2016/2017

Michael Lambek, Ph.D.

Canada Research Chair in the Anthropology of Ethical Life

University of Toronto Scarborough

Born in 1950 in Montreal
Studied Anthropology at McGill University and at the University of Michigan, Ann Arbor

Foto: Ken Jones

Arbeitsvorhaben

Ethnographic History and Historicity in the Western Indian Ocean

My first project is to complete a book concerning a pair of villages on the island of Mayotte that I have visited periodically since 1975, when the islanders had just voted in a referendum that they wished not to join the emerging independent Islamic Republic of the Comoros but to stay part of France. As a result, Mayotte transformed from a neglected colonial backwater to a full département in the French state and an Indian Ocean port of entry into the EU. The occupation of villagers shifted from subsistence cultivation to wage earning and transnational mobility. Needless to say, this has been a very unusual "postcolonial" trajectory and an unusual experiment in North/South relations.
How to write an ethnography that covers a 40-year period? I conceive of the book not as a historical ethnography, but as an ethnographic history, one that captures both the social reproduction of the community and the concerns of its members (both "structure" and "experience") in various periods. I want to understand social transformation from the local perspective, that is to say, how people have lived it. In particular, I am interested in locating their actions with respect to their historical consciousness. They have been oriented toward the future, advocating integration in France, seizing opportunities with hope, educating their children, and traveling within the Indian Ocean and to metropolitan France. But they have also been oriented toward the past, deliberately dismantling certain institutions and acknowledging what is and has been let go. I draw on the concept of horizon as developed by Gadamer in order to try to see history as it happens, life as it is lived, including the practical and ethical concerns of people as they attend to past and future in an ever-moving present. I understand their forms of historical action as ethical, their historical consciousness as at once a conscience.
This book therefore falls between being an ethnographic history and an ethnography of history, that is, of historicity. The next book I plan to turn to will further explore this space, drawing on understandings of temporality, sacrifice, and succession, in both narrative and practice, among devotees of a cult of royal ancestors in northwestern Madagascar, manifested through spirit possession and anchored to lunar cycles, in what I call a sublunary world.

Recommended Reading

Lambek, Michael. The Ethical Condition: Essays on Action, Person, and Value. Chicago: University of Chicago Press, 2015.
-. "After Life." In Living and Dying in the Contemporary World: A Compendium, edited by Veena Das and Clara Han, 629-647. Berkeley: University of California Press, 2015.
-. "The Interpretation of Lives or Life as Interpretation: Cohabiting with Spirits in the Malagasy World." American Ethnologist 41, 3 (2014): 491-503.

Dienstagskolloquium, 10.01.2017

Der Heilige, das Seeungeheuer und eine Einladung zu einem Dîner-Dansant: Ein Kapitel der ethnografischen Geschichte von Mayotte (1975-2015)

Wie schreibt man eine Ethnografie auf der Grundlage wiederholter Besuche bei einer Gemeinschaft über einen Zeitraum von 40 Jahren? Wie begreift man, auf welche Art und Weise die Menschen selbst ihre geschichtliche Erfahrung verstehen, ihre Geschichte rezipieren und von ihr Besitz ergreifen?

Die Gemeinschaft besteht aus Malagasy sprechenden Personen auf der Insel Mayotte, gelegen im Archipel der Komoren im westlichen Indischen Ozean. (Eine Karte wird gezeigt.) Der Zeitraum erstreckt sich von 1975 bis 2015. 1976 lehnten die Bewohner Mayottes es ab, sich mit den anderen drei Inseln des Archipels zu einem unabhängigen Staat zusammenzuschließen, und bestanden darauf, dass Mayotte nicht nur weiter im Besitz Frankreichs bleiben, sondern dass dieses ihnen nun auch mehr Beachtung schenken sollte. Frankreichs Stolz war verletzt und Mayotte initiierte eine évolution statuaire, die damit endete, dass es 2011 ein vollwertiges Übersee-Département Frankreichs wurde. Die Bürger Mayottes sind nun französische Staatsbürger und Mitglieder der EU.

"Ethnografie" ist ein vielschichtiges Wort. Für Anthropologen bedeutet es: (1) die Praxis, auf Integration zielende, langfristige Feldforschung zu betreiben; (2) sorgfältige Beschreibungen und Analysen bestimmter Lebensweisen und (3) Bücher, die auf derartiger Feldforschung, Beschreibung und Analyse beruhen. "Geschichte" ist vielleicht eindeutiger, aber auch dieses Wort hat mehrere Bedeutungen: Es umfasst die Spannung zwischen Handlungen und Ereignissen in ihrer Entwicklung und wie sie in der Folge erzählt oder verstanden werden.

Ich schreibe das, was ich ethnografische Geschichte nenne. Ethnografie als eine Form der Analyse war oft synchron und als wissenschaftliches Genre typischerweise im Präsens verfasst bzw. dem, was das "ethnografische Präsens" genannt wird, eine Art Schwebezustand, der auf der Gegenwart des Ethnografen beruht. (Solchen Werken ist oft ein Kapitel über "Geschichte" voran- oder nachgestellt.) Ich versuche, die Stärken synchroner Analyse und ethnografischen Schreibens beizubehalten und gleichzeitig auch den Ablauf von Zeit, Handlung und Ereignissen zu zeigen. Hierzu erstelle ich eine Reihe aufeinanderfolgender Ausschnitte von Ethnografie, die zu verschiedenen Zeiten geschrieben wurden und die die Gemeinschaft zu verschiedenen Zeiträumen beschreiben. Zusammen ergeben sie eine Art Geschichte. Die Hälfte der Kapitel im Buch wurde ursprünglich kurz nach der Zeit verfasst, die sie beschreiben (und folglich ohne Wissen darüber, was als nächstes passieren würde). Ich überarbeite sie, während ich hier neue Kapitel schreibe.

Ich werde das Projekt und die Gemeinschaft so vorstellen, wie ich sie 1975-76 zum ersten Mal angetroffen habe. Die zweite Hälfte meines Vortrags stammt aus dem 9. Kapitel meines auf 12 Kapitel angelegten Buchs und schildert Ereignisse von 2001. Ich untersuche sowohl übliche Gebräuche, wie das Feiern von Hochzeiten, als auch Reaktionen auf kontingente Ereignisse, wie einen Unfalltod durch Ertrinken. So versuche ich zu erfassen, wie Menschen ihre sozialen Veränderungen leben und wie sie diese in ihren eigenen Begriffen fassen, während sie inmitten der sich ständig im Fluss befindlichen Gegenwart einerseits die Zukunft antizipieren und sich andererseits mit der Vergangenheit beschäftigen. Dies ist Geschichte, wie sie stattfindet und wie sie erfahren und geltend gemacht wird, nicht wie sie offiziell im Rückblick erzählt wird. Und es ist nicht bloß Geschichte als objektive Aufzeichnung von Ereignissen, sondern vielmehr eine interpretierende Darstellung der Art und Weise, wie historisches Bewusstsein, historische Betrachtung und Handlungen sich manifestieren. Die ethnografische Geschichte wird somit auch zu einer Ethnografie der Geschichte. Eine Sache ist offensichtlich, sowohl im spezifischen ethnografischen Material als auch im Aufbau des Buchs selbst: nämlich das, was der (Meta)Historiker Reinhart Koselleck (2004 [1979]: 95) "die Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen" nennt.