2017/2018

Anna Kathrin Bleuler , Dr. phil.

Assoziierte Professorin für Ältere deutsche Sprache und Literatur

Universität Salzburg

Geboren 1975 in Zürich, Schweiz
Studium der Germanistik und Theaterwissenschaft an der Ludwig-Maximilians-Universität München und der Universität Zürich


Arbeitsvorhaben

Minnesang jenseits nationalästhetischer Kanonbildung: Gruppierung, Beschreibung und Interpretation der Autorcorpora des Codex Manesse in Hinblick auf die historischen Sammlungszusammenhänge

Der Codex Manesse (Anfang 14. Jahrhundert, Zürich) ist mit 140 Autorcorpora und 138 Miniaturen die umfangreichste Sammlung mittelhochdeutscher Lyrik. Trotz seiner großen kulturhistorischen Bedeutung ist seine Erforschung defizitär. Zum einen bezieht sich ein Großteil der Lyrikforschung bis heute auf Editionen, die aufs 19. Jahrhundert zurückgehen und die nur einzelne Dichter aus dem Codex Manesse enthalten. Die Handschrift weist daher eine erhebliche Zahl an Werken auf, die bis heute weitgehend unerforscht, zum Teil sogar unediert sind. Zum anderen ist der Codex Manesse von einem Problem betroffen, das in den Philologien generell zu beobachten ist: Literaturwissenschaftliche, handschriftenkundliche und historiografische Forschung existieren weitgehend isoliert voneinander. Das hat zur Folge, dass neuere Erkenntnisse der Handschriftenkunde bei der inhaltlichen Beschäftigung mit den Texten bislang kaum berücksichtigt wurden. Die historiografische Forschung wiederum wird aufgrund der unsicheren Datenlage oftmals aus den Untersuchungen ausgeklammert. In der Summe hat man es einerseits mit erheblichen Forschungslücken zu tun, anderseits mit einer unüberschaubaren Fülle an Informationen, die oftmals isoliert voneinander vorliegen.
Ziel des Vorhabens ist es, die aufs 19. Jahrhundert zurückgehenden Grenzziehungen und Ausgrenzungsmechanismen nationalästhetischer Kanonbildung, die bis heute indirekte Auswirkungen auf die Erforschung des Codex Manesse haben, zu überwinden. Hierfür wird eine Rekontextualisierung der Autorcorpora vorgenommen, indem sie auf ihre historischen Sammlungszusammenhänge zurückgeführt und von da ausgehend gruppiert, beschrieben und interpretiert werden. Hierfür müssen alle Autoren der Handschrift, die "Stars“ der Lyrikforschung ebenso wie die bislang weitgehend Vernachlässigten, einbezogen werden. Von dieser Herangehensweise verspreche ich mir nicht nur eine Profilbildung der bislang wenig erforschten Autoren des Codex Manesse, sondern auch neue Erkenntnisse zu den bereits gut erforschten. Methodisch erfordert dieses Vorgehen eine Aufarbeitung und Zusammenführung der Forschungsbefunde, die zum Codex Manesse aus den unterschiedlichen Bereichen der Literaturwissenschaft, Handschriftenkunde, Historiografie und Kunstgeschichte vorliegen.

Lektüreempfehlung

Balsamo, Jean und Anna Kathrin Bleuler, Hg. Les cours comme lieux de rencontre et d'elaboration des langues vernaculaires = Höfe als Laboratorien der Volkssprachigkeit zur Zeit 1480-1620. Genf: Droz, 2016 (= De lingua et linguis V).
Bleuler, Anna Kathrin. Essen - Trinken - Liebe: Kultursemiotische Untersuchung zur Poetik des Alimentären in Wolframs "Parzival“. Tübingen/Basel: Narr Francke Attempto, 2016 (Bibliotheca Germanica 62) [zugl. Habilitationsschrift, Salzburg, 2012].
-. Überlieferungskritik und Poetologie: Strukturierung und Beurteilung der Sommerlieder Neidharts auf der Basis des poetologischen Musters. Tübingen: Niemeyer, 2008 (MTU 136) [zugl. Diss., München, 2006].

Dienstagskolloquium , 10.04.2018

Wie umgehen mit der Varianz mittelalterlicher Texte? Eine Studie zur mittelhochdeutschen Lyrik

Die Frage nach den Konstitutionsbedingungen und der Beschaffenheit von Texten stellt sich für die deutschsprachige Literatur des 9. – 16. Jahrhunderts in spezifischer und besonders dringlicher Art und Weise. Texte aus dieser Zeit - seien es poetische Texte, seien es Gebrauchstexte - wurden handschriftlich notiert, zunächst auf Pergament, später auf Papier. Ihre Verbreitung und Überlieferung erfolgte mittels Abschriften bzw. über das Gedächtnis. Anders als für das gelehrte, lateinische Schrifttum sind für die volkssprachige Schriftkultur dieser Zeit keine institutionalisierten Schreibbetriebe vorauszusetzen. Das ist ein Grund dafür, dass volkssprachige Texte in höherem Maße von Varianz geprägt sind als lateinische. Wenn ein Text in zwei oder mehreren Handschriften überliefert ist, sieht man, dass die Textzeugen zumeist erhebliche Abweichungen aufweisen. Solche Abweichungen sind allein schon dadurch bedingt, dass das Deutsche zu dieser Zeit nicht über eine normierte Hochsprache verfügte, sondern aus unterschiedlichen (Schreib-)dialekten bestand. Beim Abschreiben haben sich die Schreibkonventionen, denen ein Schreiber folgte, auf die Texte ausgewirkt. Die Folge davon sind Abweichungen in Orthografie, Lautstand, Grammatik und Syntax. Hinzu kommen Überlieferungsverderbnisse, Abschreibfehler, redaktionelle Bearbeitungen, Modernisierungen der Sprache, Anpassungen an sich verändernde kulturelle Kontexte.

Ein anderer Ort für das Entstehen von Varianten ist die primäre Gebrauchssituation der Texte. Gerade poetische Texte waren ursprünglich für den mündlichen Vortrag bestimmt. Die Autoren haben sie für die Vorträge verändert, unterschiedliche Fassungen hergestellt, die dann in Umlauf gelangten und in der Überlieferung parallel existieren oder vermischt worden sein können.

Als man im 19. Jahrhundert begann, sich wissenschaftlich mit der deutschsprachigen Literatur des Mittelalters zu beschäftigen und die Texte zu edieren, ging man von einem neuzeitlichen Autor-Werk-Begriff aus und hat diesen darauf übertragen. Das heißt, man hat versucht, originale Autortexte oder "Archetypen" zu rekonstruieren und Überlieferungsvarianten weitestgehend zu beseitigen. Für den Umstand, dass die Texte mündlichen Gebrauchssituationen entstammen und dass sie in unterschiedlichen Fassungen existiert haben können, herrschte kein ein Problembewusstsein. Ab der Mitte des 20. Jahrhunderts setzte sich dann die Ansicht durch, dass diese Editionsmethode der mittelalterlichen, volkssprachigen Schriftkultur nicht gerecht wird. Die Kritik richtete sich gegen das Bestreben der Herausgeber, originale Autortexte zu rekonstruieren. Man vertrat nun zunehmend die Meinung, dass ein solches Unterfangen allein deshalb zum Scheitern verurteilt ist, weil man es mit einer ‚lebendigen’, von Mündlichkeit geprägten Überlieferung zu tun hat und Textvarianz daher unkontrollierbar ist. Fächerübergreifend etablierte sich eine Methodendiskussion über das Edieren mittelalterlicher, volkssprachiger Texte. Man rief das Zeitalter der New Philology aus und forderte die Verabschiedung der Kategorie des Autors fürs Mittelalter. In der Folge wich der wertende Zugriff auf die Überlieferung zunehmend einem deskriptiven Umgang damit. Anstatt Varianz zu reduzieren, befasst man sich heute mit der Frage, wie man sie in möglichst ökonomischer Weise präsentieren kann.

In meinem Vortrag setze ich mich kritisch mit diesen Positionen auseinander. Anschließend stelle ich ein Editionsprojekt vor, an dem ich arbeite. In diesem Projekt kehre ich zu einem wertenden Zugriff auf die Überlieferung zurück, wie in die frühere Forschung gepflegt hat. Anders als jene gehe ich jedoch nicht von der Vorstellung eines festgefügten Originals als Ausgangspunkt der Überlieferung aus, sondern rechne mit verschiedenen (primären) Textversionen, die ich anhand der Überlieferungszeugnisse zu identifizieren suche. Gegenstand ist die Lyrik des späthöfischen Dichters Neidhart (als Dichter aktiv zw. 1220 u. 1240, bayerisch-österreichischer Raum).


Publikationen aus der Fellowbibliothek

Bleuler, Anna Kathrin ( München, 2018)
Der Codex Manesse : Geschichte, Bilder, Lieder C.H. Beck Wissen ; 2882

Bleuler, Anna Kathrin ( Tübingen, 2016)
Essen - Trinken - Liebe : kultursemiotische Untersuchung zur Poetik des Alimentären in Wolframs "Parzival" Bibliotheca Germanica ; 62

Bleuler, Anna Kathrin ( 2013)
Körperdramen : Wolframs Inszenierung der Parzival-Figur anhand von Essen und Trinken

Bleuler, Anna Kathrin ( 2008)
Zwischen Konservierung, Restaurierung und Aktualisierung : zur Frage nach dem Verwendungszweck der Berliner Neidhart-Handschrift c

Bleuler, Anna Kathrin ( Tübingen, 2008)
Überlieferungskritik und Poetologie : Strukturierung und Beurteilung der Sommerliedüberlieferung Neidharts auf der Basis des poetologischen Musters Münchener Texte und Untersuchungen zur deutschen Literatur des Mittelalters ; 136



Workshop (Convener)08.03.2018

Lachmanns Erben. Vom Umgang mit Textvarianz in klassischer Philologie und germanistischer Mediävistik

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Workshop08.03.2018

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Dienstagskolloquium - Arbeitsbericht10.04.2018

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Vortrag16.05.2018

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Vortrag29.06.2018

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