© Wissenschaftskolleg

2016/2017

Julia Voss, Dr. phil.

Journalistin, Leitende Redakteurin der Frankfurter Allgemeinen Zeitung

Frankfurt/Main

Geboren 1974 in Frankfurt am Main
Studium der Germanistik, Kunstgeschichte und Philosophie

Foto: Wissenschaftskolleg


Arbeitsvorhaben

Hilma af Klint und die Evolution der Kunst

Die schwedische Künstlerin Hilma af Klint (1862-1944) begann im Jahr 1906 in Stockholm, abstrakte Bilder zu malen, von denen einige mehrere Meter messen. Überraschend für den heutigen Betrachter sind nicht nur das große Format und das frühe Entstehungsdatum. Bemerkenswert scheint auch, dass af Klint, im Gegensatz zu Künstlern wie Kandinsky, Malewitsch oder Mondrian, ihre avantgardistischen Werke zu Lebzeiten nicht öffentlich ausstellte. In Ausstellungen, an denen sie teilnahm, zeigte sie Porträts und postimpressionistische Landschaften. In ihrem Testament verfügte sie, dass die im Geheimen entstandenen Werke dagegen bis zwanzig Jahre nach ihrem Tod nicht gezeigt werden dürften.
Hilma af Klint war davon überzeugt, dass kommende Generationen ihre Kunst besser verstehen könnten. Mehr noch: Ihrer Ansicht nach musste die Kunst selbst eine Evolution durchlaufen, um nicht nur das Sichtbare abzubilden, sondern dem Unsichtbaren eine Form zu geben. Von dieser Entwicklung handelt das gesamte geheime Oeuvre der Künstlerin, das fast ausschließlich aus Serien besteht. Einer davon gab sie den Titel "Die Evolution". Die Bildsprache der Künstlerin prägen häufig organisch wirkende Abstraktionen. Sie erinnern an Naturphänomene wie Wellen oder Strahlungen, oder auch an Pflanzen, Planeten, Einzeller und Sexualorgane. In der Rezeption von af Klints Werk steht häufig ihr Interesse an Spiritualismus und Okkultismus im Vordergrund. Weniger Aufmerksamkeit hat dagegen ihre Auseinandersetzung mit den Lebenswissenschaften erfahren, ein Forschungsgebiet, dessen Theorie und Praxis sie in ihrer Zeit als Zeichnerin am veterinärmedizinischen Institut in Stockholm kennenlernte. Den Verbindungen von af Klints Kunst zu den wissenschaftlichen und populären Debatten um die Evolutionstheorie werde ich in meinem Forschungsvorhaben nachgehen.

Lektüreempfehlung

Voss, Julia. Darwins Bilder: Ansichten der Evolutionstheorie 1837-1874. Frankfurt/Main: Fischer, 2007 (Englisch: Darwin's Pictures: Views of Evolutionary Theory, 1837-1874. New Haven: Yale University Press, 2010).
-. "Die Kunstgeschichte muss umgeschrieben werden." Frankfurter Allgemeine Zeitung (24. Februar 2013).
-. "Hilma af Klint and the Evolution of Art." In Hilma af Klint: Painting the Unseen. Ausstellungskatalog, Serpentine Gallery. London: Koenig Books, 2016.

Dienstagskolloquium , 15.11.2016

Hilma af Klint: Die Künstlerin, die das MoMA lieber nicht erwähnt

Hilma af Klint ist eine der größten kunsthistorischen Wiederentdeckungen der vergangenen Jahrzehnte. Die schwedische Künstlerin, die 1862 geboren wurde, hinterließ, als sie im Alter von 82 Jahren in starb, einen Nachlass von mehr als tausend Gemälden und den Wunsch, dass diese Bilder für weitere zwanzig Jahre nicht gezeigt werden würden. Ihren Zeitgenossen war Klint offiziell als Malerin von Porträts und Landschaften bekannt. Inoffiziell jedoch arbeitete sie an Bildern, die sich weit von den Darstellungskonventionen ihrer Epoche entfernten und zu deren Ausdrucksformen von 1906 an die Abstraktion zählte - lange bevor Kandinsky, Malevich oder Mondrian ungegenständlich malten.

Die Frage, welchen Platz Hilma af Klint und ihr Werk in der Kunstgeschichte der Moderne einnehmen sollen, hat zu einer Kontroverse geführt. Die große Retrospektive des Moderna Museet in Stockholm bezeichnete sie 2013 als "Pionierin der Abstraktion" und zählte sie damit zu den Begründern der abstrakten Malerei im 20. Jahrhundert. Das Museum of Modern Art (MoMA) in New York dagegen ließ Hilma af Klint nicht einmal in einer Fußnote des Katalogs vorkommen, als es die Übersichtsschau "Inventing Abstraction: 1910-1925. How A Radical Idea Changed Modern Art" zeigte. Vor wenigen Wochen wiederum forderte die New York Times in einem Artikel, das MoMA möge endlich eine "Modern-style retrospective" für Hilma af Klint ausrichten, "someone completely outside its carefully elaborated narrative who was nonetheless one of Europe’s earliest abstract painters."

Was macht Klints Werk so umstritten? Was macht es so herausragend? Ich bin Klints Malerei zum ersten Mal 2008 begegnet und habe seitdem regelmäßig in Artikeln für die Frankfurter Allgemeine Zeitung über sie geschrieben, zuletzt auch in einem Katalog, der anlässlich der Ausstellung in der Serpentine Gallery in London erschien. Wie ein tektonisches Beben scheint Klints Kunst die Pfeiler des Kanons zu erschüttern, die das Haus der Moderne tragen. Warum ich davon überzeugt bin, dass mit Hilma af Klint die Kunstgeschichte umgeschrieben werden muss, möchte ich in meinem Vortrag ausführen.


Publikationen aus der Fellowbibliothek

Voss, Julia ( 27112013)
Ablasshandel mit der Moderne

Voss, Julia ( Berlin, 2015)
Hinter weißen Wänden Merve ; 416

Voss, Julia ( 2013)
Die Verdrängung von 1938 in der Kunstgeschichtsschreibung bis heute 1938 : Kunst, Künstler, Politik ; [Ausstellung "1938. Kunst, Künstler, Politik" 28.11.2013 bis 23. Februar 2014 ; eine Ausstellung des Jüdischen Museums Frankfurt ...]

Voss, Julia ( 2013)
Einführung 1938 : Kunst, Künstler, Politik ; [Ausstellung "1938. Kunst, Künstler, Politik" 28.11.2013 bis 23. Februar 2014 ; eine Ausstellung des Jüdischen Museums Frankfurt ...]

Voss, Julia ( 2013)
Die Verdrängung von 1938 in der Kunstgeschichtsschreibung bis heute

Voss, Julia ( Göttingen, 2013)
1938 : Kunst, Künstler, Politik ; [Ausstellung "1938. Kunst, Künstler, Politik" 28.11.2013 bis 23. Februar 2014 ; eine Ausstellung des Jüdischen Museums Frankfurt ...] Das Jahr 1938

Voss, Julia ( New Haven [u.a.], 2010)
Darwin's pictures : views of evolutionary theory, 1837 - 1874 Darwins Bilder <engl.>

Voss, Julia ( Frankfurt am Main, 2009)
Darwins Jim Knopf S. Fischer Wissenschaft



Zeitschrift für Ideengeschichte

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Heft XI/3 Herbst 2017

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