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2015/2016

El Hadji Ibrahima Diop , Dr. phil. habil.

Professor für deutsche Literatur und ihre Didaktik

Université Cheikh Anta Diop de Dakar, Senegal

Geboren 1956 in Keur Madiabel, Senegal
Studium der Germanistik an der Universität Leipzig und an der Universität Gesamthochschule Essen

Foto: Wissenschaftskolleg zu Berlin


Arbeitsvorhaben

Europäische Aufklärung und die Moderne in Afrika: zum Gegenwartsbezug der Entwicklungstheorien der Afrikadiskurse der Aufklärung

Das geplante Projekt soll erstmals Fragestellungen miteinander verbinden, die von der Forschung bisher getrennt untersucht wurden: das lebhafte Interesse der historischen Wissenschaften an den Debatten über Afrika und die Konstituierung der Moderne in Afrika. Ich versuche eine theoretische Verbindung zwischen den spezialwissenschaftlichen Interessen (Anthropologie, Philosophie des 18. Jahrhunderts) und den gegenwärtigen entwicklungstheoretischen Fragen herzustellen, die für die Positionierung Afrikas in der Globalisierung bestimmend sind. Für die theoretische Einordnung dieser Diskussion beziehe ich mich auf Konzepte wie Modernisierungsversuche, Aufarbeitung politischer Fremd- und Eigenverantwortung. In diesem Zusammenhang verweise ich auf Positionen der postcolonial studies, vor allem solche, die aus der Perspektive der Afrikawissenschaften und der Philosophie und in philosophischer Hinsicht dem afrikanischen Diskurs über die Vergangenheitsbewältigung einen neuen Stempel aufdrückten. Dieser kritische Bezug wird ergänzt und vertieft durch wichtige Vorarbeiten von Sozialwissenschaftlern, die in der westlichen Wissenschaftspolitik unbekannt oder nur marginal sind: die Hegel- und Marx-Kritiken, die Auseinandersetzung mit der Universalität, die Kapitalismuskritik und die wirtschaftlichen Theorien der peripheren Entwicklung. Der Sonderweg der Implementierung von Traditionen aus dem Erbe der Aufklärung in Afrika ist noch unerforscht. In dieser Arbeit soll aufgezeigt werden, dass die Kritik an der Aufklärung eine Kritik an der Moderne in Afrika ist.

Lektüreempfehlung

Diop, Elhadji Ibrahima. Racialité et Rationalité. De l'altérité de l'Afrique Noire en Allemagne au siècle des Lumières. Paris: Editeur Hermann, 2015 (Collections République des Lettres).
-. "Die Kant-Forster-Kontroverse über Menschenrassen als Wendepunkt der europäischen Afrikadiskurse." In Klopffechtereien - Missverständnisse - Widersprüche? Methodische und methodologische Perspektiven auf die Kant-Forster-Kontroverse, herausgegeben von Rainer Godel und Gideon Stiening, 179-190. Paderborn: Wilhelm Fink, 2012 (Laboratorium Aufklärung, Bd. 10).

Dienstagskolloquium , 15.12.2015

Europäische Aufklärung und die Moderne in Afrika: Ein Zwischenbericht und seine Relevanz für die Erforschung der Aufklärung

Die Spuren und Prägungen der Aufklärung in Afrika sind doppelseitig und vielschichtig: auf der einen Seite haben wir - so meine ich - die fremdideologische, (fremdbestimmte) zwiespältige Nachwirkung der europäischen Aufklärung und auf der anderen Seite die eigenen Aufklärungsbestrebungen. Die Afrika-Diskurse der europäischen Aufklärung, die auch als Deutungsmuster von Entwicklungsmodellen und universellen Entwicklungstheorien zu betrachten sind, sind von besonderer Gegensätzlichkeit gekennzeichnet: Sie werden zum einem von Fortschrittsgedanken getragen; und zum anderen zeigten sie sich als entwicklungshemmend für Afrika. Als Träger dieser Gegensätze können u.a. Kant und Voltaire einerseits und Rousseau, Herder und Forster andererseits genannt werden. Während Rousseau, Herder und Forster polyzentrische Entwicklungsprozesse zum Tragen brachten und somit eine Moderne der kulturellen Vielfalt befürworteten, dominierten bei Kant und Voltaire monozentrische Ansichten, das heißt europazentrierte Universalisierungsversuche.

Die Spuren und Prägungen von Aufklärungsbestrebungen in Afrika bedürfen eines eigenen wissenschaftstheoretischen Repertoires. Dies betrifft die Historiographie, aber auch die wissenschaftspolitische Legitimation. Diese Voraussetzung wohl bedenkend, bin ich darum bemüht, in einer Fallstudie die thematische Geschlossenheit von aufklärerischen Modernisierungen in wichtigen Kultur- und Begegnungszentren im subsaharischen Afrika, in West- und Mittelafrika und in Äthiopien nachzuzeichnen. Die Rückwirkungen dieser Bestrebungen für die Bestimmung einer Moderne in Afrika betrachte ich als besonders wichtig. Ihre Themen waren Pluralität, Toleranz und fortschrittsorientierte gesellschaftliche Konzepte. Es muss allerdings hier auch betont werden, dass dies weder einfach noch geradlinig war, da diese Reformgedanken in vielen Lebensbereichen mit dem Verlust von politischen, traditionell matriarchalischen Regierungsprinzipien und der Schwächung der Rechtsstellung der Frau kollidierten.

Sollte es also eine autochthone afrikanische Aufklärung geben, dann muss sie beides vor Augen haben:

- eine Kritik der europäischen Aufklärung als Kritik an der Krise in Afrika , dies bedeutet
- auch eine Kritik an eigenen Fehlleistungen bisheriger Universalitätskonzepte aus dem Okzident und dem Orient.












Publikationen aus der Fellowbibliothek

Diop, El Hadji Ibrahima ( 2017)
Wissenschaft in Afrika im Spannungsfeld zwischen Geschichtsbildern und Wandel in der Geschichte - Postkoloniales und was danach

Diop, El Hadji Ibrahima ( 2015)
Philosopher aus XVIIIe siècle et pour des sociétés africaines dites "sans histoire"

Diop, El Hadji Ibrahima ( Paris, 2015)
Racialité et rationalité : de l'altérité de l'Afrique noire en Allemagne au siècle des lumières La République des lettres