© Maurice Weiss

Permanent Fellow

Lorraine J. Daston , Ph.D., Permanent Fellow

Direktorin des Max-Planck-Instituts für Wissenschaftsgeschichte, Professorin, Committee on Social Thought

University of Chicago

Geboren 1951 in East Lansing, Mich., USA
Studium der Geschichte, Geschichte der Philosophie und Wissenschaftsgeschichte an der Cambridge University und der Harvard University


Arbeitsvorhaben

The Laws and Rules of Nature

Why do we call the regularities of nature "laws"? Ever since the metaphor was coined in the seventeenth century, even its proponents, including Descartes, Boyle, and Newton, have been uncomfortable with either its anthropomorphic or its theological associations or both. Leibniz wondered how brute, passive matter knew enough to obey laws as sentient beings did; scientists since Laplace wondered whether God the divine legislator was necessary to promulgate the laws of nature.
To complicate matters still further, during the seventeenth and eighteenth centuries, especially in French and English, the law of nature (lex naturalis in Latin, Naturgesetz in German) investigated in natural philosophy became strategically conflated with natural law (ius naturale, Naturrecht) studied in jurisprudence and political theory. Especially for Enlightenment reformers and revolutionaries, the equation of universal human rights with the laws of nature (both underwritten by God or at least by God's viceroy Nature) offered irresistible rhetorical advantages - as in the ringing appeal to the "Laws of Nature and of Nature's God" as the highest authority in the American Declaration of Independence of 1776.
Historians of science, philosophy, and jurisprudence have wrestled with these problems for decades. My aim is to figure out, first, why the metaphor of "laws of nature" won out over its early modern rivals (especially the "rules" but also the "customs" of nature); second, how the choice of the metaphor of law not only shaped the idea of what a natural regularity, but also of what a law should be; and third, how the relationship between the laws and rules of nature has served as a model for the laws and rules that ought to govern society - and particularly for the status of exceptions to laws and rules. In the case of the laws of nature, exceptions counted as miracles; in the case of natural law, as crimes contra naturam (e.g. parricide or incest). What happened to the exceptions to rules, in both the human and natural spheres? And how do both the sciences and governments deal with the undeniable fact of variability in both spheres?

Recommended Reading

Daston, Lorraine. Gegen die Natur. Berlin: Matthes & Seitz, to appear in November 2018.
-. "The History of Science and the History of Knowledge." KNOW 1 (2017): 1-25.
Daston, Lorraine and Michael Stolleis, eds. Natural Laws and Laws of Nature in Early Modern Europe: Jurisprudence, Theology, Moral, and Natural Philosophy. Aldershot: Ashgate, 2008.

Dienstagskolloquium , 11.10.2016

Die merkwürdige Moderne der modernen Wissenschaften

Keine Veränderung hat die Geistes- und Humanwissenschaften intensiver und beständiger beschäftigt als die Frage, wie, warum und wann Gesellschaften modern wurden. "Modern" (vom Lateinischen modo, "eben erst, jüngst") und seine Verwandten in verschiedenen europäischen Sprachen bezeichneten ursprünglich nur die Gegenwart im Unterschied zur Vergangenheit. Wenn es ein Werturteil gab, das bis zur Mitte des 17. Jahrhunderts mit dem Gegensatz von "antik, alt" und "modern" implizit formuliert wurde, dann fiel dies zugunsten der Antike aus. Doch zur Mitte des 18. Jahrhunderts hatte sich dieses Urteil in sein Gegenteil verkehrt: Die Modernen hatten die Alten auf unzähligen Gebieten übertroffen, sei es in der Literatur, der Wissenschaft bis hin zum Militär und der Bevölkerungsentwicklung. Ungefähr um 1900 wurde "modern" vergegenständlicht und substantiviert und zur "Moderne" erhoben - ein Begriff, der eine Stufe der gesellschaftlichen Entwicklung und vielleicht auch einen Seelenzustand bezeichnete. Als Kategorie brachte die "Moderne" ihrerseits "Modernisierung" hervor, ein Kofferwort für die alles erschütternden Veränderungen in jedem Lebensbereich, die vermeintlich einen Bruch in der Geschichte Europas markierten und den Westen geopolitisch vom Rest der Welt abspalteten. Spätestens in der Mitte des 20. Jahrhunderts wurde die Modernisierung zum Urknall aller Veränderungen und die theoretischen Modelle der Veränderung waren auf diesen Schlüsselmoment fixiert.

Die Wissenschaftsgeschichte verdankt ihre Existenz als Fach eigentlich dieser Sichtweise der europäischen Modernisierung als der ersten und folgenschwersten Episode in jenem historischen Urknall. Und fast jede Theorie der Modernisierung, die in anderen Disziplinen entwickelt wird - in der Soziologie, der politischen Theorie oder in den Wirtschaftswissenschaften -, bezieht die wissenschaftliche Revolution im Europa der Frühmoderne als wichtigen Bestandteil und sogar als Motor der Modernisierung mit ein. In der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts entwickeln Philosophinnen, Historiker und Sozialtheoretikerinnen erstmalig das Argument, dass die moderne Welt weder im Zuge der religiösen Reformation des 16. Jahrhunderts noch durch die politischen Revolutionen des 18. Jahrhunderts oder die industrielle Revolution des 19. Jahrhunderts entstanden sei. Nein, die Ursprünge der modernen Welt seien in der wissenschaftlichen Revolution zu suchen (ein Ausdruck, der zu dieser Zeit in den allgemeinen Sprachgebrauch übergeht, und zwar größtenteils durch seine Verwendung durch diese Autoren und Autorinnen). Aber wann genau diese Revolution stattgefunden hatte (1500-1700? 1300-1800? Läuft noch?), um welche Inhalte es ging (bestimmt um Astronomie und Mechanik, aber was ist mit der Biologie und Chemie?) und wer als wahrer Held zählen durfte (Kopernikus? Kepler? Bacon? Galileo? Descartes? Newton?) - all diese Fragen waren umstritten. Dennoch waren sich die britischen, französischen, amerikanischen und deutschen Autorinnen und Autoren erstaunlich einig in ihren Ansichten darüber, worin der von der Wissenschaft gebildete Kern der transformativen Moderne bestand: in nichts weniger als der Erschaffung des modernen Geistes und damit einhergehend - so ihre These - im Verlust gelebter Erfahrung.

Fast kein Detail der Darstellung, wie die Wissenschaft zunächst Europa und dann die ganze Welt modernisiert haben soll, hält einer genauen historischen Untersuchung stand: Die Chronologie lässt sich nicht ordnen, die Kausalbeziehungen zwischen Wissenschaft und anderen Aspekten der Moderne (z. B. der Säkularisierung oder die Industrialisierung) liegen im Dunkeln und der viel gepriesene "Geist der Moderne" ist in den Schlüsseltexten der wissenschaftlichen Revolution nirgends zu finden. Aber wie alle echten Mythen weigert sich auch dieser, angesichts schlichter Fakten das Weite zu suchen. Es gibt drei Dinge, die ich gerne verstehen würde: erstens, wie dieser Mythos entstanden ist; zweitens, warum er - trotz anderslautender Belege - fortbesteht; und drittens, was politisch und intellektuell mit dieser Version der Moderne auf dem Spiel steht.





Publikationen aus der Fellowbibliothek

Daston, Lorraine J. ( Jerusalem, 2015)
Before the two cultures : big science and big humanities in the nineteenth century Proceedings / The Israel Academy of Sciences and Humanities ; 9,1

Daston, Lorraine J. ( Chicago [u.a.], 2013)
How reason almost lost its mind : the strange career of Cold War rationality

Daston, Lorraine J. ( 2012)
Wissenschaftsgeschichte und Philosophie : Hans-Jörg Rheinberger und l'esprit de la fleuve Festkolloquium für Hans-Jörg Rheinberger : Beiträge zum Symposium am 24. 1. 2011 im Max-Planck-Institut für Wissenschaftsgeschichte

Daston, Lorraine J. ( Berlin, 2012)
Festkolloquium für Hans-Jörg Rheinberger : Beiträge zum Symposium am 24. 1. 2011 im Max-Planck-Institut für Wissenschaftsgeschichte Preprint ; 433

Daston, Lorraine J. ( 2011)
The empire of observation, 1600-1800 Histories of scientific observation

Daston, Lorraine J. ( Chicago, 2011)
Histories of scientific observation

Daston, Lorraine J. ( New York, N.Y., 2007)
Objectivity

Daston, Lorraine J. ( Frankfurt am Main, 2007)
Objektivität Objectivity <dt.>

Daston, Lorraine J. ( Cambridge [u.a.], 2006)
The Cambridge history ... ; Vol. 3 ; Early modern science The Cambridge history of science ; Vol. 3

Daston, Lorraine J. ( 2004)
Whither Critical Inquiry?


Lectures on Film 21.11.2010

The Rule of Rules, or How Reason Became Rationality

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