2014/2015

Andrea Kern, Dr. phil.

Professorin der Philosophie

Universität Leipzig

Geboren 1968 in Heilbronn
Studium der Philosophie, Germanistik und Theater- und Filmwissenschaften an der Freien Universität Berlin, der Ruhr-Universität Bochum und der Université Paris 1 Panthéon-Sorbonne


Arbeitsvorhaben

Die anthropologische Differenz

Die zeitgenössische Diskussion um die Frage, was den Menschen vom Tier unterscheidet, ist in zwei unbefriedigenden Alternativen gefangen: der Position des Assimilationismus, der nur einen graduellen Unterschied sieht, und der Position des Differentialismus, der eine grundsätzliche Differenz behaupten möchte, indem er versucht, eine allein den Menschen auszeichnende Fähigkeit zu identifizieren. Meinem Forschungsprojekt liegt die Hypothese zugrunde, dass wir dieses Dilemma auflösen können, wenn wir uns auf den Gedanken einlassen, dass das, was den Menschen vom bloßen Tier unterscheidet, nicht eine bestimmte Fähigkeit ist, die beim Menschen hinzukommt und ihn zu Dingen befähigt, die den anderen Tieren versagt sind. Der Unterschied zwischen Mensch und Tier besteht vielmehr in einer anderen Art und Weise der Einheit aller Fähigkeiten.
Mit dieser Annahme geht der Vorschlag einher, dass der Begriff der Vernunft, der in den klassischen philosophischen Bestimmungen des Menschen - als animal rationale - verwendet wird, um den Menschen auszuzeichnen, nicht so verstanden werden sollte, als benennte er eine hinzukommende Fähigkeit. Der Begriff der Vernunft, so würde aus unserer Hypothese folgen, bezeichnet in diesen Bestimmungen keine bestimmte Fähigkeit, die das Tier, welches der Mensch ist, hat: und zwar weder eine Fähigkeit, die ihn über das Tiersein erhebt, noch eine Fähigkeit, die bei ihm einen höheren Grad der Komplexität hat als bei anderen Tieren. Der Begriff der Vernunft bezeichnet vielmehr eine genuine Form des Tierseins. Er beschreibt die Art und Weise, wie der Mensch als Tier lebt.

Lektüreempfehlung

Kern, Andrea. Quellen des Wissens: Zum Begriff vernünftiger Erkenntnisfähigkeiten. Frankfurt: Suhrkamp, 2006.
-. Schöne Lust: Eine Theorie der ästhetischen Erfahrung nach Kant. Frankfurt: Suhrkamp, 2000.
-. "Knowledge as Fallible Capacity." In Conceptions of Knowledge, herausgegeben von Stefan Tolksdorf, 215-244. Berlin: de Gruyter, 2011.

Dienstagskolloquium , 24.02.2015

Die anthropologische Differenz

Wenn wir fragen, was den Menschen von allen anderen Tieren unterscheidet, dann ist dabei vorausgesetzt, dass der Mensch den anderen Tieren in vielem gleicht. Kein Mensch fragt etwa, was den Menschen von einer tektonischen Platte oder einem Getränkeautomaten unterscheidet. Wir können das so sagen: Der Mensch gleicht den anderen Tieren zunächst darin, dass auch er ein Tier ist. Menschen sind Tiere, Affen und Ameisen auch. Daraus scheint zu folgen, dass er den anderen Tieren in allem gleicht, was diese Tiere als Tiere bestimmt. Wenn der Mensch ein Tier ist, dann, so scheint es, muss er all jene Merkmale haben, kraft derer bloße Tiere eben Tiere sind, und nicht etwa Steinplatten oder Hochhäuser oder Wolken. Wenn das so ist, dann scheint die anthropologische Differenz in einem Merkmal liegen zu müssen, das beim Menschen und nur beim Menschen hinzutritt und ihn von den übrigen Tieren unterscheidet.

Die Suche nach diesem Merkmal bestimmt die zeitgenössische evolutionsbiologische, primatologische und philosophische Forschung. In abstraktester Weise wurde dieses Merkmal in der Tradition in der Regel durch den Begriff der Vernunft bezeichnet. Ich möchte fragen, was für eine Art von Differenz mit diesem Begriff bezeichnet wird. Ich möchte nahelegen, dass es falsch ist zu glauben, der Begriff der Vernunft bezeichne im Rahmen dieser Fragestellung eine spezifische Fähigkeit des Menschen, die zu seinen tierischen Fähigkeiten hinzukommt. Vielmehr bezeichnet er eine spezifische Art und Weise der Bestimmung dessen, was es heißt, ein lebendiges Subjekt von Fähigkeiten zu sein. Er beschreibt eine genuine Form des Tierseins.


Publikationen aus der Fellowbibliothek

Kern, Andrea ( 2010)
Handeln ohne Überlegen

Kern, Andrea ( 2006)
Wir können uns immer täuschen

Kern, Andrea ( Frankfurt am Main, 2006)
Quellen des Wissens : zum Begriff vernünftiger Erkenntnisfähigkeiten Suhrkamp-Taschenbuch Wissenschaft ; 1786

Kern, Andrea ( 2000)
Ästhetische Lust und Erfahrung

Kern, Andrea ( Frankfurt am Main, 2000)
Schöne Lust : eine Theorie der ästhetischen Erfahrung nach Kant Suhrkamp-Taschenbuch Wissenschaft ; 1474