2015/2016

Barbara Stollberg-Rilinger , Dr. phil.

Professorin der Geschichte

Westfälische Wilhelms-Universität Münster

Geboren 1955 in Bergisch Gladbach
Studium der Geschichte, Germanistik und Kunstgeschichte an der Universität zu Köln

Foto: Richard Rilinger


Arbeitsvorhaben

Maria Theresia oder die Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen. Eine Biografie

Es ist seit langem still geworden um Maria Theresia, ehemals die Verkörperung des österreichischen Nationalmythos schlechthin. Sieht man genauer hin, so ist das populäre Bild der Kaiserin-Königin heute immer noch in hohem Maße von der Historiografie des 19. und frühen 20. Jahrhunderts geprägt, während die jüngere Historikergeneration einen auffälligen Bogen um sie macht. Es scheint daher an der Zeit, die Gestalt Maria Theresia zu historisieren und ihren Mythos zu entzaubern. Maria Theresia war nicht die treu sorgende, liebende Landesmutter, als die sie gemeinhin dargestellt wird, und ihr Appartement in der Hofburg war kein gemütliches bürgerliches Wohnzimmer. Sie war auch keine emanzipierte Frau avant la lettre und nicht die große weibliche Ausnahme in einer allein von Männern betriebenen Politik. Die geplante Biografie will nicht nur diese Meistererzählung dekonstruieren, sondern auch eine andere Geschichte Maria Theresias entwerfen. Das kann allerdings nicht mehr wie im 19. Jahrhundert aus der Perspektive eines allwissenden auktorialen Erzählers geschehen. Es sollen vielmehr eine Vielzahl sehr unterschiedlicher zeitgenössischer Perspektiven miteinander konfrontiert werden: vom aufgeklärten Leibarzt zum kameralistischen Projektemacher, von der durchreisenden Engländerin zum alt-aristokratischen Obersthofmarschall, vom Prager Juden bis zum Tiroler Bauernsohn. Dazu gehören selbstverständlich auch die Stimmen Maria Theresias selbst und ihrer Familienmitglieder. Am Ende soll ein plastischer Eindruck von der spezifischen „Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen" entstehen, die das 18. Jahrhundert kennzeichnet.

Lektüreempfehlung

Stollberg-Rilinger, Barbara. Des Kaisers alte Kleider: Verfassungsgeschichte und Symbolsprache des Alten Reiches. München: Beck, 2013. (Englische Übersetzung erscheint im Herbst 2015.)
-. Rituale. Frankfurt/Main: Campus, 2013.
-. "Die Frühe Neuzeit - eine Epoche der Formalisierung?" In Die Frühe Neuzeit: Revisionen einer Epoche, herausgegeben von Andreas Höfele, Jan-Dirk Müller und Wulf Österreicher, 3-27. Berlin und Boston: de Gruyter, 2013.

Dienstagskolloquium , 12.04.2016

Maria Theresia und die Liebe der Untertanen

Es gibt - sehr einfach gesagt - zwei Arten, Geschichte zu schreiben: Man kann eine Geschichte erzählen oder man kann eine Frage beantworten. In beiden Fällen ergibt sich die Struktur nicht schon aus dem Gegenstand selbst, der Autor muss sie vielmehr stiften. Idealerweise beantwortet man als Historiker eine Frage, indem man eine Geschichte erzählt. Das jedenfalls möchte ich in meiner Biographie der Kaiserin Maria Theresia versuchen: In jedem der voraussichtlich 14 Kapitel des Buches möchte ich eine Frage beantworten, indem ich signifikante Geschichten erzähle und daraus Schlüsse ziehe. Das Ziel ist, die soziale Logik des Ancien Régime zu beschreiben, die in dieser Zeit einem beschleunigten Wandel ausgesetzt war.

In dem Vortrag stelle ich einen kleinen Ausschnitt aus einem Kapitel des Buches vor. Er betrifft Maria Theresias Ruf als Herrscherin, die für jedermann, selbst "den geringsten ihrer Untertanen", jederzeit zugänglich gewesen sei. Die Frage ist: Wie kam es zu einem solchen allgemein verbreiteten Urteil? Was hieß "Zugänglichkeit" damals eigentlich genau und was nicht? Was steckt hinter diesem Mythos und wie kam Maria Theresias Charisma zustande? Am Ende möchte ich ihren Herrschaftsstil mit dem ihres Sohnes Joseph konfrontieren, um herauszuarbeiten, inwiefern ihr Verhältnis zu den Untertanen einem typisch vormodernen Muster entsprach.


Publikationen aus der Fellowbibliothek

Stollberg-Rilinger, Barbara ( München, 2017)
Maria Theresia : die Kaiserin in ihrer Zeit : eine Biographie

Stollberg-Rilinger, Barbara ( London, 2016)
Cultures of decision-making Annual lecture ; 2015

Stollberg-Rilinger, Barbara ( New York, 2015)
The emperor's old clothes : constitutional history and the symbolic language of the Holy Roman Empire Des Kaisers alte Kleider

Stollberg-Rilinger, Barbara ( München, 2013)
Des Kaisers alte Kleider : Verfassungsgeschichte und Symbolsprache des Alten Reiches

Stollberg-Rilinger, Barbara ( Frankfurt, 2013)
Rituale Historische Einführungen ; Band 16

Stollberg-Rilinger, Barbara ( 2010)
Zur moralischen Ökonomie des Schenkens bei Hof (17.-18. Jahrhundert)

Stollberg-Rilinger, Barbara ( 2010)
Verfassungsgeschichte als Kulturgeschichte

Stollberg-Rilinger, Barbara ( München, 2009)
Das Heilige Römische Reich Deutscher Nation : vom Ende des Mittelalters bis 1806 Beck'sche Reihe ; 2399




Lectures on Film 09.12.2015

Grausamkeit, Mode und Verzweiflung. Maria Theresia - Ingeborg Bachmann: Über biographisches Schreiben

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