doppelten Verortung von Akteuren geführt, sondern zur Herausbildung neuer Räume, die durch transnationaler Öffentlichkeiten und Lebenswelten geprägt sind. Die damit verbundenen Risiken und Möglichkeiten für soziale Akteure, politische und soziale Organisationen sowie für nationale und internationale Politikgestaltung stehen hierbei im Zentrum.
  2. Lateinamerikas Bedeutung für Wissenszirkulation und Kulturtransfers: Wenig öffentlich beachtet wird die Bedeutung Lateinamerikas als Schaltstelle von Wissenszirkulation und Kulturtransfers. Doch gerade Berlin ist als Wissensstandort bereits seit Alexander von Humboldt und nach ihm durch die Vermittlung unterschiedlicher Akteure (wie Wissenschaftler/innen und Kulturschaffende im Exil oder auf Entdeckungsreise) und Wissensbewegungen (wie Übersetzen, Sammeln, Archivieren, Dar- und Ausstellen und Rezipieren) eng mit Lateinamerika verflochten. Die Konstituierung von Wissensräumen, die Bedeutung unterschiedlicher Schaltstellen und die damit verbundenen Hierarchisierungen sind Fragen, die sich stark an wissenssoziologischen Konzepten orientieren.
  3. Hemisphärische Raumkonstruktionen: Es ist notwendig, sich explizit mit den von Lateinamerika angeregten bzw. ausgehenden Raumkonstruktionen auseinander zu setzen. Ihre kulturellen Differenzen, historischen wie aktuellen Veränderungen stehen hierbei im Mittelpunkt. Die hemisphärische Konstruktion von Raum wird in ihrer historischen Tiefe (wie die Vorstellungen von „Amerika“, „den Amerikas“ und „Lateinamerika“) rekonstruiert und auf ihre aktuelle Vorstellung von der räumlichen Strukturierung der Welt hin diskutiert - auch über Lateinamerika hinaus (wie etwa die Vorstellungen von den Tropen, dem Süden, dem pazifischen Raum).

An der Entwicklung von Projekten zur transregionalen Lateinamerika-Forschung sind, neben Marianne Braig (Freie Universität Berlin), aus dem Forschungsverbund Otmar Ette (Universität Potsdam), Barbara Göbel (Ibero-Amerikanisches Institut) und Viola König (Ethnologisches Museum) beteiligt. 
Berlin als Standort der transregionalen Lateinamerikaforschung
Die besonderen Möglichkeiten des Wissenschaftsstandorts Berlin (einschließlich Potsdam) zur Stärkung der Lateinamerika-Forschung werden in einer vom Ibero-Amerikanischen Institut durchgeführten und vom BMBF finanzierten Studie zu „Stand und Perspektiven der wirtschafts-, sozial- und geisteswissenschaftlichen Lateinamerikaforschung in Deutschland“ bestätigt.

Danach sind es verschiedene Faktoren, die hier zusammenkommen:

  1. die Breite der vertretenen wirtschafts-, sozial- und geisteswissenschaftlichen Disziplinen, von denen aus sich mit dem Subkontinent in Lehre und Forschung befasst wird. Hier spielt insbesondere das Zentralinstitut Lateinamerika-Institut der Freien Universität eine wichtige Rolle. Hinzu kommen einzelne Professuren mit einer Lateinamerikaorientierung an der Humboldt-Universität zu Berlin, der Technischen Universität und an der Universität Potsdam;
  2. die Bündelung universitärer und außeruniversitärer Einrichtungen, in denen Lateinamerikaforschung stattfindet, sind das Deutsche Institut für Internationale Politik und Sicherheit der Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP) sowie zwei Einrichtungen der Stiftung Preußischer Kulturbesitz: das Ethnologische Museum mit seinen bedeutenden archäologischen und ethnographischen Sammlungen und das Ibero-Amerikanische Institut (IAI). Der Standortvorteil Berlins zeigt sich besonders deutlich am Beispiel des IAI als einen Ort, an dem die Potentiale der Wissensproduktion und der Wissensarchive eng miteinander verzahnt werden;
  3. die Größe, Vielfalt und Bedeutung der vorhandenen Sammlungen zu Lateinamerika (Schrift-, Bild- und Tonarchive und Objekte);
  4. die potentiellen Schnittstellen zu den Bereichen Politik und Kultur;
  5. die Vielfalt anderer regionaler Schwerpunkte, die eine Berücksichtigung transnationaler Zusammenhänge in Forschung und Lehre ermöglichen. Es sind somit alle Ebenen der wissenschaftlichen Befassung vorhanden: Lehre, Grundlagenforschung, Politikberatung, Wissensarchive. Die Aktivitäten sind jedoch weit zerstreut auf verschiedene Landes- und Bundeseinrichtungen, auf universitäre und außeruniversitäre Institute, auf verschiedene Disziplinen sowie Wissenschaft- und Kulturbereiche, die alle durch unterschiedliche institutionelle und wissenschaftspolitische Kulturen geprägt sind und institutionell wenig miteinander verflochten sind. Natürlich haben bereits einzelne Forscher unter Ausnutzung der hier beschriebenen Infrastruktur produktiv zusammengearbeitet, und es haben sich Kooperationsbeziehungen im Rahmen der Forschungsverbünde (zum Beispiel „Wege des Wissens. Transregionale Studien“ und der Forschungsverbund Lateinamerika Berlin Brandenburg/ ForLaBB) herausbilden können. Diese sowie der weitgehend abgeschlossene Generationswechsel in den einzelnen Institutionen verbessern die Realisierung der „Berliner Möglichkeiten“ deutlich.

Obgleich diese Potentiale vorhanden sind und bereits in Einzelfällen zum Tragen kommen konnten, bedarf es eines Scharniers, um die Verdichtung institutioneller Kooperationen, als Voraussetzung für einen transregionalen Fokus, zu organisieren. Diese Aufgabe wollen die Verbundsmitglieder, die mit einer transregionalen Lateinamerikaforschung befasst sind, übernehmen.