2015/2016

Tatiana Borisova, Dr.

Associate Professor of History

National Research University Higher School of Economics, St. Petersburg

Born in 1978 in Leningrad
Studied History at the European University at St. Petersburg and at St. Petersburg State University

Foto: Wissenschaftskolleg

Schwerpunkt


Arbeitsvorhaben

Guns and Regulations: the Social History of Russian Law, 1800-1937

The gun problem is very much in focus today. The most recent legislative initiative in the Russian Parliament to legalize the carrying of firearms was in October 2014 and enjoyed considerable support from a number of very active regional and all-Russian NGOs promoting the right of the Russian people to bear firearms for self-defense. The claims of Russian gun enthusiasts are often based on "historical arguments". However, the real history of the private possession of firearms remains unwritten.
I will consider the private possession of firearms in Russia in 1800 2000 from three main perspectives: formal rules, procedure, and ideology. I will collect and analyze regulative materials on bans on handguns, permissions to own firearms granted to particular social groups, hunting legislation, sentence exacerbation for the use of weapons, and legislation on self-defence. My research questions will be:
1. What was the theoretical basis for adopting a rather permissive, rather than restrictive approach to the regulation of the private possession of firearms?
2. What legal, political, and social concepts shaped private firearms regulations and conditioned their enforcement?

Recommended Reading

Borisova, Tatiana. "Russian National Legal Tradition: Svod versus Ulozhenie in Nineteenth-Century Russia." Review of Central and East European Law 33, 3 (2008): 295-341.
. "The Legitimacy of the Bolshevik Order, 1917-1918: Language Usage in Revolutionary Russian Law." Review of Central and East European Law 37, 4 (2012): 395-419.
Borisova, Tatiana and Jukka Siro. "Law between Revolution and Tradition: Russian and Finnish Revolutionary Legal Acts, 1917-1918." Comparative Legal History 3, 1 (2014): 84-113.

Dienstagskolloquium , 03.05.2016

Die Zähmung des Gesetzes im autokratischen Zarenreich

Russland hat eine lange Tradition der zentralisierten und nicht-demokratischen Herrschaft, in der die legislative Macht eines Souveräns für das Funktionieren des Staates entscheidend ist. Professionelle Rechtsvertreter (z. B. Anwälte) und Beamte üben ihre Macht auf der Grundlage autokratischer Vorherrschaft aus. Die wesentliche Idee einer autokratischen Rechtsdoktrin wurde 1811 vom Historiker und Ideologen Nikolai Karamzin formuliert:

"Der Monarch ist das lebende Gesetz - den Freundlichen gnädig und die Missetäter züchtigend; die Liebe der Ersteren wird gewonnen durch die Furcht der Letzteren. Wenn die Leute den Zar nicht fürchten, fürchten sie das Gesetz nicht!"

Der Diskurs über die Vorherrschaft des Herrscherwillens negiert nicht notwendigerweise die Bedeutung der professionellen Rechtspflege in Russland. Meine Forschung zeigt, dass es neben dieser autokratischen Mythologie auch die Rechtstechniken der der professionellen Rechtsvertreter waren, die die Praktiken und Ansichten von Regierungsbeamten in Bezug auf die Machtkultur formten. Zusätzlich zur bereits hinlänglich bekannten Geschichte der politischen Rechtsanwendung gibt es die weniger bekannte Geschichte eines Rechtsszenarios, in dem Rechte und Gerechtigkeit eine Rolle spielen; diese werden von den Normen einer professionellen Rechtspflege getragen und folgen dem grundlegenden Gesetzlichkeitsprinzip: nulla poena sine lege. Man hielt die Normen der Rechtsherrschaft für etwas, das sowohl die Erwartungen der Herrscher als auch der Beherrschten definierte.

In meinem Vortrag widme ich mich den russischen Herrschern, genauer gesagt, ihrer Obsession, Gesetze zu schaffen und zu verbreiten; mich interessiert dabei die Langzeitperspektive - vom 18. Jahrhundert bis zur bolschewistischen Revolution 1917. Ich verwende die Metapher des Zähmens, um die technischen Mittel zu beschreiben und zu analysieren, mit denen die russischen Eliten Rechtssicherheit schaffen und Elemente der Volksteilhabe an der Durchsetzung des Rechts zeigen wollten. Die obligatorische Veröffentlichung von Gesetzen und andere Mittel, die das Recht für jedermann zugänglich machen sollten, befähigten Laien, das Recht zur Wahrung ihrer Interessen einzusetzen - das Recht durch den Gebrauch zu „zähmen“.

Obwohl ich mich in meinem Vortrag speziell mit Russland befasse, würde ich mich gerne mit Ihnen über die Mythologien des Rechts als Mittel einer gerechten Regierung, über die Autorität von Rechtstechniken (einschließlich der Rechtssprache) und über die Frage politischer Legitimität durch das Recht austauschen.


Publikationen aus der Fellowbibliothek

Borisova, Tatiana ( 2018)
Russia's legal trajectories

Borisova, Tatiana ( 2014)
Law between revolution and tradition : Russian and Finnish revolutionary legal acts, 1917–18

Borisova, Tatiana ( 2013)
Legislation as a source of law in late imperial Russia

Borisova, Tatiana ( 2012)
The digest of laws in the Russian empire : the phenomenon of autocratic legality

Borisova, Tatiana ( 2012)
The legitimacy of the Bolshevik order ,1917-1918 : language usage in revolutionary Russian law