2017/2018

Georg Essen , Dr. theol.

Professor für Dogmatik und Dogmengeschichte

Ruhr-Universität Bochum

Geboren 1961 in Kevelaer am Niederrhein
Studium der Katholischen Theologie und Geschichte an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster und an der Albert-Ludwig-Universität Freiburg

Foto: Pressestelle RUB


Arbeitsvorhaben

Religion in den Autonomiewelten moderner Rechtskulturen: der Katholizismus als paradigmatische Fallstudie

Seit geraumer Zeit können wir in modernen Gesellschaften eine Verschärfung von Religionskonflikten wahrnehmen. Sie führt zu der Frage, ob und in welcher Form der religionsneutrale Staat die normative Erwartung an Religionsakteure adressieren darf, die freiheitlich-säkulare Verfassungsordnung aus innerer Überzeugung mitzutragen. Dies gilt insbesondere für das Grundrecht auf Religionsfreiheit, die Trennung von Staat und Kirche sowie die Profanität der Rechtsordnung. Da die Ausbildung einer solchen staatsbürgerlichen Loyalität auf Akzeptationsleistungen beruht, die die Glaubensfreiheit tangieren und ohnehin rechtlich nicht erzwingbar ist, können derartige Forderungen nur als Erwartung formuliert werden, dass sich Religionsgemeinschaften säkulare Verfassungsprinzipien aus ihrem Glauben heraus zu eigen machen sollten.
Mit meinem Forschungsprojekt greife ich diese derzeit viel und kontrovers diskutierte religionspolitische Fragestellung auf, reformuliere sie als eine genuin theologische Problembeschreibung. Der Katholizismus dient in meinem Projekt dabei als eine Fallstudie, um die religionsinterne Verarbeitung von säkularen Verfassungsprinzipien zu analysieren. Historische und hermeneutische Analysen erschließen Relecturen von Traditionsbeständen und Glaubensdoktrinen, auf deren Grundlage der Katholizismus die normative Kerngrammatik moderner Verfassungsordnungen theologisch interpretiert. Auf welchen Wegen und in welchem Maße konnte es der römisch-katholischen Kirche gelingen, derartige religionspolitisch angemahnte Affirmationsleistungen zu erbringen? Aufgrund ihres weltkirchlichen Charakters vereinigt die römisch-katholische Kirche auf konfliktreiche Weise mehrere Modernisierungspfade, sodass sich beispielweise bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts hinein die Situation in den USA völlig anders darstellte als in Europa. Den Katholizismus kennzeichnet bis in die Gegenwart hinein eine paradoxale Gleichzeitigkeit von modernitätsaffinen über modernitätskritische bis zu antimodernen Glaubenshaltungen.
Die interdisziplinäre und gesellschaftliche Bedeutung des Forschungsvorhabens sehe ich darin, dass am Beispiel des Katholizismus das hohe Maß an Ambiguität studiert werden kann, mit der sich Religionen auf der Basis ihrer Glaubensvorstellungen und Symbolsysteme in den Autonomiewelten moderner Rechtskulturen zu verorten suchen.

Lektüreempfehlung

Essen, Georg. "Die Autonomiewelten der Moderne als religionspolitische Herausforderung für den christlichen Glauben." Nach dem Gesetz Gottes: Autonomie als christliches Prinzip, herausgegeben von Stephan Goertz, 129-149. Freiburg i. Br.: Herder, 2014 (= Katholizismus im Umbruch 2).
-. "Harmonische Erbschaftsverhältnisse- Theologisch-philosophische Grenzreflexionen zur Erinnerungskultur des säkularen Verfassungsstaates." In Verfassung ohne Grund? Die Rede des Papstes im Bundestag, herausgegeben von Georg Essen, 179-203. Freiburg: Herder, 2012.
-. Sinnstiftende Unruhe im System des Rechts: Religion im Beziehungsgeflecht von modernem Verfassungsstaat und säkularer Zivilgesellschaft. Göttingen: Wallstein, 2004 (= Essener Kulturwissenschaftliche Vorträge 14).

Publikationen aus der Fellowbibliothek

Essen, Georg ( 2013)
Autonomer Geltungssinn und religiöser Begründungszusammenhang : Papst Gelasius I. († 496) als Fallstudie zur religionspolitischen Differenzsemantik

Essen, Georg ( 2012)
Hellenisierung des Christentums? : Zur Problematik und Überwindung einer polarisierenden Deutungsfigur


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