Arbeitskreis Moderne und Islam

Unter der leitenden Fragestellung nach 'Moderne und Islam' hat sich das Wissenschaftskolleg zu Berlin seit Anfang der Neunzigerjahre des letzten Jahrhunderts im Rahmen von Fellowberufungen und ab 1996 mit dem gleichnamigen 'Arbeitskreis Moderne und Islam' um ein besseres Verständnis muslimisch geprägter Kulturen, ihrer Geschichte und Sozialverhältnisse bemüht. Der 'Arbeitskreises Moderne und Islam' hat von 1996 bis 2006 Nachwuchswissenschaftler  und -wissenschaftlerinnen aus dem Nahen Osten wie aus anderen Teilen der Welt zu längerfristigen Forschungsaufenthalten nach Berlin eingeladen und in dem genannten Zeitraum neue Formen des intellektuellen Austauschs und der Zusammenarbeit gefördert (durch gemeinsame Seminare, Symposien und Sommerschulen). Der Ausgangspunkt von 'Moderne und Islam' wurde in Diskussionen mit Wissenschaftlern und Wissenschaftlerinnen aus dem Nahen Osten und Wissenschaftlern und Wissenschaftlerinnen von deutschen und französischen Universitäten und Forschungseinrichtungen entwickelt. 'Islam' und 'Moderne' sind dabei nicht als Gegensatz begriffen worden, bei dem europäische oder westliche Selbstverständnisse zu universalen Normen erhoben werden, an denen "der Islam" zu messen sei, sondern es wurde umgekehrt der Anspruch formuliert, Probleme, die sich aus Entwicklungsprozessen moderner Gesellschaften ergeben, gemeinsam mit Wissenschaftlern und Wissenschaftlerinnen aus muslimisch geprägten Ländern zu untersuchen.

An diese Erfahrungen knüpft seit Oktober 2006 'Europa im Nahen Osten - Der Nahe Osten in Europa' (EUME) an. Dabei handelte es sich bis 2011 um ein gemeinsames Forschungsprogramm der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften, der Fritz Thyssen Stiftung und des Wissenschaftskollegs zu Berlin. Auch hier sollen Wissenschaftler aus der Region wie aus anderen Teilen der Welt eingeladen werden, um Formen der Zusammenarbeit zu entwickeln, die der wachsenden soziokulturellen, ökonomischen und politischen Verflechtung der Regionen entsprechen.

Der 'Arbeitskreis Moderne und Islam' wurde nach einer Anschubfinanzierung durch die Hamburger Körber-Stiftung in seiner ersten Phase von 1996 bis 2001 in Form eines interdisziplinären Forschungsverbundes vom Land Berlin finanziert. Das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) steuerte die Programmmittel bei. In dieser Phase wurden - mit den Instrumenten eines Postdoktorandenprogramms für Nachwuchswissenschaftler/-innen, eines Berliner Seminars und internationaler Sommerakademien - Querschnittsfragen zu Themen wie Prozesse und Gegenprozesse der Modernisierung, Formen der Verarbeitung und Erinnerung von Krisen, Konzeptionen von Geschichte und Traditionen der Geschichtsschreibung oder Konzepte von Recht und Ordnung debattiert.

In einer zweiten Phase von 2001 bis 2006 wurde im Rahmen von fünf enger umrissenen Teilprojekten unter dem Leitmotiv 'Verflechtungen' der Versuch unternommen, Forschungen zur muslimischen Welt stärker mit anderen Wissensfeldern in fruchtbaren Austausch zu bringen. Die stark durch die nationalen Grenzen des 19. Jahrhunderts geprägten Horizonte von Disziplinen wie der Geschichte, der Literaturwissenschaft, der Arabistik, Judaistik, Theologie und Philosophie sollten auf diese Weise exemplarisch erweitert werden. In dieser zweiten Phase wurde der Arbeitskreis im wesentlichen vom BMBF, dem Land Berlin, der Fritz Thyssen Stiftung und der Bundeskulturstiftung und bei den Sommerakademien von der VolkswagenStiftung und dem schwedischen Riksbankens Jubileumsfond unterstützt.

Projekte

Den verschiedenen Projekten des 'Arbeitskreises Moderne und Islam' in seiner zweiten Phase  war die methodische Perspektive gemeinsam, Kulturen nicht als einander gegenüberstehende geschlossene Entitäten zu untersuchen. Vielmehr sollten die vielfältigen geistigen, religiösen, politischen, ökonomischen und sozialen Verflechtungen zum Thema gemacht werden. Gegenüber einem polarisierenden oder romantischen Kulturalismus, der von der Eigenständigkeit und Alterität jeder Kultur ausgeht, wurden auf diese Weise gemeinsame Fragestellungen, die vielschichtigen Kommunikations-, Rezeptions- und Mobilitätsprozesse herausgearbeitet, welche Angehörige verschiedener Kulturen, Länder oder Regionen miteinander verbinden und prägen.

In den Arbeitskreis eingebunden waren folgende Projekte:       

Cultural Mobility in nahöstlichen Literaturen

Dieses von Professor Dr. Friederike Pannewick (Universität Oslo) geleitete Projekt hat sich mit den Rezeptions- und Austauschbeziehungen der Literaturen des Nahen Ostens zu anderen Teilen der Weltliteratur beschäftigt. An diese Vorarbeiten knüpft 'Mobile Traditionen: Vergleichende Perspektiven auf nahöstliche Literaturen' im Rahmen des Forschungsprogramms 'Europa im Nahen Osten - Der Nahe Osten in Europa' an.

Geschichte von Handelsstädten im Osmanischen Reich

In Kooperation mit dem Orient-Institut der DMG in Istanbul hat sich dieses von Professor Dr. Ulrike Freitag (Zentrum Moderner Orient und Institut für Islamwissenschaft, Freie Universität Berlin) und Professor Dr. Gudrun Krämer (Institut für Islamwissenschaft, Freie Universität Berlin) geleitete Projekt mit neuen Ansätzen zur Sozialgeschichte von Handelsstädten im Osmanischen Reich und dessen Nachfolgestaaten befasst. Als Teil des Forschungsprogramms 'Europa im Nahen Osten - Der Nahe Osten in Europa' wird es modifiziert und auf neue Fragen fokussiert unter dem Titel 'Städtevergleich: Kosmopolitismus im Mittelmeerraum und den angrenzenden Regionen' am Zentrum Moderner Orient weitergeführt.

Islamische und jüdische Hermeneutik als Kulturkritik

In diesem von Dr. Almut Bruckstein (Berlin, Frankfurt, Jerusalem) und Dr. Navid Kermani (Köln) konzipierten und gemeinsam mit Professor Dr. Angelika Neuwirth (Institut für Arabistik, Freie Universität Berlin) durchgeführten Vorhaben wurden Grundlagen einer vergleichenden Hermeneutik muslimischer und jüdischer Traditionen verhandelt. Elemente dieser Programmatik werden im Zusammenhang mit dem Forschungsprogramm 'Europa im Nahen Osten - Der Nahe Osten in Europa' in dem Forschungsfeld 'Der Koran als Text einer gemeinsamen Antike und geteilten Geschichte' und dem Forum 'Tradition und Kritik der Moderne. Säkularismus, Fundamentalismus und Religion aus nahöstlichen Perspektiven' aufgenommen.

Museums-Forum: Präsentation außereuropäischer Kulturen in den Metropolen

In einer Kooperation des Wissenschaftskollegs, des Deutschen Museumsbunds und der Stiftung Preußischer Kulturbesitz wurde dieses von Professor Dr. Horst Bredekamp (Kunsthistorisches Institut, Humboldt-Universität zu Berlin, Permanent Fellow des Wissenschaftskollegs zu Berlin) und Professor Dr. Viola König (Ethnologisches Museum Berlin) geleitete Projekt als Gesprächsforum konzipiert, bei dem Kulturwissenschaftler mit Museumsexperten der Frage nachgingen, wie außereuropäische Kulturen in Museen westlicher Metropolen ausgestellt werden und welche grundsätzlichen epistemologischen und muselogischen Probleme sich dabei stellen.

West-östlicher Diwan: Schriftsteller schreiben über Schriftsteller

Dieses von Navid Kermani konzipierte und gemeinsam mit den Berliner Festspielen getragene Projekt hat versucht, die wechselseitige Kenntnis der Literaturen in Deutschland und dem Nahen Osten zu verbessern. Über einen Zeitraum von zunächst drei Jahren wurden neue Formen der Begegnung von jeweils zwei Schriftsteller erprobt, die sich wechselseitig in ihren Heimatstätten besuchten und über diese Erfahrungen publizierten. Der West-östliche Diwan wurde von den Berliner Festspielen weitergeführt. Eine Übersicht zu den Aktivitäten bis 2007 findet sich auch unter www.west-oestlicherdiwan.de.

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