2012/2013

Jonas Grethlein , Dr. phil.

Professor für Klassische Philologie

Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg

Born in 1978 in Munich
Studied Greek and Latin Philology and History at the Universities of Göttingen, Oxford and Freiburg

Foto: Wissenschaftskolleg zu Berlin


Arbeitsvorhaben

Erfahrung und Teleologie in der antiken Geschichtsschreibung

"The Thirty Years War began in 1618". According to Danto, narrative sentences like this, sentences that refer to two events in the past but only describe the first, are characteristic of historiography (1965). The double temporal reference applies not only to individual sentences, but also to historiographical works as a whole. Historians tend to narrate past events from the perspective of a telos that is still future for the historical agents, but already past for the historians and their readers. At the same time, historians can try to ignore this "future past" and to adopt the perspective of the historical agents. My book project sets out to explore the narrative strategies through which Greek and Roman historians ranging from Herodotus to Tacitus make use of the advantage of hindsight or try to repress it in order to recreate the presentness of the past.
"Experience and Teleology in Ancient Historiography" stands at the intersection of the theory of history and literary studies, combining theoretical reflections with close readings. My goal is twofold: First, I hope to contribute to the theory of history in demonstrating the capacity of narrative to make us re-experience the past. Second, the focus on "futures past" will shed new light on an important aspect of ancient historiography that has not yet received due attention. Temporal perspective is far more than a technical question, it is crucial to historiography and expresses an author's idea of history.

Recommended Reading
Grethlein, Jonas. The Greeks and Their Past: Poetry, Oratory and History in the Fifth Century BCE. Cambridge: Cambridge University Press, 2010.
- Littells Orestie: Mythos, Macht und Moral in "Les Bienveillantes". Freiburg: Rombach, 2009.

Dienstagskolloquium , 15.01.2013

Bild und Erzählung: Die Funktion der Form

Was ist die Funktion von Kunst? Diese Frage ist sehr unterschiedlich beantwortet worden. Während Philosophen in der Tradition Heideggers sich immer noch Gedanken über Präsenz machen, beschäftigen sich Evolutionswissenschaftler mit den Mechanismen der Adaption. Die Unzulänglichkeit dieser Modelle ist der Stachel meines Projekts: Wo evolutionäre Ansätze durch ihre Banalität enttäuschen, erweisen sich die Antworten der Phänomenologen oft als esoterisch. Gegenstand und Fokus meines Projekts sind aber beschränkt: es geht nicht um Kunst im Allgemeinen (was auch immer das sein mag!), sondern um zwei spezifische Medien, Bild und Erzählung. Auch sollen die vielfältigen Funktionen von Bild und Erzählungen nicht umfassend behandelt werden, das Augenmerk liegt auf der in ihrer Form angelegten Funktion. Form ist interessanter, als es der Terminologie-Fetisch vieler Formalisten vermuten lässt!

Der erste Teil des Vortrags entwickelt das Argument, dass Erzählung nicht nur ein zeitliches Medium ist, sondern auch den Leser sich mit Zeit auseinandersetzen lässt. Das Potential von Erzählung, uns über Zeit reflektieren zu lassen, besteht im Erfahrungscharakter der Rezeption. Lesen ist eine Erfahrung im Rahmen des "als-ob": sie unterwirft uns den gleichen zeitlichen Spannungen wie die Lebenswelt, aber ohne pragmatischen Druck. Erzählung setzt uns der Zeit aus und enthebt uns zugleich ihrer Gewalt. Diese Form der Reflexion, so meine These, ist grundlegender als jegliche philosophische Abhandlung.

Der zweite Teil dient dazu, diese These anhand eines antiken Romans zu veranschaulichen. Die "Aithiopika" des Heliodor zeigen, wie Neugierde und Spannung der Motor unseres Lesens sind. In einem verblüffenden Spiel mit erzählter und Erzählzeit ermöglichen die "Aithiopika" dem Leser eine intensive Erfahrung der zeitlichen Strukturen seiner Lebenswelt. Eine Untersuchung der Rekonfiguration von Zeit beleuchtet die narrative Dynamik, die Leser seit der Spätantike in ihren Bann geschlagen hat. Der Roman des Heliodor hat stark auto-referentielle Züge und betont in eingebetteten Erzählungen die immersive Kraft von Erzählungen. Dies führt zu einem abschließenden Gedanken: die antike Sensibilität für die Erfahrungshaftigkeit des Lesens könnte aufschlussreich für gegenwärtige Versuche sein, das reduktionistische Bild von ästhetischer Erfahrung zu überwinden, das Poststrukturalismus und Kritische Theorie verbreitet haben.


Publikationen aus der Fellowbibliothek

Grethlein, Jonas ( New York, 2017)
Aesthetic experiences and classical antiquity : the significance of form in narratives and pictures

Grethlein, Jonas ( München, 2017)
Die Odyssee : Homer und die Kunst des Erzählens

Grethlein, Jonas ( 2013)
Von Platon zu Avatar : ästhetische Erfahrung, antik und modern Sinn und Form : Beiträge zur Literatur

Grethlein, Jonas ( Cambridge [u.a.], 2013)
Experience and teleology in ancient historiography : 'futures past' from Herodotus to Augustine

Grethlein, Jonas ( Cambridge [u.a.], 2010)
The Greeks and their past : poetry, oratory and history in the fifth century BCE

Grethlein, Jonas ( 2009)
How not to do history : Xerxes in Herodotus' Histories

Grethlein, Jonas ( 2008)
Memory and material objects in the Iliad and the Odyssey




Workshop 17.06.2015

Ornament and Figure in Graeco-Roman Art: Rethinking Visual Ontologies in Classical Antiquity and Beyond

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Vortrag23.05.2013

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