Die Zukunft der area studies in Deutschland

Von den Aktivitäten des Forschungsverbundes in diesem Arbeitsschwerpunkt sind sowohl innerhalb der Berliner Forschungslandschaft als auch darüber hinaus innovative Prozesse angeregt worden.

Von der internationalen Konferenz „Die Zukunft der area studies in Deutschland“, die in Kooperation mit der VolkswagenStiftung unter der Leitung von Marianne Braig im Juli 2005 durchgeführt wurde, gingen wichtige Anstöße für die weitere Profilierung transregionaler, sozial- und geisteswissenschaftlicher Forschung aus. Der Wissenschaftsrat empfahl im Juli 2006, indem er sich auf diese Tagung berief, in seinen „Empfehlungen zu den Regionalstudien (area studies) in den Hochschulen und außeruniversitären Forschungseinrichtungen“ die Stärkung der Regionalforschung. Das gab, insbesondere in Berlin, Anregungen, über eine institutionelle Neugestaltung der area studies und ihren Beziehungen zu den Sozial- und Geisteswissenschaften sowie über das Verhältnis von universitären und außeruniversitären Wissenschaftseinrichtungen nachzudenken.

Die Freie Universität hat darauf reagiert und mit der Gründung eines Zentrum für Regionalstudien (Center for Area Studies/ CAS) am 6.11.2006 ein Dach für ihre zahlreichen Institute gefunden, die sich mit verschiedenen Weltregionen befassen. Mit dem Zentrum wird das Ziel verfolgt, das Profil der Freien Universität als interna-tionale Netzwerkuniversität, insbesondere mit seinen Regionalkompetenzen in Sozial- und Geisteswissenschaften, nach außen sichtbarer zu machen und universitätsintern Lehre und Forschung besser zu vernetzen. Die Freie Universität ist für viele Disziplinen und Fächerkombinationen im Bereich der Lehre der einzige oder einer der wenigen Anbieter auf hohem Niveau; zugleich haben sich verschiedene Sonderforschungsbereiche und Graduiertenkollegs an den Schnittstellen der Regionalforschung im Bereich der Sozial- und Geisteswissenschaften herausgebildet. Namentlich sind aus dem Kreis von „Wege des Wissens. Transregionale Studien“ in die Organisation des CAS eingebunden: Die Sprecherin Marianne Braig (Lateinamerika-Institut); aus dem Beirat: Erika Fischer-Lichte (Institut für Theaterwissenschaft), Gudrun Krämer (Institut für Islamwissenschaft); Ursula Lehmkuhl (John F. Kennedy-Institut für Nordamerikastudien).

Berlinübergreifend hat sich im Rahmen der Berliner Wissenschaftskommission eine Arbeitsgruppe „Politik, Gesellschaft und Geschichte unter globalen Bedingungen“ gebildet, die von Jürgen Kocka geleitet wurde. Die Arbeitsgruppe legte der Berliner Wissenschaftskommission im Sommer 2006 eine Empfehlung zur Stärkung der regionalen und historischen Kompetenzen in Berlin vor, die positiv bewertet wurde. Empfohlen wird die Einrichtung eines „Forums Transregionale Studien“. Ausgehend von den globalen Herausforderung, denen sich die deutsche Politik immer stärker zu stellen hat, und der daraus resultierenden Nachfrage nach Grundlagenforschung, die über kurzfristige Politikberatung hinausreicht, artikuliert sich ein Bedarf an stärker sozial- und geisteswissenschaftlichen Expertisen zu Problemlagen in außereuropäischen Gesellschaften und zu transnationalen Verflechtungen. In Berlin ist das Potential dafür vorhanden: es gibt Sozial- und Geisteswissenschaften auf hohem theoretischen und methodischen Niveau, breite und disziplinär basierte Regionalkompetenzen, intensive internationale Vernetzungen und eine Tradition der Kooperation zwischen universitären und außeruniversitären Einrichtungen. Um die notwendige „Fernkompetenz“ zu entwickeln, sind die Voraussetzungen gut; sie können und müssen besser genutzt werden. Ziel des geplanten „Forums Transregionale Studien“  ist es, die disziplinäre und regionenspezifische Kompetenz unter systematischer Einbeziehung von Wissenschaftlern und Wissenschaftlerinnen sowie Erfahrungen aus den betrachteten Regionen zusammenzuführen. Hier treffen sich die Zielsetzungen der Initiative und das Forschungsinteresse des Verbunds „Wege des Wissens. Transregionale Studien“.

Die Parallelen zwischen „Wege des Wissens. Transregionale Studien“ und dem geplanten „Forum Transregionale Studien“ sind nicht zufällig. Die Arbeitsgruppe „Politik, Gesellschaft und Geschichte unter globalen Bedingungen“ der Berliner Wissenschaftskommission griff die zentralen Fragen des Verbunds auf und versuchte unter dem programmatischen Titel „Forum Transregionale Studien“ nicht allein eine Bestandsaufnahme des reichhaltigen Berliner Potentials, sondern auch eine kritische Würdigung und die Sammlung von Vorschlägen für eine Weiterentwicklung. Derzeit findet eine stärkere Verflechtung zwischen dem Verbund und der Forumsinitiative statt, wobei die Verbundmitglieder, vertreten durch ihre Sprecherin Marianne Braig (Freie Universität Berlin), an der Konzeption „Forum Transregionale Studien“ mitarbeiten und die Erfahrungen aus „Wege des Wissens. Transregionale Studien“ mit transregionalen Forschungsarbeiten einbringen. 

Der Verbund „Wege des Wissens. Transregionale Studien“ hat im November 2006 seine nachdrückliche Unterstützung der Aktivitäten zur Gründung eines transregionalen Forums für Berlin festgestellt. Die Mitglieder sehen große Chancen für die Förderung transregionaler und interdisziplinärer Forschung sowie der Förderung von Forschern und Forscherinnen mit spezifischen Sprach- und Regionenkompetenzen. Sie haben sich darauf verständigt, ihre Erfahrungen und ihr transregionales Potential langfristig dem geplanten „Forum Transregionale Studien“ zu übertragen. Dazu gehören neben den Ergebnissen der Forschung eines jeden Einzelnen, die gemeinsam entwickelten Fragestellungen der transregionalen Arbeitszusammenhänge, mit denen der Verbund Neuland betreten hat. Hinzukommen die internationalen Netzwerke, die Schaffung transnationaler Forschungsprojekte, und die Ein-beziehung der Wissensproduktion in den untersuchten Regionen auf gleicher Augenhöhe. Die Erfahrung mit flexiblen Formaten, in denen Gastwissenschaftlerprogramme mit der Entwicklung und Ausarbeitung von Forschungsprojekten verbunden werden, werden ergänzt durch die Auseinandersetzung mit verschiedenen Wissenschaftstraditionen, Aufteilung der Disziplinen, die die deutsche oder auch angelsächsische Tradition befruchten bzw. hinterfragen können. Folgende Erfahrungen kann der Verbund in die Gestaltung eines „Forums Transregionale Studien“ einbringen:

  1. Interdisziplinäre, transregionale Forschung braucht sozial- und geisteswis-senschaftliche Disziplinen, die auf hohem Niveau theoretisch und methodisch arbeiten und sich für andere empirische Gegebenheiten öffnen. Dazu gehört die Intensivierung der Kooperation zwischen Sozial- und Geisteswissenschaften und zwischen verschiedenen Regionalexperten.
  2. Transregionale Forschung benötigt starke area studies, eine entsprechend angepasste wissenschaftliche Infrastruktur in der universitären Lehre und Forschung sowie in spezifischen, in der Regel außeruniversitären Wissensarchiven; transregionale Forschung muss dabei auf eine verlässliche Verbindung zwischen universitärer und außeruniversitärer Forschung bauen können.
  3. Die vielfältigen Wechselwirkungen zwischen dem „Forum Transregionale Studien“ und dem Wissenschaftsstandort Berlin gilt es zu stärken und auszubauen.
  4. Die Diskussion über transregionale methodische und theoretische Ansätze von entangeled history über connectivities zu histoire croisée gilt es weiterzuentwickeln; dabei müssen die vielschichtigen Probleme der kulturellen Übersetzungen berücksichtig  werden.
  5. Wissenszirkulation und Kulturtransfer haben sich als innovative Zugänge erwiesen. Die Untersuchung von Akteuren und Übersetzern der Wissensproduktion, -vermittlung und -bewahrung ermöglichen einen wirkungsvollen Zugriff auf transregionale Forschungsfragen.
  6. Während es in der Geschichtswissenschaft bereits einen effektiven Durchbruch gegeben hat, eine globale Perspektive in der deutschen bzw. westlichen Geschichtsschreibung mitzudenken, stehen vergleichbare Entwicklungen in anderen geistes- und sozialwissenschaftlichen Fächern erst am Anfang.