2016/2017

Lena Lavinas, Dr.

Professor of Welfare Economics

Universidade Federal do Rio de Janeiro

Born in 1953 in Rio de Janeiro
Studied Economics at the Université Paris 3 and Agricultural Development and Economics at the Université Paris 1

Foto: Marc Boilleau

Arbeitsvorhaben

The Brazilian Paradox: How Financialization Reshapes Social Protection Regimes

In the 2000s, Brazil witnessed the rise of a mass consumption society fueled by growing wages, credit, and the expansion of middle-income groups, which place greater demands on public goods. This trend has not proven long-lasting and sustainable. In addition, the provision of public goods and services has not been correctly addressed, and deficits in this area remain severe and disturbing. The current economic downturn calls into question the model of economic development adopted by the Brazilian progressive political forces at the turn of the century. What major characteristics and inner contradictions emerge from this model of development that is now at stake? How does the financialization of social policies reshape interdependent inequalities? I argue that while social developmentalism marked a structural move toward a society of mass consumption, it did not unveil a broader structural shift that would overcome social and productive heterogeneity. In short, I suggest that the "social-developmentalist state" was the principal guarantor of the collateralization of social policy in one of the world's most consequential emerging markets. During my stay at Wiko, I will devote my attention to analyzing three main areas in which the financialization of social policy has lately predominated: higher education, health, and pensions.

Recommended Reading

Lavinas, Lena and André Simões. "Social Policy and Structural Heterogeneity in Latin America: The Turning Point of the 21st Century". In A Moment of Equality for Latin America? Challenges for Redistribution, edited by Barbara Fritz and Lena Lavinas: 102-128. New York: Ashgate, 2015.
Lavinas, Lena. "New Trends in Inequality: the Financialization of Social Policies." In Combating Inequality: The Global North and South, edited by Alexander Gallas, Hansjörg Herr, Frank Hoffer, and Christoph Scherrer, 212-226. London: Routledge, 2015.
-. "21st Century Welfare." New Left Review 84 (November-December 2013): 5-40.

Dienstagskolloquium, 14.03.2017

Paradigmenwechsel im Zeitalter des Finanzmarktkapitalismus: Welche Pläne zur Entwicklung der Sozialpolitik?

Im Verlauf des 20. Jahrhunderts durchlief Lateinamerika verschiedene Phasen der Industrialisierung, um seine Unterentwicklung zu überwinden und damit in eine Periode nachhaltigen Wirtschaftswachstums einzutreten, das stärker auf Gleichheit beruhen sollte. Eine wesentliche Herausforderung bestand darin, einen großen und dynamischen Binnenmarkt zu etablieren, um den Weg für einen positiven Rückkopplungsprozess des Wirtschaftswachstums zu ebnen. Nach zwei Jahrzehnten schwerer Krise und anhaltender Stagnation hatte es um die Jahrtausendwende den Anschein, dass die Rettung Lateinamerikas nahte. Nicht nur wuchs die Wirtschaft wieder, sondern zum ersten Mal standen die Bedürftigsten im Mittelpunkt des Interesses.

Ohne Zweifel war Brasilien ein führendes Land während dieser neuen Welle der wirtschaftlichen Erholung, die man später als "inklusives Entwicklungsmodell" bezeichnete, da die neuen Sozialprogramme, die sich an die Armen richteten, als institutionelle Innovation herausstachen. Ich führe Brasilien als Beispiel für die anhaltenden Verschiebungen in der Aufstellung des Kapitalismus an der Peripherie an - im Zeitalter des Finanzmarktkapitalismus (oder der "Finanzialisierung") - und möchte damit zeigen, dass die Sozialpolitik im Falle Brasiliens - da sie sich vorwiegend auf Geldtransferleistungen (entweder beitragspflichtig oder beitragsfrei) beschränkte - eine Säule der Finanzialisierung war, wobei Staatsverschuldung die andere und entscheidende Säule war.

Ich möchte mit Ihnen gemeinsam darüber nachdenken, wie die Sozialpolitik durch den Neoliberalismus im Zeichen des Finanzmarktkapitalismus subvertiert und neu geformt wurde; dabei brach der Neoliberalismus mit den vorherigen Systemen, die auf Prinzipien der Dekommodizifierung (Abkopplung sozialer Sicherheit vom Arbeitsmarkt) und Umverteilung beruhten. In diesem Prozess tauchten neue Entwürfe auf, die Besorgnis erregen und zur Zurückhaltung mahnen.

Mein Vortrag ist in drei Abschnitte gegliedert. Im ersten Teil erkläre ich kurz, warum der einflussreiche lateinamerikanische Strukturalismus die Rolle der Sozialpolitik vernachlässigte - als einer relevanten Dimension jeder Aufholstrategie, die die Hindernisse für Ankurbelung der Gesamtnachfrage beseitigen will.

Zweitens möchte ich die jüngste Periode des Wirtschaftswachstums untersuchen, das Brasilien in den 2000er Jahren erlebte und in dem die Sozialpolitik im Brennpunkt des Interesses stand. Mein Ziel besteht darin, die neue Komplementarität von Sozial- und Wirtschaftspolitik hervorzuheben, wie sie von der sozialen Entwicklungspolitik (Developmentalismus) aufgebracht wurde; dabei kombinierte man im Zuge der - rosa Welle - links-orthodoxe Positionen mit besonderen Sozialprogrammen. Meine These ist, dass die Sozialpolitik die Finanzialisierung entscheidend vorangetrieben hat und damit den Geltungsbereich von Rechten und Ansprüchen verringerte. Um meine Argumentation zu stützen, möchte ich zwei Beispiele der sogenannten "inklusiven Sozialpolitik" erörtern: Konsumentenkredite, die direkt vom Lohn oder der Rente abgezogen werden, und Darlehen für Studierende.

Zum Schluss möchte ich mit Blick auf den Fall Brasilien das Paradigma der sozialen Sicherung im 21. Jahrhundert hinterfragen, das im globalen Süden vorherrscht und über Mikrofinanzierung, an Bedingungen geknüpfte Barauszahlungen (conditional cash transfers), Grundrenten und soziale Grundsicherung funktioniert. Meine Annahme ist, dass wir gerade erleben, wie die Sozialpolitik durch Kredite, Schulden und neue Finanzmarktinstrumente abgesichert wird. Diese werden zu Grundpfeilern dessen, was einmal soziale Sicherungssysteme waren, und reagieren so auf die Erfordernisse des finanzmarktdominierten Kapitalismus und des zinsbringenden Kapitals. Im Ergebnis wird sich die wirtschaftliche Unsicherheit noch mehr verstärken und die Entwicklung hin zu Ungleichheit und Vulnerabilität verschärfen.

Köpfe und Ideen

28.02.2017

Am Kolleg entstanden

The Takeover of Social Policy by Financialization

The Takeover of Social Policy by Financialization

palgrave macmillan

April 2017


Reforma da previdência e regime complementar

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Centro de Economia Politica

June 2017