2013/2014

Laurenz Lütteken , Dr. phil.

Professor für Musikwissenschaft

Universität Zürich

Geboren 1964 in Essen
Studium der Musikwissenschaft, Germanistik und Kunstgeschichte an den Universitäten Münster und Heidelberg


Arbeitsvorhaben

1. Mozart - Grundzüge einer intellektuellen Biografie

Ausgehend von umfangreicheren Studien zur Oper Così fan tutte ist der Plan entstanden, Mozarts intellektuelle Biografie im Kontext des 18. Jahrhunderts, dem Jahrhundert der Aufklärung, zu rekonstruieren und zu systematisieren. In der Mozart-Forschung ist die Zugehörigkeit des Komponisten zur Denkbewegung der Aufklärung bisher nur zögerlich und eher am Rande thematisiert worden. In einem größeren Vorhaben wird versucht, diese Bezüge nochmals zu sichten, neu zu bewerten und zu ordnen. Dabei soll es nicht allein um sozialhistorische Fragen gehen, also Mozarts Selbstpositionierung im auftragsgebundenen Produktionssystem 'Musik", das auch im späteren 18. Jahrhundert noch unangefochten war. Auch sollen die Bezüge zur Aufklärung nicht allein im Blick auf vertonte Texte untersucht werden. Vielmehr geht es darum, auf dem Wege einer breiten Kontextualisierung, gleichsam einer archäologischen Sondierung der für Mozart bedeutsamen intellektuellen Kraftfelder neue Verständniswege für seine Musik, also für seinen kompositorischen Habitus zu erproben.

2. Richard Strauss

Zu 2. Richard Strauss verbrachte 20 Jahre seines Lebens in enger institutioneller Anbindung an Berlin. Dort war er zunächst Leiter der Hofoper, später, als Generalmusikdirektor, auch verantwortlich für die Konzerte der Königlichen Kapelle - ihm oblag die Programmplanung. In dieser Zeit agierte Strauss außerdem als weltweit bewunderter Opern- und Konzertdirigent. Es entstanden in kaum erklärlicher Dichte eine Reihe seiner wichtigsten Werke. Trotz dieser herausragenden Bedeutung ist die Berliner Zeit bisher nicht systematisch in den Blick genommen worden. In Ergänzung zu einem größeren Projekt zu Richard Strauss (in dessen Zentrum die Neubestimmung seines Verhältnisses zur Moderne steht) sollen die Berliner Quellen ausführlicher untersucht werden.

Lektüreempfehlung

Lütteken, Laurenz. Musik der Renaissance: Imagination und Wirklichkeit einer kulturellen Praxis. Kassel: Bärenreiter; Stuttgart (u. a.): Metzler, 2011.
-. Richard Strauss. Opern. München: Beck, 2013 (im Druck).

Dienstagskolloquium , 08.10.2023

Die andere Moderne: Zum Musikbegriff von Richard Strauss

Im Vortrag soll versucht werden, den Musikbegriff von Richard Strauss in Umrissen zu skizzieren. Die Position des Komponisten im 20. Jahrhundert ist stets umstritten gewesen, ja seine Zugehörigkeit zu ihm sogar, wie bei Theodor W. Adorno, in Abrede gestellt worden. Gleichwohl ist der Sachverhalt sehr viel komplizierter. Ausgehend von der "Oper in einem Aufzuge nebst einem Vorspiel" Ariadne auf Naxos, in der szenisch endgültigen Fassung 1916 uraufgeführt, sollen die Hintergründe von Strauss' Selbstpositionierung nachgezeichnet werden. Im "Vorspiel" zu dieser Oper tritt nämlich ein imaginärer Komponist auf, und er reflektiert an entscheidender Stelle über seine Auffassung von Musik als absoluter, metaphysisch grundierter Kunst. Im Modus der Ironie grenzen sich Strauss und sein Dichter Hugo von Hofmannsthal jedoch von diesem Musikbegriff auf entschiedene Weise ab. Gegen die Aufwertung der Musik zu einer Art metaphysischer Selbstdeutung der Moderne - wie bei Gustav Mahler - setzen Strauss und mit ihm Hofmannsthal einen ganz anderen Musikbegriff. Musik ist für beide jene Kunst, mit deren Hilfe der Mensch die von beiden beschriebene Sprachkrise der Moderne zu überwinden vermag. In diesem Sinne eröffnet Musik keine kunstreligiösen Deutungsräume mehr, sondern sie trägt zur Vergewisserung des Menschen in der Moderne bei. Damit verbunden ist der radikale Abschied von allen metaphysischen Ansprüchen, denn die Musik weist bei Strauss nicht mehr über sich selbst hinaus.

Im Vortrag werden die wesentlichen Aspekte dieses Musikbegriffs, der in produktiver Auseinandersetzung mit Schopenhauer und Nietzsche entstand, skizziert. Und es werden die Konsequenzen in Umrissen benannt: der Abschied von der autonomen Instrumentalmusik; die Hinwendung zur Bühne, verbunden mit dem Abschied von der Tragödie und der Hinwendung zu Komödie und Operette; die Vorstellung, Musik könne an der Hinwendung der Menschen zueinander partizipieren und diese "plastisch" auf der Bühne abbilden; der Abschied von der Annahme, dies sei mit konkreten "Bedeutungen" verbunden; der Abschied von der durch Wagner proklamierten Einheit von Librettist und Komponist, ja überhaupt von der hypertrophen "Künstlerfigur"; der Abschied vom Wagnerschen Ideentheater; die Psychologisierung der Motivtechnik; die Aufwertung des Orchestersatzes zu einem polyphonen Deutungsraum; das Festhalten an einer nicht gesicherten, sondern neu erworbenen Tonalität.


Publikationen aus der Fellowbibliothek

Lütteken, Laurenz ( München, 2017)
Mozart : Leben und Musik im Zeitalter der Aufklärung

Lütteken, Laurenz ( Stuttgart, 2014)
Richard Strauss : Musik der Moderne

Lütteken, Laurenz ( 2013)
Das ungeliebte Paradigma : Schwieirgkeiten und Perspektiven musikhistorischer Aufklärungsforschung

Lütteken, Laurenz ( 2013)
Die Macht der Musik : Eschenburg als Vermittler englischer Musikästhetik

Lütteken, Laurenz ( München, 2013)
Richard Strauss, die Opern : ein musikalischer Werkführer Beck'sche Reihe ; 2222

Lütteken, Laurenz ( Kassel [u.a.], 2013)
Zwischen Tempel und Verein : Musik und Bürgertum im 19. Jahrhundert ; Zürcher Festspiel-Symposium 2012

Lütteken, Laurenz ( 2012)
Musikalisches "am Markt" : typologische Überlegungen zu einer kulturellen Praxis im 18. Jahrhundert

Lütteken, Laurenz ( Frankfurt am Main [u.a.], 2012)
Durch Richard Wagners Zürich : ein Stadtrundgang

Lütteken, Laurenz ( Kassel, 2012)
Wagner Handbuch

Lütteken, Laurenz ( 2011)
Die Macht des Gesanges? Mozart und die "kleinen" Vokalformen im Josephinischen Zeitalter




Köpfe und Ideen 2014

Brief aus Berlin

von Laurenz Lütteken

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Workshop (Convener)16.01.2014

Alternative Modernities: Postcolonial Transformations of "Traditional" Music in the 19th and 20th Centuries.

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