2015/2016

Barbara Vinken, Dr. phil., Ph.D.

Professorin für Allgemeine und Französische Literaturwissenschaft

Ludwig-Maximilians-Universität München

Geboren 1960 in Hannover
Studium der Romanistik, Germanistik und Komparatistik in Aix-en-Provence, Freiburg, Paris, Konstanz und an der Yale University


Arbeitsvorhaben

Europäische Literatur im Schatten des Bürgerkriegs

Einen Krieg, eine Revolution, einen Aufstand, eine ethische Säuberung, eine bewaffnete Auseinandersetzung als Bürgerkrieg zu bezeichnen, ist keine unschuldige Definition. Es ist eine eminent politische Äußerung. Denn der Bürgerkrieg ist das, was unter keinen Umständen passieren darf. Politik zieht ihre Daseinsberechtigung daraus, ihn um jeden Preis zu vermeiden.
Der Interpretationskonflikt gewinnt geschichtsmächtige Konturen in den römischen Bürgerkriegen: Caesar versucht, den Krieg mit allen Mitteln der Kunst nicht als Krieg gegen Eigenes, sondern als Krieg gegen Fremdes darzustellen. Pompeius selbst wird für ihn zum halben Orientalen, der die Tyrannei anstrebt; seine Armeen bestehen allesamt aus "Fremdvölkern". Dagegen bilanziert Lucan in seinem De bello civili einen heillosen Bürgerkrieg, der das Ende der römischen Republik besiegelt und alles eigene, eigentlich Römische in einer orientalisch gefärbten Tyrannei Caesars auslöschen wird.
Augustinus‘ Civitas Dei bringt eine Wende für die Thematik des Bürgerkrieges, die für die weiteren Jahrhunderte gar nicht zu überschätzen ist. Die Logik des Bürgerkriegs wird zur überhistorischen, universalen Dynamik, die das Verhältnis des Individuums zu sich selbst, zu seinen Nächsten und zur Gesellschaft bestimmt. Brudermord und Bürgerkrieg - das Wüten des Eigenen gegen das Eigene, das Gespaltensein im Selben - wird zur grundlegenden und unhintergehbaren Figur der weltlich verfassten civitas terrena.
In der Rezeptionsgeschichte gehen die einen davon aus, dass der Bürgerkrieg verleugnet und verdrängt oder als zurückgelassenes, überwundenes Moment bagatellisiert wird. Ihnen geht es darum, die Unüberwindbarkeit der Bürgerkriegsstruktur als verheerende Wahrheit allen vor Augen zu stellen. Die andern setzen, konstruktiver, auf Strategien der Überwindung dieses Zustandes. Das kann nur durch eine andere Ökonomie, genauer durch eine A-Ökonomie - die des Selbstopfers geschehen, das verschiedene Säkularisierungstufen durchläuft.

Lektüreempfehlung

Vinken, Barbara. Angezogen: das Geheimnis der Mode. Stuttgart: Klett-Cotta, 2013.
-. Bestien: Kleist und die Deutschen. Berlin: Merve, 2011.
-. Flaubert: durchkreuzte Moderne. Frankfurt/Main: Fischer, 2009.

Dienstagskolloquium , 10.05.2016

Bürgerkrieg und Imperium bei Vergil und Houellebecq. Die 'Instandsetzung' narrativer Leerstellen durch die bildliche Sprache

In der westlichen Tradition ist die Bewältigung von Bürgerkriegstraumata eine der kanonischen Funktionen von Literatur. Bürgerkrieg ist als Trauma unerzählbar: auf der Ebene der Story führt er zur Ellipse, zur Fragmentierung des Textes und zu einer Verdichtung der bildlichen Sprache. Dennoch erscheinen seine Spuren symptomatisch auf der Oberfläche der Texte, die ihn darstellen. Das ist ein Bewältigungsmechanismus; durch ihn wird es möglich, die unerzählbare Geschichte wiederherzustellen, und zwar durch den Leser - wenn dieser bereit ist, die Signifikanten zu entziffern und die Geschichte zusammenzusetzen, die auf anderem Wege nicht erzählt werden kann. Daher eignet sich Literatur, die einen Bürgerkrieg chiffriert, als Paradigma des Lesens. Diese Tradition stellt uns ein Grundmodell zur Analyse der Spezifität des literarischen Diskurses zur Verfügung.

Der Zusammenbruch der Römischen Republik durch den Bürgerkrieg und ihre '(Auf-)Lösung' im Römischen Kaiserreich ist die Urszene dieses Traumas in der Tradition, die wir analysieren. Wie besessen versuchte die Literatur dieser Zeit, mit dieser Verwundung des politischen Imaginären zurechtzukommen, und die nachfolgende Literatur kam immer wieder auf diese ungelöste Szene zurück. In der französischen Literatur wird die Geschichte des Westens mehr oder weniger explizit als Neuauflage der Römischen Bürgerkriege erzählt - das reicht von der direkten Nennung über Zitate bis hin zur subtilen Anspielung und zur indirekten tropologischen Neuanordnung. Die wieder und wieder erzählte Geschichte dreht sich um zentrale Fragen. Kann ein Bürgerkrieg jemals überwunden werden oder ist die Geschichte dazu verdammt, ihn immer aufs Neue nachzuspielen? Kann das Ende des Bürgerkriegs die Wiederherstellung [der Republik] mit sich bringen oder zieht es unweigerlich das Imperium nach sich, eine Herrschaft, die die Gewalt der republikanischen Auseinandersetzungen in verhüllter Form verstetigt und dadurch alles noch schlimmer macht?

Für Vergil führt das Ende des Bürgerkriegs zu einem repressiven Kaiserreich, das sich als orientalische Tyrannei verkleidet. Das kaiserliche Imperium vertreibt einen Konflikt vom Schlachtfeld, der in den Lastern des Luxus und des verschwenderischen Konsums wieder auftaucht. Diese Lösung projiziert die innere Spaltung des Bürgerkriegs auf ein orientalisiertes Anderes. Michel Houellebecq, der in der französischen Tradition des realistischen Romans schreibt, bedient sich einer alten Strategie, um heutige ideologische Kämpfe auszuleuchten: nämlich die französische als römische Geschichte zu erzählen und diesem Text den Bürgerkrieg anhand derselben Methoden einzuschreiben, die die klassischen französischen Autoren aus der Lektüre der lateinischen Literatur gelernt hatten. Unabhängig davon, ob wir ihn (wie üblich) als Faschisten, als Rechten und Islamfeind oder vielmehr - das erwägen wir - als überzeugten Feministen verstehen, der die Heuchelei der Projektion einer inneren Spaltung auf das orientalische Andere aufzeigt: Die Unmöglichkeit, ihn ideologisch festzulegen, rührt nicht nur von seinen komplexen und vielfach satirischen Inversionen her, sondern ist der Spezifität des literarischen Diskurses als solchem geschuldet. Die bildliche Sprache der Literatur ist das einzige Mittel, ein Trauma zu enthüllen, das nicht direkt erzählt werden kann, und es lesbar zu machen.


Publikationen aus der Fellowbibliothek

Vinken, Barbara ( Stanford, California, 2015)
Flaubert postsecular : modernity crossed out Flaubert. <engl.>

Vinken, Barbara ( Stuttgart, 2013)
Angezogen : das Geheimnis der Mode

Vinken, Barbara ( 2011)
Bestien : Kleist und die Deutschen

Vinken, Barbara ( 2008)
The new nude

Vinken, Barbara ( Frankfurt am Main, 2007)
Die deutsche Mutter : der lange Schatten eines Mythos Fischer Taschenbuch ; 17619

Vinken, Barbara ( 2003)
Ästhetische Erfahrung durchkreuzt : der Fall Madame Bovary

Vinken, Barbara ( )
L’Éducation sentimentale : histoire d’un jeune homme



Lectures on Film 20.04.2016

Barbara Vinken – Das vierte Reich. Europa und der “innere Orient”

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Zeitschrift für Ideengeschichte

Russischer Herbst

Heft X/3 Herbst 2016

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