Neue Ansätze zur Geschichte von Handelsstädten im Osmanischen Reich

Ein Projekt des Arbeitskreises Moderne und Islam, des Zentrums Moderner Orient, des Interdisziplinären Zentrums "Bausteine zu einer Gesellschaftsgeschichte des Vorderen Orients" der Freien Universität Berlin und des Orient-Instituts der Deutschen Morgenländischen Gesellschaft in Istanbul

Problemstellung

Angesichts wirtschaftlicher und ethnischer Segregationsvorgänge zwischen unterschiedlichen Bevölkerungsgruppen ist die Frage, ob und wie multikulturelle Lebensräume funktionieren, für Politiker nicht weniger als für Städeplaner von Bedeutung. Die Entwicklung städtischer Zentren insbesondere zwischen dem achtzehnten und dem zwanzigsten Jahrhundert könnte in diesem Zusammenhang einen interessanten Vergleich eröffnen.

Im Mittelpunkt des Projektes steht die Entwicklung von Handelshäfen im osmanischen Reich und seinen Nachfolgestaaten. Während des umrissenen Zeitraumes war das osmanische Reich einerseits um Expansion bemüht (die nur im Jemen auch realisiert werden konnte), sah sich andererseits jedoch mit wachsendem europäischen Druck und dadurch bedingten Territorialverlusten konfrontiert. In den letzten Jahrzehnten hat der Kosmopolitismus osmanischer Hafenstädte mit ihrer Toleranz gegenüber nicht-muslimischen Kaufleuten Anlass zu einer nostalgischen Rückbesinnung auf die Zeit vor 1918 gegeben. Osmanische Handels- und Hafenstädte wurden Gegenstand wichtiger Studien wie etwa Leila Fawaz' Monographie über Beirut (1983) oder der von Eldem, Goffman und Masters verantwortete Band über 'Die osmanische Stadt zwischen Ost und West' (1999), in dem Istanbul, Izmir und Aleppo behandelt werden - letztere zwar keine Hafenstadt, aber doch ein wichtiges Handelszentrum. Die Aufmerksamkeit richtete sich dabei hauptsächlich auf solche gesellschaftlichen Gruppen, zu denen umfangreiches Archivmaterial vorliegt, wie etwa Regierungsvertreter, Notable, reiche Kaufleute und Europäer.

Im Gegensatz zu solchen Studien will das vorliegende Projekt Interaktionsprozesse untersuchen, an denen breitere gesellschaftliche Schichten beteiligt sind: Reisende Kaufleute, Seemänner, Tagelöhner auf der einen Seite, die etabliertere ortsansässige Gesellschaft auf der anderen Seite. Wann werden Individuen und Gruppen Teil einer lokalen Gesellschaft, wann begründen sie gar eigene Teilgesellschaften? Wie artikulieren sie ihre Interessen und Zugehörigkeiten? Wie interagieren sie mit den politischen Authoritäten? Hinterlassen sie Spuren in der städtischen Textur, und wenn ja, welche? Wie und unter welchen Bedingungen finden derartige Integrationsprozesse statt, und wie kommt es zur ihrer Auflösung? Wie werden Integration und Marginalität von den Akteuren selbst verstanden und definiert?

Die Konzentration auf gesellschaftlich weniger privilegierte Gruppen wirft Fragen im Hinblick auf Methodologie und Quellenmaterial auf. Kolonialarchive, örtliche Chroniken und Biographiensammlungen werden dabei voraussichtlich von geringerem Wert sein. Wie Abraham Marcus und andere gezeigt haben, gestatteten beispielsweise Hofakten einen wertvollen Einblick in die Lebensrealität sehr unterschiedlicher sozialer Gruppen. Vor allem in diesem Bereich sind deshalb von jüngeren Wissenschaftlern, die in den osmanischen Archiven und anderen öffentlichen und privaten Sammlungen arbeiteten, zahlreiche neue Impulse zu erwarten.

Das Projekt wird geleitet von Professor Dr. Ulrike Freitag (Zentrum Moderner Orient und Institut für Islamwissenschaft der FU Berlin) und Professor Dr. Gudrun Krämer (Interdisziplinäres Zentrum "Bausteine zu einer Gesellschaftsgeschichte des Vorderen Orients", Freie Universität Berlin).