© Maurice Weiss

Permanent Fellow

Lorraine J. Daston , Ph.D., Permanent Fellow

Direktorin des Max-Planck-Instituts für Wissenschaftsgeschichte, Professorin, Committee on Social Thought

University of Chicago

Geboren 1951 in East Lansing, Michigan
Studium der Geschichte, Geschichte der Philosophie und Wissenschaftsgeschichte
in Cambridge und Harvard


Arbeitsvorhaben

The Intelligence of Algorithms

In today's world, algorithms are executed almost exclusively by computers and the kind of intelligence associated with algorithms is described as "artificial intelligence" or "machine learning", in order to distinguish it from natural intelligence and human learning. Yet algorithms did not begin with computers. For thousands of years and in many mathematical traditions, including that of ancient Greece, algorithms were created and executed by humans. Even after reliable, mass-manufactured calculating machines became available in the mid-nineteenth century, the world centers of heavy-duty calculation ? astronomical observatories, census bureaus, and insurance offices - organized the execution of complex algorithms into sequences that combined human and machine labor. My project, which will form the conclusion of a book on the history of rules, is to understand how the massive and intricate calculations required to plot the orbit of a comet or compute the specifications for the atomic bomb or tally national census figures - all tasks done by machines and humans (mostly women) working in tandem - were divided up into steps and how the intelligence required to execute each step was assigned either to a human or a machine.
The history of algorithms is the history of analytical intelligence: in order to devise an algorithm, a complex task must be divided into a sequence of steps. Not all algorithms are numerical; recipes and other step-by-step instructions (e.g. instructions on how to assemble an IKEA couch) also belong to the category of algorithmic intelligence: the implicit is made explicit; the general is made specific; and the complex is broken down into the simple, in a fixed temporal order. When Descartes recommended in the Discours de la méthode (1637) that the first step in solving any problem was to break it down into its simplest parts, he was following the familiar procedure of algorithmic intelligence.
My focus will be on the period roughly between 1750-1950, when centers of calculation first devised ways of dividing the labor of computation so finely that only elementary mathematics was required of the human calculators and then began to integrate machines into the calculating process. Although my major sources will be the records of observatories, which were pioneers in all these developments, I am more broadly interested in the implications for the meaning of rule-following when machines execute algorithms. What were the historical preconditions that made philosopher Ludwig Wittgenstein's reflections on the paradoxes of mechanical rule-following thinkable?

Recommended Reading

Daston, Lorraine. "The Immortal Archive: Nineteenth-Century Science Imagines the Future." In Science in the Archives: Pasts, Presents, Futures, edited by Lorraine Daston, 159-182. Chicago: University of Chicago Press, 2017.
-. "Cloud Physiognomy." Representations 135 (2016): 45-71.
-. "When Science Went Modern." Hedgehog Review 18 (2016): 18-32.

Dienstagskolloquium , 11.10.2016

Die merkwürdige Moderne der modernen Wissenschaften

Keine Veränderung hat die Geistes- und Humanwissenschaften intensiver und beständiger beschäftigt als die Frage, wie, warum und wann Gesellschaften modern wurden. "Modern" (vom Lateinischen modo, "eben erst, jüngst") und seine Verwandten in verschiedenen europäischen Sprachen bezeichneten ursprünglich nur die Gegenwart im Unterschied zur Vergangenheit. Wenn es ein Werturteil gab, das bis zur Mitte des 17. Jahrhunderts mit dem Gegensatz von "antik, alt" und "modern" implizit formuliert wurde, dann fiel dies zugunsten der Antike aus. Doch zur Mitte des 18. Jahrhunderts hatte sich dieses Urteil in sein Gegenteil verkehrt: Die Modernen hatten die Alten auf unzähligen Gebieten übertroffen, sei es in der Literatur, der Wissenschaft bis hin zum Militär und der Bevölkerungsentwicklung. Ungefähr um 1900 wurde "modern" vergegenständlicht und substantiviert und zur "Moderne" erhoben - ein Begriff, der eine Stufe der gesellschaftlichen Entwicklung und vielleicht auch einen Seelenzustand bezeichnete. Als Kategorie brachte die "Moderne" ihrerseits "Modernisierung" hervor, ein Kofferwort für die alles erschütternden Veränderungen in jedem Lebensbereich, die vermeintlich einen Bruch in der Geschichte Europas markierten und den Westen geopolitisch vom Rest der Welt abspalteten. Spätestens in der Mitte des 20. Jahrhunderts wurde die Modernisierung zum Urknall aller Veränderungen und die theoretischen Modelle der Veränderung waren auf diesen Schlüsselmoment fixiert.

Die Wissenschaftsgeschichte verdankt ihre Existenz als Fach eigentlich dieser Sichtweise der europäischen Modernisierung als der ersten und folgenschwersten Episode in jenem historischen Urknall. Und fast jede Theorie der Modernisierung, die in anderen Disziplinen entwickelt wird - in der Soziologie, der politischen Theorie oder in den Wirtschaftswissenschaften -, bezieht die wissenschaftliche Revolution im Europa der Frühmoderne als wichtigen Bestandteil und sogar als Motor der Modernisierung mit ein. In der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts entwickeln Philosophinnen, Historiker und Sozialtheoretikerinnen erstmalig das Argument, dass die moderne Welt weder im Zuge der religiösen Reformation des 16. Jahrhunderts noch durch die politischen Revolutionen des 18. Jahrhunderts oder die industrielle Revolution des 19. Jahrhunderts entstanden sei. Nein, die Ursprünge der modernen Welt seien in der wissenschaftlichen Revolution zu suchen (ein Ausdruck, der zu dieser Zeit in den allgemeinen Sprachgebrauch übergeht, und zwar größtenteils durch seine Verwendung durch diese Autoren und Autorinnen). Aber wann genau diese Revolution stattgefunden hatte (1500-1700? 1300-1800? Läuft noch?), um welche Inhalte es ging (bestimmt um Astronomie und Mechanik, aber was ist mit der Biologie und Chemie?) und wer als wahrer Held zählen durfte (Kopernikus? Kepler? Bacon? Galileo? Descartes? Newton?) - all diese Fragen waren umstritten. Dennoch waren sich die britischen, französischen, amerikanischen und deutschen Autorinnen und Autoren erstaunlich einig in ihren Ansichten darüber, worin der von der Wissenschaft gebildete Kern der transformativen Moderne bestand: in nichts weniger als der Erschaffung des modernen Geistes und damit einhergehend - so ihre These - im Verlust gelebter Erfahrung.

Fast kein Detail der Darstellung, wie die Wissenschaft zunächst Europa und dann die ganze Welt modernisiert haben soll, hält einer genauen historischen Untersuchung stand: Die Chronologie lässt sich nicht ordnen, die Kausalbeziehungen zwischen Wissenschaft und anderen Aspekten der Moderne (z. B. der Säkularisierung oder die Industrialisierung) liegen im Dunkeln und der viel gepriesene "Geist der Moderne" ist in den Schlüsseltexten der wissenschaftlichen Revolution nirgends zu finden. Aber wie alle echten Mythen weigert sich auch dieser, angesichts schlichter Fakten das Weite zu suchen. Es gibt drei Dinge, die ich gerne verstehen würde: erstens, wie dieser Mythos entstanden ist; zweitens, warum er - trotz anderslautender Belege - fortbesteht; und drittens, was politisch und intellektuell mit dieser Version der Moderne auf dem Spiel steht.





Publikationen aus der Fellowbibliothek

Daston, Lorraine J. ( Chicago [u.a.], 2013)
How reason almost lost its mind : the strange career of Cold War rationality

Daston, Lorraine J. ( 2012)
Wissenschaftsgeschichte und Philosophie : Hans-Jörg Rheinberger und l'esprit de la fleuve Festkolloquium für Hans-Jörg Rheinberger : Beiträge zum Symposium am 24. 1. 2011 im Max-Planck-Institut für Wissenschaftsgeschichte

Daston, Lorraine J. ( Berlin, 2012)
Festkolloquium für Hans-Jörg Rheinberger : Beiträge zum Symposium am 24. 1. 2011 im Max-Planck-Institut für Wissenschaftsgeschichte Preprint ; 433

Daston, Lorraine J. ( 2011)
The empire of observation, 1600-1800 Histories of scientific observation

Daston, Lorraine J. ( Chicago, 2011)
Histories of scientific observation

Daston, Lorraine J. ( New York, N.Y., 2007)
Objectivity

Daston, Lorraine J. ( Frankfurt am Main, 2007)
Objektivität Objectivity <dt.>

Daston, Lorraine J. ( 2004)
Whither Critical Inquiry?

Daston, Lorraine J. ( 2004)
Attention and the values of nature in the Enlightenment The moral authority of nature

Daston, Lorraine J. ( New York, NY, 2004)
Things that talk : object lessons from art and science


Lectures on Film 21.11.2010

The Rule of Rules, or How Reason Became Rationality

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