© Roberto Masotti, Casa Ricordi

2019/2020

Marco Stroppa

Composer, Professor of Composition and Computer Music

Staatliche Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Stuttgart

Institut de Recherche et de Coordination Acoustique/Musique (Ircam), Paris

Born in 1959 in Verona, Italy
Studied Piano and Choir Conducting at the Conservatory of Verona, Composition at the Conservatory of Milan, Electronic Music at the Conservatory of Venice, and Cognitive Psychology, Computer Science, and Artificial Intelligence at the Media Laboratory, MIT, Cambridge, Mass.


Arbeitsvorhaben

Composition of and Theoretical Work on the Second Book of "Miniature Estrose", for "Piano D'Amore"

Between 1991 and 2000, inspired by and written for Pierre-Laurent Aimard, a former Fellow of the Wissenschaftskolleg, I composed the "First Book of Miniature Estrose", a one-hour long cycle of seven pieces for "piano d'amore", a term of my own invention that indicated an instrument some of whose strings sympathetically resonate while playing thanks to the use of a special pedal.
Multiple revisions occupied me until 2010. Since then, this work became a milestone in the contemporary piano literature because of its use of the instrument, the force of the structure, and its implications for cognitive psychology and neurological research on the recognition of musical forms by our brain.
From the beginning, a second book was planned and roughly sketched (seven pieces), but I could never find a concentrated period long enough to work on it. I will compose this cycle during my stay at the Wissenschaftskolleg.
I will also use this time to formalize my composition research using OpenMusic, a Lisp-based graphical programming environment developed by Jean Bresson at Ircam, with whom I have already collaborated.
Several essays documenting the major research issues developed during the composition are also planned once the cycle has been ended.

Recommended Reading and Listening

CDs
"Miniature Estrose, Libro Primo." Florian Hölscher, piano. WDR3/Stradivarius, 2005.
"Traiettoria" (for piano and computer-generated sounds), Pierre-Laurent Aimard, piano / "Spirali" (for string quartet projected into the space), Arditti String Quartet. Ricordi/Stradivarius, 2008.

Essays
Stroppa, Marco. "OMChroma: Composition Control of Sound Synthesis." Computer Music Journal 35, 2 (2011): 67-83.
-. "Musical Information Organisms: An Approach to Composition." Contemporary Music Revue 4, 1 (1989): 131-163.

Dienstagskolloquium , 07.04.2020

In der Werkstatt des Komponisten: (Meine) Musik als sensorisches Denken und andere poetische Betrachtungen rund um die Idee des "Piano d'amore"

In meinem Vortrag möchte ich einige Aspekte meiner Klaviermusik vertiefen und damit meinem Wiko-Projekt den ihm gebührenden Platz geben: Es geht um den zweiten Band meiner "Miniature Estrose", sieben Stücke für "Piano d'amore", die ich für Pierre-Laurent Aimard komponiert habe, einen ehemaligen Fellow des Wissenschaftskollegs.

Der Ausdruck "Band" bezieht sich auf eine Sammlung von Stücken, die zwar eine Einheit bilden, aber nicht unbedingt aufeinanderfolgend gespielt werden müssen. Bekannte Beispiele dafür sind etwa die "Études" von Claude Debussy (zwei Bände) oder die neun Bände "Madrigali" von Claudio Monteverdi. "Miniature" bedeutet hier nicht kurz oder kleinformatig. Vielmehr evoziert dieser Titel den Detailreichtum einer Initiale, dem ersten kunstvoll ausgeschmückten Buchstaben einer alten illuminierten Handschrift. Das italienische Wort "Estrose" hat kein Pendant in anderen Sprachen: Es bezeichnet nicht nur Phantasiereichtum, Einbildungskraft, schöpferische Intuition, Inspiration, Genie, sondern auch Extravaganz, Unberechenbarkeit, Überspanntheit (1711 schrieb Antonio Vivaldi zwölf Konzerte mit dem Titel "L'Estro Armonico"). Der Begriff "Piano d'amore" ist meine eigene Prägung, ich erkläre ihn im Kolloquium. Er evoziert das barocke Instrument "Viola d'amore".

Ich beginne mit einer Setzung: Musik besteht vor allem aus "sensorischen Gedanken". Tatsächlich betrachte ich Musik als eine neuronale Aktivität, die dem begrifflichen Denken verwandt, jedoch unabhängig davon ist. Der musikalische Ausdruck hängt von der Organisation von Klang zu größeren, sinntragenden Klangeinheiten ab, oder wie Edgar Varèse es einmal formulierte, kann man Musik als "organisierten Klang" definieren. Aus diesem Grund liegt ihre Raison d’Être nicht darin, diskutiert oder verstanden, sondern erfahren zu werden. Um sensorische Gedanken zu kommunizieren, braucht der Komponist für gewöhnlich die Vermittlung (Interpretation) der Musikerinnen und Musiker. Der Komponist notiert vorgestellte Klänge anhand von Symbolen, die ihrerseits passende Gesten der Musikerinnen und Musiker auslösen sollen - mit der Absicht, die ursprünglichen Ideen des Komponisten hervorzubringen. Sensorische Gedanken vermitteln musikalische Informationen und Strukturen an die Zuhörer, die auf sie auf eine sehr vielfältige, individuelle Art reagieren (Gefühle, Bewegungen, geistige Wonne, Gänsehaut, Ekstase etc.)

Nachdem ich kurz induktiv zeige, wie ich Klang unter Verwendung eines Klaviers in "Traiettoria" komponiert habe (ich schrieb das Stück in den Jahren 1982-1984 für Klavier und computergenerierte Klänge), lege ich die grundlegenden Prinzipien hinter jeder meiner "Miniature Estrose" dar und analysiere detailliert eine von ihnen ("Ninnananna") über ein deduktives Verfahren, das einem "close reading" ähnelt.

Dabei verwende ich zwei wichtige, miteinander verbundene Begriffe: Material und Form. Unter Material verstehe ich die Bausteine eines musikalischen Gedankens (die ihrerseits bereits eine Mikroform sind): einen Akkord oder eine Folge von Akkorden, einen Rhythmus, eine Melodie, einen besonderen Klang oder Textur etc.

Der Begriff der Form hat mindestens drei Dimensionen:

a. Ein Satz historisch bestimmter Konstruktionsprinzipien, die von Künstlerinnen und Künstlern zu einer gewissen Zeit verwendet werden (z. B. Sonate, Fuge, Sonett, Haiku, Stillleben etc.).
b. Der allgemeine Aufbau eines Werks (sein "Phänotyp"), der entweder durch das Hören eines Werks wahrgenommen wird oder durch die Analyse des Notensatzes.
c. Die verborgene Struktur eines Werks (sein "Genotyp"), die hauptsächlich durch eine genaue Lektüre, durch das passende Wissen in Bezug auf Stil und Geschichte, durch die Analyse der Skizzen des Komponisten zugänglich gemacht wird oder auch durch eine Theorie, die entworfen wird, um den Eigenschaften des Stückes Rechnung zu tragen.

In meinem Vortrag konzentriere ich mich auf meine Klaviermusik, aber ich denke, dass die Prinzipien, die ich für meine Kompositionen für dieses Instrument skizziere, auch für meine Musik im Allgemeinen gelten. Zudem hoffe ich, dass einige der Ideen, die ich präsentiere, auch auf das Werk anderer Komponistinnen und Komponisten anwendbar sind.




Dienstagskolloquium07.04.2020

In the Composer's Den: (my) music as sensory thought and other poetic considerations around the notion of "piano d'amore"

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