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2016/2017

Michael Moxter , Dr. phil., theol. habil.

Universitätsprofessor für Systematische Theologie

Universität Hamburg

Geboren 1956 in Frankfurt am Main
Studium der Philosophie und der Evangelischen Theologie an den Universitäten Frankfurt, Tübingen und Heidelberg


Arbeitsvorhaben

Szenische Anthropologie in theologischer Perspektive

Unter dem Titel "szenische Anthropologie" beschreibe und analysiere ich den auffälligen Befund, dass sich das Nachdenken des Menschen über sich selbst oft in der Form charakteristischer Szenen (von der Vertreibungsgeschichte über die Aufrichtung des Fluchttiers bis hin zum Griff nach der Waffe) artikuliert. Das gilt sowohl für historische Texte unserer Kultur wie auch für Teile gegenwärtiger evolutionärer Anthropologie. Was sich dabei zeigt, soll ins Verhältnis gesetzt werden zu der Befähigung des Menschen zu darstellendem Handeln und Spiel. Im Anschluss an eine "Anthropologie des Schauspielers" und in Aufnahme eines zentralen Begriffs Schleiermachers darf nämlich gelten: Eigentümlich für den Menschen ist nicht nur die wirksame, effektive Tätigkeit des homo faber, sondern auch das darstellende Handeln, seine Kompetenz zur Inszenierung, Visibilisierung und Performanz. Der Darstellungsbegriff ist umfassender als der Begriff des Ausdrucks oder der Artikulation, weil er nicht nur sprachliche, sondern auch bildliche Phänomene, Gesten und den bewegten Leib einschließt. Vielleicht darf man von szenischer Prägnanz des Humanen sprechen.
Fragen der Anthropologie sind für die Evangelische Theologie von zentraler Bedeutung, weil sie an ihnen ihr interdisziplinäres Interesse auszurichten vermag und sie sich prüfen kann, ob und wieweit sie die "Phänomene des Menschlichen" angemessen wahrnimmt und in ihre Sicht des Menschen integriert. Sie will zum Beispiel wissen, wie sich die zentrale Aussage jüdisch-christlicher Religion, der Mensch sei das Ebenbild Gottes, zu einer bildtheoretisch orientierten Anthropologie oder zu Visualisierungstechniken humanen Handelns verhält. Da es zudem keine Religion ohne Rituale gibt - ohne Bündelung von Inszenierungen, ohne Kunst der Darstellung oder ohne symbolische Repräsentation -, sollte deutlich sein, dass die Theologie ihre eigenen, fachbezogenen Gründe hat, anthropologische und kulturtheoretische Perspektiven aufzunehmen und zu entfalten.

Lektüreempfehlung

Moxter, Michael und Friedhelm Hartenstein. Hermeneutik des Bilderverbotes. Exegetische und systematisch-theologische Annäherungen. Leipzig: Evangelische Verlagsanstalt, 2016.
Moxter, Michael, Hg. Erinnerung an das Humane: Beiträge zur phänomenologischen Anthropologie Hans Blumenbergs. Tübingen: Mohr Siebeck, 2011.
-. Kultur als Lebenswelt: Studien zum Problem einer Kulturtheologie. Tübingen: Mohr Siebeck, 2000 (Hermeneutische Untersuchungen zur Theologie, Bd. 38).

Dienstagskolloquium , 16.05.2017

Anthropologie darstellenden Handelns. Zur szenischen Prägnanz der Verständigung über den Menschen

In Hegels Phänomenologie des Geistes ist das "geistige Kunstwerk" des griechischen Theaters der Ausgangspunkt zur Thematisierung der christlichen Religion. Im Zentrum des Übergangs zwischen diesen Gestalten des Bewusstseins stehen Beobachtungen zur Inszenierung, zum darstellenden Spiel, zum Personbegriff und wichtiger noch: zum Tod Gottes. Diese von Hegel fokussierten Beziehungen sind in der Evangelischen Theologie eher marginal geblieben, allenfalls im Horizont der Ritualtheorie oder praktischer Fragen der Gottesdienstgestaltung sind sie noch präsent.

Anders nimmt es sich auf dem Boden der Anthropologie aus, der nicht nur von Humanbiologie und Kulturwissenschaften beackert oder von einer Metaphysik der menschlichen Person vertieft wird, sondern auf dem auch Beschreibungen des Menschen in pragmatischer Hinsicht begegnen. In diesen Anthropologien ist immer wieder von Inszenierung, von Rollen (Erving Goffman, Ralf Dahrendorf), von Theatralität (Erika Fischer-Lichte) sowie von (Ur-)szenen die Rede, handele es sich um solche der Anthropogenese, der Gründung humaner Kultur oder um Repräsentationen von Gewalt. Auch wird von "szenischer Existenz des Menschen" (Wolfram Hogrebe), von "szenischer Anthropologie" (Klaas Huizing, David Pluess) oder von Inszenierung als einer Kategorie zwischen Anthropologie und Literaturwissenschaft (Wolfgang Iser) gesprochen. Der Begriff der "szenischen Prägnanz", in Anlehnung an Ernst Cassirers Begriff der "symbolischen Prägnanz" und in Nachbarschaft zur Rede von "ikonischer Prägnanz" (Dirk Westerkamp), kann genutzt werden, um den Befund zu analysieren. Das humane Selbstverständnis vermittelt sich in prägnanten Szenen, die Bedeutung und Sinn, Deutungen des menschlichen Lebens oder normative Perspektiven auf es verkörpern. Die auffällige Inflationierung des Szenischen im anthropologischen Diskurs, die an einigen Beispielen belegt werden soll, scheint mir also keine bloß kontingente Wirkung der biblischen Narrative und ihrer ikonischen Repräsentation in der Kunstgeschichte zu sein. Freilich muss das Szenische auch nicht im Interesse sogenannter Wesensaussagen über den Menschen vergrundsätzlicht (und dann wohl zu recht medientheoretisch historisiert und "entzaubert") werden (Heiko Christians gegen Wolfram Hogrebe).

Mein Projekt sucht, irritiert über die auffällige Präsenz des Szenischen, (ohne Anspruch auf kategoriale Vollständigkeit) Phänomenbestände in Erinnerung zu rufen, sie im Kontext der von Schleiermacher entwickelten Kategorie des darstellenden Handelns zu begreifen und mit einer Anthropologie des Schauspielers (Helmuth Plessner) zu verbinden und dabei zugleich theologisch ernst zu nehmen, dass Religion sich über die Erinnerung charakteristischer Szenen (Berufungs-, Offenbarungs-, Opferszenen oder die Kreuzigungsszene) vermittelt.


Publikationen aus der Fellowbibliothek

Moxter, Michael ( 2018)
Anthropologie in systematisch-theologischer Perspektive Mensch

Moxter, Michael ( Leipzig, 2016)
Hermeneutik des Bilderverbots : exegetische und systematisch-theologische Annäherungen Forum Theologische Literaturzeitung ; 26 (2016)

Moxter, Michael ( 2015)
Vom Ruhestand des Denkens : Prolegomena zur Eschatologie

Moxter, Michael ( 2014)
Religion and the legal sphere

Moxter, Michael ( 2011)
Feeling and symbolic expression : Schleiermacher's feeling of ultimate dependency reconsidered

Moxter, Michael ( Tübingen, 2011)
Erinnerung an das Humane : Beiträge zur phänomenologischen Anthropologie Hans Blumenbergs ; [Vorträge einer Internationalen Konferenz ... "Vernunft - Imagination - Erinnerung. Hans Blumenberg und die Herausforderung, 'Menschliches nicht verloren zu geben'" vom 13.-16. November 2008 an der Universität Hamburg ...] Religion in philosophy and theology ; 56

Moxter, Michael ( 2008)
Schrift als Grund und Grenze von Interpretation

Moxter, Michael ( 2008)
Der Mensch im Recht : anthropologische Dimensionen einer Theologie des Rechts

Moxter, Michael ( Würzburg, 2002)
Rationalität der Religion und Kritik der Kultur : Hermann Cohen und Ernst Cassirer Religion in der Moderne ; 9

Moxter, Michael ( Tübingen, 2000)
Kultur als Lebenswelt : Studien zum Problem einer Kulturtheologie Hermeneutische Untersuchungen zur Theologie ; 38




Vortrag29.11.2016

Die Lust am Frevel - Theologische Perspektiven aufs Religionsrecht

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