2018/2019

Heidi Tagliavini, Drs. h.c.

Botschafterin a.D. und ehemalige Sondergesandte des UNO-Generalsekretärs, des OSZE-Vorsitzenden und des EU-Rates

Bundesverwaltung, Bern

Geboren 1950 in Basel, Schweiz
Studium der russischen, italienischen und französischen Literatur an der Universität Genf


Arbeitsvorhaben

Konflikte im postsowjetischen Raum

Kurz nach der Auflösung der Sowjetunion 1991 brachen an deren Rändern eine Reihe von Konflikten aus, in denen internationale Organisationen (UNO, OSZE, EU) in vermittelnder Mission zum Einsatz kamen. Als Schweizer Diplomatin, die bereits die Wende 1991 in Moskau und die Aufnahme diplomatischer Beziehungen zu den Nachfolgestaaten vor Ort erlebt hatte, bekam ich die ungewöhnliche Gelegenheit, 1995 mit einer kleinen OSZE-Mission und einem Friedensauftrag nach Tschetschenien im Nordkaukasus mitten in den Krieg entsandt zu werden. Das war der Anfang eines fast 20-jährigen Einsatzes, bei dem es um Konflikte der ehemaligen Sowjetunion mit ihren Nachfolgestaaten ging (Tschetschenien, Georgien mit Abchasien und Südossetien, Ukraine). Mit der Erarbeitung des von der EU in Auftrag gegebenen Untersuchungsberichts über den Georgienkrieg von August 2008 und mit einer Reihe von Wahlbeobachtungen in Ländern des ehemaligen Riesenreiches können meine praktischen Erfahrungen in der Arbeit mit diesen Ländern Aufschluss über deren Entwicklung und die Hintergründe und möglicherweise auch die Hindernisse zur erfolgreichen Durchsetzung von Demokratie und Eigenstaatlichkeit aufzeigen.
Der Gedanke, der meiner Arbeit am Wissenschaftskolleg zugrunde liegt, ist zweifach. Die Aufarbeitung der Konflikte, in denen ich vermittelnd tätig war, soll aus einer persönlichen Warte meine praktischen Erfahrungen in den Verhandlungen mit den Beteiligten beschreiben. Es soll gezeigt werden, warum es so schwierig ist, nach einem ausgebrochenen Konflikt zu einem dauerhaften Frieden zu kommen. Die Arbeit soll andrerseits aber auch versuchen, die Handhabung der Konflikte an der Peripherie des Reiches aus der Sicht der verschiedenen Akteure zu beleuchten. Von meinen Einsätzen sollen vor allem jene näher beschrieben werden, die Aufschluss über die Entwicklungen der letzten 25 Jahre im postsowjetischen Raum und das internationale Kräfteverhältnis geben können. Sie erlauben möglicherweise Einsichten über Verhaltensmuster, die sich im internationalen Kontext herauskristallisiert haben.

Lektüreempfehlung

Duve, Freimut und Heidi Tagliavini. Kaukasus - Verteidigung der Zukunft: 24 Autoren auf der Suche nach Frieden. Wien: Folio, 2001.
Tagliavini, Heidi. Report on the August 2008 conflict in Georgia, Volume I-III, by the Independent International Fact-Finding Mission on the Conflict in Georgia, September 2009.

Dienstagskolloquium , 22.01.2019

Der Konflikt in der Ostukraine

Auch im fünften Jahr nach seinem Ausbruch ist der Konflikt in der Ostukraine weit von einer Lösung entfernt. Mit über 10.000 Opfern, Tausenden von Verwundeten, Hunderttausenden von Vertriebenen, mit bis aufs Blut zerstrittenen Familien, mit gewaltigen Zerstörungen und wenig Aussicht auf Frieden in naher Zukunft zeigt dieser Konflikt in einer vormals blühenden Gegend Europas die ganze Zerbrechlichkeit internationaler Beziehungen auf, wenn, wie im Fall der Ukraine, grundlegende internationale Abkommen und Vereinbarungen nicht eingehalten werden. Ziel meiner Ausführungen ist es, einen Einblick in die internationalen Friedensbemühungen zu geben und die Dynamik solcher Bemühungen mit ihren Höhen und Tiefen aufzuzeigen. Mit den Minsker Vereinbarungen von 2014 und 2015 - allzu leichtfertig als gescheitert abgetan - gelang es der internationalen Gemeinschaft immerhin, den Konflikt einzudämmen und weitgehend zu verhindern, dass er außer Kontrolle geriet. Mein Einsatz in entscheidenden Momenten dieses Friedensprozesses von 2014-2015 war eine einmalige Erfahrung: Dieser Konflikt war und ist verschieden von all den anderen postsowjetischen Konflikten, in denen ich im Rahmen von Friedensmissionen im Einsatz war (Tschetschenien, Georgien-Abchasien, Georgien-Südossetien). Was in der Ukraine geschah und weiterhin geschieht, ist eine nicht zu unterschätzende Herausforderung an die Sicherheit und Stabilität in unserer unmittelbaren europäischen Nachbarschaft. Was steht auf dem Spiel? Welches sind die lokalen, regionalen und transatlantischen Dimensionen dieses Krieges? Welches sind die neuen politischen und militärischen Elemente bei der Übernahme der Krim und beim Krieg in der Ostukraine? Und welches sind die Folgen für die europäische Ordnung gemäß der Helsinki Schlussakte von 1975? Meine Ausführungen sollen einen Einblick in die konkrete Friedensarbeit geben und die ständigen Herausforderungen und die seltenen Erfolgsmomente beleuchten.



Publikationen aus der Fellowbibliothek

Tagliavini, Heidi ( o.O., 2019)
Report ; 2 ; Volume II Report ; 2

Tagliavini, Heidi ( o.O., 2019)
Report ; 1 ; Volume I Report ; 1

Tagliavini, Heidi ( 2015)
Dear young mediator

Tagliavini, Heidi ( 2014)
Vom Mut in der Krisendiplomatie

Tagliavini, Heidi ( Zürich, 2014)
Mut Vontobel Porträt ; 2014

Tagliavini, Heidi ( Erevan, 2013)
O slozhnosti postroenii︠a︡ mira O slozhnosti postroenii︠a︡ mira

Tagliavini, Heidi ( 2013)
Women in peacekeeping : how to survive and succeed$dby Heidi Tagliavini

Tagliavini, Heidi ( 2012)
Von der Schwierigkeit, Frieden zu machen : aus der Sicht einer Praktikerin

Tagliavini, Heidi ( 2011)
Ungelöste Konflikte im Kaukasus : Herausforderungen, Möglichkeiten und Aussichten

Tagliavini, Heidi ( Zürich, 2011)
Strategien in Politik, Wirtschaft und Wissenschaft Sozialwissenschaftliche Studien des Schweizerischen Instituts für Auslandforschung ; N.F., 37 [i.e. 38]


Workshop11.10.2018

Winning Peace

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Workshop12.10.2018

Winning Peace

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Dienstagskolloquium22.01.2019

The Conflict in Eastern Ukraine

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