© Juliane Mosterz

2019/2020

Martin Jehne, Dr. phil.

Professor für Geschichte

Technische Universität Dresden

Geboren 1955 in Hamburg, Deutschland
Studium der Geschichte und Germanistik an der Universität zu Köln


Arbeitsvorhaben

Geschichte der Antike

Vor einigen Jahren habe ich die Aufgabe übernommen, eine Gesamtgeschichte der Antike zu verfassen, von der homerischen Zeit bis zum Ende der Spätantike. Während der Zeit am Wissenschaftskolleg möchte ich gerne Kapitel zur späten römischen Republik und zu einem Teil der Kaiserzeit niederschreiben, also wenigstens bis zum Ende des 1., möglichst aber auch noch bis zum Ende des 2. Jahrhunderts n. Chr. gelangen.
Meine leitenden Gesichtspunkte sind Partizipation, Öffentlichkeit, Diskursgrenzen und Gemeinwohlorientierung. Partizipation, besonders in ihren politischen Dimensionen, wird gerade in den Stadtstaatenkulturen der Antike in einer breiten Palette von oft raffiniert ausgeklügelten Formen organisiert, wovon sich die politische Theorie und Praxis der Neuzeit immer wieder hat inspirieren lassen. Allerdings gehört zu den antiken Partizipationsformen auch, dass große Teile der Bevölkerung, vor allem Frauen und Sklaven, rechtlich ausgeschlossen und die Angehörigen der Unterschichten faktisch massiv unterrepräsentiert sind. Die Politik war vielfach in hohem Umfang öffentlich und lief weitgehend als Kommunikation unter Anwesenden ab, sodass sich jeder Amtsinhaber, jeder Redner, jeder machtbewusste Akteur regelmäßig den Reaktionen eines Publikums ausgesetzt sah, die immer wieder einmal von dem abwichen, was er erwartete und/oder sich wünschte. Generell ist es in Bürgeröffentlichkeiten unmöglich, Entscheidungsempfehlungen zu vertreten, ohne sie als gemeinwohldienlich zu charakterisieren. Nun bedeutet Gemeinsinnsrhetorik natürlich nicht, dass die Individuen nicht durchaus ihre egozentrischen Ziele verfolgten, aber die Öffentlichkeit der Politik formte wohl nicht nur die Grenzen des Sagbaren, sondern beeinflusste auch die des Machbaren. So musste die reiche Führungsschicht ihren gemeinsinnigen Worten oft auch Taten folgen lassen - etwa im sog. Euergetismus, der Spendenbereitschaft reicher Privatleute zur Finanzierung von Gemeinschaftsangelegenheiten, die gerade die Stadtkultur, die ja die Antike dominierte, in besonderer Weise prägte. Die Zähmung, aber nicht Lähmung des Eigensinns als Daueraufgabe einer Gesellschaft, die sich nicht mit der weiterhin wirksamen Utopie der automatischen Entstehung des Gemeinschaftsnutzens als Nebenfolge der Fixierung auf individuelle Gewinnmaximierung erledigen lässt, ist in der Antike in vielfältiger Weise versucht und betrieben worden.

Lektüreempfehlung

Jehne, Martin. "The Senatorial Economics of Status." In Money and Power in the Roman Republic, herausgegeben von Hans Beck, Martin Jehne und John Serrati, 188-207. Bruxelles: Peeters Pub, 2016. (= Collection Latomus 355)
-. "Integrationsrituale in der römischen Republik: Zur einbindenden Wirkung der Volksversammlungen." In Sinn (in) der Antike: Orientierungssysteme, Leitbilder und Wertkonzepte im Altertum, herausgegeben von Karl-Joachim Hölkeskamp u. a., 279-297. Mainz: Zabern, 2003.
-. Der Staat des Dictators Caesar. Köln u. a.: Böhlau, 1987.

Dienstagskolloquium09.06.2020

Dienstagskolloquium

mehr