2018/2019

Irene Schneider, Dr. phil.

Professorin für Arabistik/Islamwissenschaft

Georg-August-Universität Göttingen

Geboren 1959 in Waldkirch, Deutschland
Studium der Islamwissenschaft, Geschichte und Soziologie an den Universitäten Freiburg, Göttingen und Tübingen


Arbeitsvorhaben

Geschlecht und Recht: Debatten um das palästinensische Familienrecht 2012-2018

Mein Projekt bewegt sich im Bereich der auch in Berlin thematisierten Forschung zu "Recht im Kontext". Ich untersuche vor allem anhand eines konkreten Beispiels (der sogenannten Loskauf-Scheidung), aber auch darüber hinaus die Frage, wie in Palästina (West Bank, teilweise auch Gaza) das geltende Familienrecht fortentwickelt wird. Bisher gibt es kein palästinensisches Familiengesetz, sondern in der West Bank gilt beispielsweise das Jordanische Familiengesetzbuch von 1976, das vor dem Hintergrund der gesellschaftlichen Entwicklung und auch mit Blick auf die Tatsache, dass Präsident Abbas kürzlich die Frauenrechtskonvention (CEDAW) unterschrieben hat, veraltet ist. Mit Blick auf die Frage der Ausgestaltung der Geschlechterbeziehung - Familienrecht ist in fast allen muslimischen Ländern noch stark mit islamrechtlichem Bezug ausgestaltet - untersuche ich die gesellschaftlichen Diskurse wie auch die verschiedenen Gesetzesentwürfe, die kursieren und diskutiert werden, und stelle die Frage nach den zentralen Akteuren in diesem Diskurs und deren Rolle und Positionen: dem Staat bzw. den entsprechenden Ministerien, der in Palästina äußerst aktiven Zivilgesellschaft in Form von Frauenrechtsorganisationen und dem "Scharia-Establishment", also den Islamgelehrten und Scharia-Richter_innen.

Die Forschungsfragen sind:
- Wie sehen diese Debatten aus, wie werden sie inhaltlich und formal geführt und welche gesellschaftlichen Kreise, Personen und Organe sind involviert?
- Welche Vorstellungen von Geschlechterrollen, Rechten und Pflichten der Geschlechter, Konstruktion von Familie, von Sexualität, Konzeptionen von Männlichkeit und Weiblichkeit werden von den verschiedenen Akteuren dabei verhandelt?
- Wie sieht der Bezug auf traditionell-islamische Konzepte aus - wie werden sie aufgenommen, neu- oder umgedeutet bzw. eventuell ad acta gelegt?
- Inwieweit kann trotz des seit 2007 nicht tagenden Parlaments dennoch eine Rechtsfortbildung geschehen?
Das Projekt basiert auf meiner Feldforschung, die ich 2013/2014 und danach immer wieder mit kurzen Aufenthalten in der West Bank durchgeführt habe, es basiert auf der Analyse der Texte der Gesetzesentwürfe und den Berichten in Medien und Zeitungen wie auch auf Experteninterviews.

Lektüreempfehlung

Schneider, Irene. "Recht und Geschlechterordnung: Gesellschaftliche Debatten um die hul-Scheidung in Palästina 2012-2014." In Beiträge zum Islamischen Recht XI, herausgegeben von Thoralf Hanstein und Irene Schneider, 45-69. Frankfurt/Main: Peter Lang, 2016. (Leipziger Beiträge zur Orientforschung, 34.)
-. Women in the Islamic World: from the Earliest Times to the Arab Spring. Princeton, NJ: Wiener, 2014.
-. "Islamisches Recht zwischen göttlicher Satzung und temporaler Ordnung? Überlegungen zum Grenzbereich zwischen Recht und Religion." In Recht und Religion in Europa - zeitgenössische Konflikte und historische Perspektiven, herausgegeben von Christine Langenfeld und Irene Schneider, 138-191. Göttingen: Universitätsverlag Göttingen, 2008.

Dienstagskolloquium , 06.11.2018

Geschlecht und Recht in Palästina 2012-2018 - am Beispiel der Khul'-Scheidung

In meinem Vortrag möchte ich der Frage nachgehen, wie in der palästinensischen Gesellschaft Geschlecht (gender) im Recht konstruiert wird, wie in gesellschaftlichen Debatten mit der Frage der Geschlechterstellung (Gleichberechtigung versus Hierarchie) umgegangen, wie die Rechte von Männern und Frauen definiert, wie Männlichkeit und Weiblichkeit verstanden werden. Da seit 2006 das Parlament aufgrund des Konflikts zwischen Hamas und Fatah nicht tagt, ist Gesetzgebung bzw. Gesetzesreform auf dem grundgesetzlich vorgesehenen Weg nicht möglich. Wie wird das durch das Fehlen des Parlaments entstandene legislative Vakuum gefüllt und durch wen? Wie werden Reformen initiiert, formuliert und implementiert? Wer sind die zentralen gesellschaftlichen Akteure in diesen Debatten und welche Positionen vertreten sie in der Geschlechterfrage? Welche Rolle spielt internationales Recht, welche islamrechtliche Konzepte?

Um diese Debatten zu verstehen, greife ich auf Seyla Benhabibs Konzept der "Iterationen", gesellschaftlicher Debatten, zurück, die zu jurisgenerativer Politik führen (können), und wende es auf den palästinensischen Kontext an. Als "jurisgenerativ" wäre ein Erlass des Obersten Scharia Richters Yusuf Id'is zur Reform der Loskauf-Scheidung (Arab. khul') aus dem Jahr 2012 zu bezeichnen, der inzwischen faktisch Gesetzeskraft erlangt hat und an den für das Familienrecht zuständigen Scharia-Gerichten angewendet wird. Zwar wird dadurch das geltende Gesetz mit dem Anspruch, Frauen die Scheidung zu vereinfachen, faktisch novelliert, dennoch sind Frauen im Scheidungsrecht immer noch nicht gleichgestellt. Im Spannungsverhältnis zu dem Erlass steht die Unterzeichnung der UN-Frauenrechtskonvention (Convention on the Elimination of All Forms of Discrimination Against Women, CEDAW) durch Präsident Abbas im Jahr 2014, die die Geschlechtergleichheit verankert und vom unterzeichnenden Staat die Umsetzung derselben einfordert. Die Debatte bewegt sich mithin zwischen den Polen der Gleichberechtigung der Geschlechter und der Geschlechterhierarchie, wobei alle Seiten ihre Argumentation islamrechtlich legitimieren. Das lässt sich einerseits an der "Begriffsgeschichte" (R. Koselleck 2004) des arabischen Terminus khul' ablesen, andererseits an der "Übersetzung" internationalrechtlicher Begrifflichkeit in den palästinensischen Diskurs ("translation into local terms", S. Merry 2006).

Auf einer methodischen Ebene möchte ich die Frage stellen, ob und, wenn ja, inwieweit an der europäischen bzw. westlichen Sozialgeschichte geprägte Konzepte und Theorien wie etwa Seyla Benhabibs "Iterationen" auf Palästina übertragbar sind.


Publikationen aus der Fellowbibliothek

Schneider, Irene ( Wiesbaden, 2018)
Uses of the past : Sharīʿa and gender in legal theory and practice in Palestine and Israel Studies on Islamic Cultural and Intellectual History ; 2

Schneider, Irene ( Frankfurt am Main, 2016)
Beiträge zum islamischen Recht XI Leipziger Beiträge zur Orientforschung ; Band 34

Schneider, Irene ( 2015)
Translational turn and international law : gender discourses in the Islamic Republic of lran

Schneider, Irene ( Princeton, 2014)
Women in the Islamic world : from earliest times to the Arab Spring Der Islam und die Frauen <engl.>

Schneider, Irene ( 2012)
The concept of honor and its reflection in the Iranian Penal Code

Schneider, Irene ( Rabat, 2009)
Perspectives and dynamics of development of civil society Āfāq wa-dīnāmīyat taṭauwur al-muǧtamaʿ al-madanī

Schneider, Irene ( 2008)
Islamisches Recht zwischen göttlicher Satzung und temporaler Ordnung? : Überlegungen zum Grenzbereich zwischen Recht und Religion

Schneider, Irene ( Göttingen, 2008)
Recht und Religion in Europa - zeitgenössiche Konflikte und historische Perspektiven

Schneider, Irene ( Wiesbaden, 2006)
The petitioning system in Iran : state, society and power relations in the late 19th century Iranica ; 11

Schneider, Irene ( Frankfurt am Main [u.a.], 2006)
Beiträge zum islamischen Recht V Leipziger Beiträge zur Orientforschung ; 19


Dienstagskolloquium06.11.2018

Gender and Law in Palestine 2012-2018, the Case of Khulʿ Divorce

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Workshop20.05.2019

Translation-Workshop

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