© Hannah Assouline

2018/2019

Gisèle Sapiro, Dr.

Professor of Sociology at the EHESS and Research Director at the CNRS

École des hautes études en sciences sociales, Paris and Centre national de la recherche scientifique

Born in 1965 in Neuilly-sur-Seine, France
Studied Comparative Literature and Philosophy at Tel Aviv University and Sociology at the École des hautes études en sciences sociales


Arbeitsvorhaben

The Concept of Disinterestedness in Theory and in Practice: the Case of the Intellectual and Artistic Professions

This project sets out to study the concept of disinterestedness, combining Begriffsgeschichte with historical sociology, in a longue durée perspective. Restricted to religious uses in the Moralists' reflections, this concept developed in the 18th century, at a time when the notion of interest became central in defining human action. It was adopted and theorized by writers, artists and philosophers (notably Shaftesbury and Kant) to define their autonomy from the political and religious powers, as well as from the emerging market of symbolic goods. The concept circulated between France, Germany and England. The project aims first at studying its development, usages and circulation across these countries, focusing on key moments and on controversies (for instance the debate about the introduction of the scientific paradigm in the Geisteswissenschaften at the end of the 19th century). This intellectual history will be complemented by a study of the forms of embodiment of the concept in the organization and social practices of intellectual and artistic professions (codes of ethics, droit d'auteur, non-profit organizations, free work and so on) in the era of capitalism and of the rise of cultural industries.

Recommended Reading

Sapiro, Gisèle. "How Do Literary Texts Cross Borders (or Not)." Journal of World Literature 1, 1 (2016): 81-96.
-. "The Metamorphosis of Modes of Consecration in the Literary Field: Academies, Literary Prizes, Festivals." Poetics 59 (2016): 5-19.
-. "Das französiche literarische Feld: Struktur, Dynamik und Formen der Politisierung. " Berliner Journal für Soziologie 2, 4 (2004): 157-171.

Dienstagskolloquium , 05.03.2019

Der Begriff der Interesselosigkeit: ein axiologischer Operator

Im Allgemeinen gilt "Interesse" in den Geistes- und Sozialwissenschaften als anerkannter, valider Begriff, um menschliche Handlungen zu erklären. Während des 17. Jahrhunderts wurde er zunächst von den Moralisten gebraucht, die meinten, in ihm ein Mittel gefunden zu haben, um die Leidenschaften in Schach zu halten. Die Ökonomie gründete ihre Interpretation der sozialen Welt auf diesem Begriff, der auch von anderen Disziplinen wie der Soziologie, den politischen Wissenschaften, der Geschichtswissenschaft und der Psychologie aufgegriffen wurde und in diesen eine wesentliche Rolle spielte. Im Unterschied dazu wurde dem Begriff der Interesselosigkeit weit weniger Aufmerksamkeit geschenkt, obwohl er eine grundlegende Kategorie des moralischen Verständnisses (im Sinne von "Uneigennützigkeit") und ein Bezugspunkt für viele soziale - insbesondere intellektuelle und künstlerische - Aktivitäten ist. In genau jenem Moment des 18. Jahrhunderts, da sich der Gebrauch des Begriffs "Interesse" auf seine ökonomische Bedeutung verengte, beanspruchte man den Begriff "Interesselosigkeit" für Kunst, Literatur und Recht - also für Aktivitäten, die sich im Gegensatz zu kaufmännischen Werten und körperlicher Arbeit definierten. Diese Aktivitäten stehen im Zentrum meines Projekts zur Soziogenese, zur Zirkulation und zum sozialen Gebrauch des Begriffs der Interesselosigkeit.

"Interesselosigkeit" fungiert als "axiologischer Operator" - so nenne ich es -, d. h. als Begriff, der kulturell kodierten Oppositionen nicht nur ihre Bedeutung verleiht, sondern ihnen auch ihre Position in einer Wertehierarchie zuweist und der dadurch eine Schlüsselrolle in symbolischen Auseinandersetzungen einnimmt. In meinem Vortrag möchte ich zunächst die transnationale Zirkulation dieses Begriffs zwischen Frankreich, England und Deutschland darstellen. Dazu ziehe ich Betrachtungen heran, die für die Entstehung der Ästhetik im 18. Jahrhundert wichtig waren. Im Kontext der Entstehung des Marktes für symbolische Güter diente der Begriff gleichzeitig als grundlegende ethische Orientierung für intellektuelle und künstlerische Berufe. Dann verfolge ich die Geschichte seiner Aneignung bei den französischen Verfechtern des "l'art pour l'art". Schließlich möchte ich Ihnen anhand von zwei Beispielen aus Frankreich vorstellen, wie die Idee der Interesselosigkeit in kulturellen Klassifikationen gebraucht wurde: Erstens, um die Lesepraktiken im 19. Jahrhundert zu hierarchisieren, und zweitens in den Auseinandersetzungen zwischen den Natur- und Geisteswissenschaften, die durch die Bildungsreform an der Wende zum 20. Jahrhundert ausgelöst wurden.




Publikationen aus der Fellowbibliothek

Sapiro, Gisèle ( 2017)
The role of publishers in the making of world literature : the case of Gallimard

Sapiro, Gisèle ( 2016)
La diffusion internationale du structuralisme : entre appropriation et rejet

Sapiro, Gisèle ( 2016)
How do literary works cross borders (or not)? : a sociological approach to world Literature

Sapiro, Gisèle ( 2016)
Faulkner in France : or how to introduce a peripheral unknown author in the center of the world republic of letters

Sapiro, Gisèle ( 2016)
The metamorphosis of modes of consecration in the literary field : academies, literary prizes, festivals

Sapiro, Gisèle ( 2015)
Translation and symbolic capital in the era of globalization : French literature in the United States

Sapiro, Gisèle ( 2015)
Transformations des champs de production culturelle à l’ère de la mondialisation

Sapiro, Gisèle ( 2015)
L’amour de la littérature : le festival, nouvelle instance de production de la croyance ; le cas des Correspondances de Manosque

Sapiro, Gisèle ( 2014)
Penser l'état

Sapiro, Gisèle ( Durham, 2014)
The French writers' war : 1940 - 1953 La guerre des écrivains <engl.>


Vortrag15.10.2018

Métamorphoses de la figure de l'intellectuel

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Workshop15.02.2019

Über literarischen Kosmopolitismus: Hommage an Pascale Casanova

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Dienstagskolloquium05.03.2019

The Concept of "Disinterestedness": An Axiological Operator

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Workshop20.05.2019

Translation-Workshop

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