© Maurice Weiss

Permanent Fellow

Luca Giuliani , Dr. phil., Permanent Fellow

Rektor des Wissenschaftskollegs, Professor der Klassischen Archäologie

Humboldt-Universität zu Berlin

Geboren 1950 in Florenz
Studium der Klassischen Archäologie, Ethnologie und Italienischen Literaturwissenschaft an der Universität Basel und an der
Ludwig-Maximilians-Universität München


Arbeitsvorhaben

Sokrates als Satyr

Im Jahr 399 v. Chr. wurde der athenische Philosoph Sokrates wegen Missachtung der Götter (asébeia) vor Gericht gestellt und zum Tode verurteilt. Zwei oder drei Generationen später muss die Polis diese Hinrichtung bereut haben: Sokrates wurde rehabilitiert und erhielt eine öffentliche Statue. Aber es gab noch ein anderes Bildnis von ihm, das der Rehabilitierung vorausging: Es handelte sich vermutlich um eine Statue, die von seinen Schülern als Weihgeschenk in ein Heiligtum gestiftet wurde. Beide Bildnisse sind im Original verloren, aber von beiden besitzen wir Kopien aus der römischen Kaiserzeit; und beide zeigen den Philosophen mit den Gesichtszügen eines Satyrn.
In enger Beziehung dazu stehen zwei Dialoge, die denselben Titel tragen: Sympósion (Gastmahl). Der eine stammt von Platon, der andere von Xenophon. In beiden Dialogen wird (überraschenderweise) die Physiognomie des Sokrates thematisiert, und wieder geht es um dessen Ähnlichkeit mit einem Satyrn.
Das früheste Bildnis kann kaum älter als 387 sein, als Platon nach längerer Abwesenheit wieder nach Athen zurückkehrte. Die Zeitstellung der beiden Dialoge ist unklar und umstritten, aber mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit geht keiner von beiden der Errichtung der Bildnisstatue voraus. Es hat also den Anschein, als sei dieses satyrhafte Bild des Sokrates erst geraume Zeit nach dessen Tod entstanden, als vermutlich keiner sich mehr genau daran erinnern konnte, wie der reale Sokrates zu Lebzeiten genau ausgesehen hatte. Aber unter welchen Umständen und mit welcher Absicht wurde Sokrates einem Satyr angeglichen? Welche Semantik wurde mit dieser Physiognomie verbunden und wie ist sie von den Zeitgenossen verstanden worden? In formaler Hinsicht sind die beiden Symposia etwas Neues, sie folgen keinem damals etablierten literarischen Genre. Warum dieser Bruch mit den literarischen Konventionen? Und gibt es irgendeine Beziehung zwischen diesem Bruch und dem Umstand, dass Sokrates mit dem Gesicht eines Satyrs dargestellt wird? Diese Fragen untersuche ich in einem gemeinsamen Projekt mit Maria Luisa Catoni (Fellow 2009/10).

Lektüreempfehlung

Catoni, Maria Luisa und Luca Giuliani. "Socrate-Satiro: Genesi di un ritratto." Annuario Scuola Archeologica Italiana di Atene 93, 2015 [2017]: 39 60.
Giuliani, Luca. "Das älteste Sokrates-Bildnis: ein physiognomisches Porträt wider die Physiognomiker." Freiburger Universitätsblätter 35, 1996: 9-28; Nachdruck in: Bildnisse. Die europäische Tradition der Porträtkunst, herausgegeben von Wilhelm Schlink, 11-55. Freiburg/Breisgau: Rombach, 1997.
-. "Il ritratto." In Una storia greca II: Definizione, herausgegeben von Salvatore Settis, 983-1011. Torino: G. Einaudi, 1997.

Dienstagskolloquium , 28.03.2017

Michelangelos David und seine Schleuder

In dieses Projekt bin ich zufällig hinein geraten. Im Sommersemester 2014 veranstaltete eine Gruppe von Studierenden der Humboldt-Universität (vorwiegend Historiker, dazu einige Kunsthistoriker und ein paar Klassische Archäologen) ein Seminar über die Antike als Vorbild in Florenz im Mittelalter und in der frühen Neuzeit. Ich wurde eingeladen, daran teilzunehmen. An das Seminar schloss sich eine Exkursion nach Florenz an. Zum Programm gehörte auch ein Besuch in der Galleria dell’Accademia, wo wir uns (wie alle Touristen) auf Michelangelos David konzentrierten. Vor der Statue stehend, fragte ich einigermaßen naiv, was David denn eigentlich tue: eine denkbar nahe liegende Frage für einen Archäologen, der den Umgang mit griechischer Plastik gewohnt ist. Das gab Anlass zu einer lebhaften Diskussion; mehrere Antworten wurden vorgeschlagen, von denen aber keine vollständig überzeugend war.

Wieder nach Berlin zurück gekehrt, wandte ich mich der Forschungsliteratur zu, die im Fall des David umfangreich und gewichtig ist. Aber zu meiner Überraschung fand ich keine Antwort: Es gab keine Publikation, in der die dargestellte Handlung als ein zu klärendes Problem diskutiert worden wäre. Dasselbe galt, zu meiner noch größeren Überraschung, für den Gegenstand, den David in den Händen hält. Nach allgemeinem Konsens handelt es sich eine Schleuder: Aber wie ist diese gebildet und wie soll sie funktionieren? Warum sehen wir so wenig von ihr und warum verbirgt David den größten Teil davon hinter seinem Rücken? Ich suchte nach Fotos von Details, vor allem der beiden Extremitäten der Schleuder: Aber auch in diesem Punkt blieb ich erfolglos; ich fand keine Bilder, auf denen das, was ich wollte, zu sehen gewesen wäre. Das machte mich neugierig und ich beschloss, der Sache etwas weiter nachzugehen.

Ende letzten Jahres im November erhielt ich dankenswerterweise Zutritt zu dem Gerüst, das in regelmäßigen Abständen aufgebaut wird, um die Statue (sorgfältig!) zu staubsaugen, und konnte den Befund aus der Nähe betrachten. Fünf Monate später glaube ich, in der Lage zu sein, auf die meisten meiner Fragen Antworten zu formulieren. Diese werfen vielleicht eine neues Licht auf die Interpretation der Statue insgesamt.


Publikationen aus der Fellowbibliothek

Giuliani, Luca ( 2015)
How id the Greeks translate traditional tales into images? Images for classicists

Giuliani, Luca ( Basel, 2015)
Das Wunder vor der Schlacht : ein griechisches Historienbild der frühen Klassik Jacob-Burckhardt-Gespräche auf Castelen ; 30

Giuliani, Luca ( 2013)
Kästchen oder Quader? : zur Sitzstatue des Lorenzo de' Medici in der Sagrestia Nuova und zum Problem der Materialität in den Skulpturen Michelangelos Mitteilungen des Kunsthistorischen Institutes in Florenz

Giuliani, Luca ( 2013)
Sarcofagi di Achille tra oriente e occidente : genesi di un'iconografia Tre figure : Achille, Meleagro, Cristo

Giuliani, Luca ( 2013)
Routi haishi shitou - Mikailangqiluo de Loulunzuo Meidiqi mudiao Fleisch oder Stein - Michelangelos Grabstatue des Lorenzo de Medici <chin.>

Giuliani, Luca ( 2013)
Ein Kelch für Mr. Warren Konservative Ästhetik

Giuliani, Luca ( 2013)
Konservative Ästhetik Zeitschrift für Ideengeschichte ; 7.2013,3

Giuliani, Luca ( Göttingen, 2013)
Possenspiel mit tragischem Helden : Mechanismen der Komik in antiken Theaterbildern Historische Geisteswissenschaften ; 5

Giuliani, Luca ( Chicago, 2013)
Image and myth : a history of pictorial narration in Greek art Bild und Mythos. <engl.>

Giuliani, Luca ( 2011)
Defining research priorities in the European context ; interview


Lectures on Film 25.11.2012

Fleisch oder Stein? Zu Michelangelos Grabstatue des Lorenzo Medici

watch video


Features

dctp.tv
Die Geschichte vom Zorn

mehr


Köpfe und Ideen 2018

„Die Gruppe ist am Ende eines Jahres jugendlicher ...“

von Lothar Müller

Artikel lesen


Workshop 17.06.2015

Ornament and Figure in Graeco-Roman Art: Rethinking Visual Ontologies in Classical Antiquity and Beyond

more about the workshop


Vortrag19.12.2012

Possenbild und tragischer Held. Zur Doppelbödigkeit des Theaters im 4. Jahrhundert v. Chr.

mehr


Vortrag26.10.2016

Theatralische Elemente in der apulischen Vasenmalerei. Bescheidene Ergebnisse einer alten Kontroverse.

mehr


Vortrag07.06.2017

Resetting Laokoon

mehr