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2019/2020

Andreas Mayer, Dr. phil. habil.

Directeur de recherche

Centre National de la Recherche Scientifique, Paris

École des hautes études en sciences sociales, Paris

Geboren 1970 in Wien
Studium der Musikwissenschaft, Soziologie und Wissenschaftsforschung an der Universität Wien, der Universität Bielefeld und der University of Cambridge


Arbeitsvorhaben

Anthropologie des Ungreifbaren: Die menschliche Gestik als Gegenstand der modernen Humanwissenschaften

"Le Geste, c'est l'Homme": Diese dem posthumen Werk des französischen Anthropologen Marcel Jousse (1886-1961) entnommene Formel weist prägnant auf eine für die modernen Humanwissenschaften zentrale Problematik hin: das Erfassen jener unzähligen gleichsam automatisch ablaufenden Bewegungen, durch die sich das Leben des Menschen vollzieht. Wenn die Geste bei Jousse zur Grundlage der Anthropologie selbst wird, so geschieht dies primär, weil sie sich filmisch aufzeichnen lässt. Es würde allerdings zu kurz greifen, wollte man in dieser an der kinematografischen Fixierung orientierten Definition der Gestik die endgültige Lösung der Schwierigkeiten erkennen, die sich der Beobachtung von schwer fassbaren Objekten in den Humanwissenschaften seit mehr als zwei Jahrhunderten stellen. Die epistemologische Problematik einer "Anthropologie des Ungreifbaren" ist deshalb historisch zu präzisieren, indem die kulturellen und theoretischen Vorannahmen sowie die spezifischen Praktiken der Beobachtung und Aufzeichnungstechniken genauer rekonstruiert werden. Dabei stehen folgende Fragen im Vordergrund: Welche Definitionen erfährt die menschliche Gestik in der "Wissenschaft vom Menschen", wie sie sich in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts herausbildet? Wie grenzen sich diese Definitionen vom umfassenderen Begriff der "Lokomotion" ab? Welche Beobachtungs- und Aufzeichnungstechniken korrespondieren mit diesen theoretischen Konzepten in verschiedenen lokalen Forschungsfeldern? In welchem Verhältnis stehen Text und Bild bzw. welche Form nimmt eine neue wissenschaftliche Bildkritik und -korrektur an? Weiterhin ist zu fragen, in welchem Verhältnis die empirische Erforschung von Gesten einerseits zum Aufstieg der Bewegungsphysiologie, andererseits zu neuen Formen der Kunstpsychologie steht, die sich ab dem Ende des 19. Jahrhunderts herausbilden.

Lektüreempfehlung

Mayer, Andreas. Wissenschaft vom Gehen: Die Erforschung der Bewegung im 19. Jahrhundert. Frankfurt/Main: Fischer, 2013. Englische Ausgabe: The Science of Walking: Investigating Locomotion in the Long 19th Century. Chicago: University of Chicago Press (erscheint 2020).
-. "Gradiva's Gait: Tracing the Figure of a Walking Woman." Critical Inquiry 38, 3 (Spring 2012): 554-578.
-. Sites of the Unconscious: Hypnosis and the Emergence of the Psychoanalytic Setting. Chicago: University of Chicago Press, 2013.

Publikationen aus der Fellowbibliothek

Mayer, Andreas ( Edinburgh, 2018)
Conflicting interpretations of Artemidorus's Oneirocritica : Freud, Theodor Gomperz, F.S. Krauss and the symbolic language of dreams

Mayer, Andreas ( Paris, 2017)
Des rêves et des jambes : le problème du corps rêvant (Mourly Vold, Freud, Michaux)

Mayer, Andreas ( Paris, 2016)
La Traumdeutung, clé des songes du xxe siècle? : Freud, Artémidore et les avatars de la symbolique onirique

Mayer, Andreas ( Hamburg, 2016)
Sigmund Freud zur Einführung Zur Einführung

Mayer, Andreas ( Frankfurt am Main, 2013)
Wissenschaft vom Gehen : die Erforschung der Bewegung im 19. Jahrhundert Wissenschaft

Mayer, Andreas ( Chicago, Ill., 2012)
Gradiva's gait : tracing the figure of a walking woman

Mayer, Andreas ( Wien, 2011)
Träume nach Freud : die "Traumdeutung" und die Geschichte der psychoanalytischen Bewegung

Mayer, Andreas ( Berkeley, Calif., 2010)
The physiological circus : knowing, representing, and training horses in motion in nineteenth-century France

Mayer, Andreas ( Paris, 2007)
Ecrire l'histoire de la psychanalyse

Mayer, Andreas ( Cambridge, 2006)
Lost objects : from the laboratories of hypnosis to the psychoanalytic setting$dAndreas Mayer