© Maurice Weiss

Permanent Fellow

Luca Giuliani, Dr. phil., Permanent Fellow

Rektor des Wissenschaftskollegs (2007-2018), Professor (em.) der Klassischen Archäologie

Humboldt-Universität zu Berlin

Geboren 1950 in Florenz
Studium der Klassischen Archäologie, Ethnologie und Italienischen Literaturwissenschaft an der Universität Basel und an der Ludwig-Maximilians-Universität München


Arbeitsvorhaben

Das Aufkommen narrativer Bilder in vergleichender Perspektive

Als narrativ bezeichne ich Bilder, die nicht bloß das zeigen, was in der Welt üblicherweise der Fall ist, sondern auf eine ganz bestimmte Geschichte zurückgreifen. Im antiken Griechenland kommen solche Bilder erst im frühen 7. Jahrhundert v. Chr. auf. Ihre Präsenz auf mobilen Objekten, die für den Handel produziert worden sind, setzt einiges voraus:
1) Bilder können die Geschichte, auf die sie rekurrieren, nicht selbst erzählen: imagines non loquuntur. Wer die Geschichte zu erzählen hat, ist immer der Betrachter. 2) Dieser muss die betreffende Geschichte bereits kennen, sonst wird er mit dem Bild nicht zurande kommen. Aber der Betrachter wird sicherlich viele Geschichten kennen. Daraus folgt: 3) Das Bild muss einen Hinweis enthalten, der den Betrachter überhaupt erst in die Lage versetzt, die richtige Geschichte zu identifizieren.
Bilder dieser Art gibt es natürlich nicht nur in Griechenland, sondern auch in anderen Kulturen. Insgesamt allerdings sind sie - so mein Verdacht - doch wesentlich seltener, als man vielleicht vermuten würde. Lessing hätte sich über einen solchen Befund nicht gewundert. Im Zentrum der von ihm entwickelten Medientheorie im Laokoon steht die These, wonach Bilder (im Gegensatz zu sprachlichen Texten) strukturelle Schwierigkeiten damit haben, sich auf narrative Stoffe einzulassen: Es dürfte sich lohnen, diese These noch einmal auf breiter Basis zu überprüfen und zu differenzieren. Wie verhält es sich damit im Vorderen Orient, im alten Ägypten, in Indien und in China?

Lektüreempfehlung

Giuliani, Luca. "The Emergence and Function of Narrative Images in Ancient Greece." Res: Anthropology and Aesthetics 67/68 (2016/17): 193-206.
-. "Emergenz und soziale Funktion narrativer Bilder in Griechenland: Ein Nachtrag zu Bild und Mythos." In Image - Narration - Context: Visual Narratives in Cultures and Societies of the Old World, herausgegeben von Barbara Fath, Elisabeth Wagner-Durand und Alexander Heinemann, 21-63. (= Freiburger Studien zur Archäologie und visuellen Kultur 1, 2019.) In Vorbereitung.

Dienstagskolloquium , 17.03.2020

Haben die Römer griechische Meisterwerke kopiert? Eine transatlantische Kontroverse

Die Frage ist Gegenstand einer Kontroverse gewesen, an der sich Vertreter einer (deutschsprachigen) "Orthodoxie" und einer Fronde von "Revisionisten" (hauptsächlich aus den USA) beteiligt haben. Es ist allerdings eine seltsame Kontroverse, denn eine Kommunikation über die Fronten hinweg hat es kaum gegeben. Ich werde in sechs Schritten vorgehen.

1. Einleitung. Die ersten erheblichen Funde antiker Skulptur ergaben sich in Rom im 15. und 16. Jh.: Antike Statuen wurden begierig gesammelt, aber ohne dass man in der Lage gewesen wäre, sie in irgendeine Form von historischer Ordnung zu bringen. Die ersten erfolgreichen Versuche dazu stammen von antiquarischen Gelehrten des 18. Jhs., die damit beginnen, die archäologischen Funde mit einschlägigen Nachrichten aus antiken literarischen Quellen in Verbindung zu bringen.

2. Daraus erwächst im 19. Jh. die "orthodoxe" Position: Zu deren bedeutendsten Vertretern zählt Adolf Furtwängler (1853-1907) mit seiner Monographie "Meisterwerke der Griechischen Plastik" (1893). Furtwänglers Ziel bestand darin, auf der Grundlage römischer Kopien die verlorenen griechischen Meisterwerke zu rekonstruieren: Bronzestatuen des 5. und 4. Jhs. v.u.Z., die fast alle in der Spätantike eingeschmolzen worden sind. Ich werde versuchen zu zeigen, wie Furtwängler vorgeht und auf welche Methoden er sich stützt.

3. Die Hauptfigur unter den "Revisionisten" ist für mich Miranda Marvin (1941-2012), deren ausgezeichnetes Buch "The Language of the Muses. The Dialogue between Roman and Greek Sculpture" (2008) nie auf Deutsch besprochen worden ist. Marvin wirft Furtwängler eine zutiefst hellenozentrische Perspektive vor: Er betrachte römische Statuen als ein transparentes Medium, um durch sie hindurch etwas zu erfassen, das er für Griechisch hält. Sie schlägt vor, eben diese Statuen als römische Werke ernst zu nehmen. Aber das Argument der radikaleren Revisionisten geht weiter. Sie halten das Konzept der "römischen Kopie" (immer nur in Anführungsstrichen) für einen modernen (deutschen) Mythos; sie behaupten ausdrücklich, dass es in der Antike genaue Kopien überhaupt nicht gegeben habe. Aber was genau meinen sie/wir mit "genau", und was genau ist eine Kopie?

4. Um die Behauptung der Revisionisten zu überprüfen (und zu widerlegen), stütze ich mich hauptsächlich auf einen Fund von Gipsabgüssen, der 1954 in Baiae am Golf von Neapel zutage getreten ist: Es geht um Fragmente, die von geringer ästhetischer Anziehungskraft, aber von hohem historischen Interesse sind.

5. Zwischen dem Ansatz der Orthodoxen und dem der Revisionisten, so gegensätzlich sie auch sind, gibt es eine überraschende Gemeinsamkeit: Beide betrachten das Kopieren als eine mechanische Tätigkeit, die eines wahren Künstlers unwürdig sei. Genau aus diesem Grund hat sich Furtwängler nicht für römische Kunst interessiert (weil er die Römer für bloße Kopisten hielt); und aus demselben Grund bestreiten die Revisionisten, die sich für eine Aufwertung römischer Kunst stark machen, die Existenz römischer Kopien - es seien nämlich gar keine. Woher kommt dieser schlechte Ruf des Kopierens? Ich werde zwei Wendepunkte in den Blick nehmen, die ich für entscheidend halte: Erstens die Einrichtung von Kunstakademien (seit dem 16. Jh.), wodurch sich Künstler von den Zünften emanzipierten; in den Akademien nahm die Ausbildung einen betont intellektuellen Charakter an, indem man sich mehr auf den ideellen Entwurf als auf die handwerkliche Ausführung konzentrierte. Zweitens verweise ich auf das Aufkommen der Genieästhetik im späten 18. Jh. und auf die damit einhergehende Überzeugung, wonach der wahre Künstler keine Regeln befolgt, sondern aus der Tiefe seiner Subjektivität grundlegend Neues schafft. Unter diesen Voraussetzungen erweist sich die Kopie in der Tat als das Gegenteil von Kunst.

6. Aber führt uns dieser Gegensatz zu einem besseren Verständnis antiker Kopien? Ich glaube nicht. Römische Bildhauer haben nicht einfach griechische Meisterwerke kopiert - sie haben das Kopieren überhaupt erst erfunden und zu einer verbreiteten Praxis gemacht. Dabei wurde großer Aufwand getrieben, um eine weitgehende Treue zum Vorbild zu erreichen; andererseits verweisen Kopien aber auch unmissverständlich auf die eigene Virtuosität. Es ist genau diese (zum Teil paradoxe) Kombination aus Selbstverweis und Originaltreue, die den ästhetischen Rang der Kopien als Gattung ausmacht.


Publikationen aus der Fellowbibliothek

Giuliani, Luca ( 2016)
Michelangelos Quader : ein Nachtrag

Giuliani, Luca ( 2015)
How id the Greeks translate traditional tales into images?

Giuliani, Luca ( Basel, 2015)
Das Wunder vor der Schlacht : ein griechisches Historienbild der frühen Klassik Jacob-Burckhardt-Gespräche auf Castelen ; 30

Giuliani, Luca ( 2013)
Kästchen oder Quader? : zur Sitzstatue des Lorenzo de' Medici in der Sagrestia Nuova und zum Problem der Materialität in den Skulpturen Michelangelos

Giuliani, Luca ( 2013)
Sarcofagi di Achille tra oriente e occidente : genesi di un'iconografia

Giuliani, Luca ( 2013)
Routi haishi shitou - Mikailangqiluo de Loulunzuo Meidiqi mudiao Fleisch oder Stein - Michelangelos Grabstatue des Lorenzo de Medici <chin.>

Giuliani, Luca ( 2013)
Ein Kelch für Mr. Warren

Giuliani, Luca ( München, 2013)
Konservative Ästhetik Zeitschrift für Ideengeschichte ; 7.2013,3

Giuliani, Luca ( Göttingen, 2013)
Possenspiel mit tragischem Helden : Mechanismen der Komik in antiken Theaterbildern Historische Geisteswissenschaften ; 5

Giuliani, Luca ( Chicago, 2013)
Image and myth : a history of pictorial narration in Greek art Bild und Mythos. <engl.>


Features

dctp.tv
Die Geschichte vom Zorn

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Lectures on Film 25.11.2012

Fleisch oder Stein? Zu Michelangelos Grabstatue des Lorenzo Medici

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Zeitschrift für Ideengeschichte

Adorno

Heft XIII/1 Frühling 2019

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Konservative Ästhetik

Heft VII/3 Herbst 2013

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Heft XI/2 Sommer 2017

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Heft IX/3 Herbst 2015

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„Die Gruppe ist am Ende eines Jahres jugendlicher ...“

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