2010/2011

Behrooz Ghamari-Tabrizi, Ph.D.

Professor der Geschichte und der Soziologie

Universität Illinois, Urbana-Champaign

Born in 1960 in Tehran
Studied Sociology at the University of California, Santa Cruz


Arbeitsvorhaben

Versicherungspolice statt Fahrschein ins Paradies: Die Konzeption von Trauma bei den iranischen Veteranen des iranisch-irakischen Kriegs, 1980-1988

In European and American war literature, trauma is often understood as a psychopathology, Post-Traumatic Stress Disorder (PTSD). However, during the past two decades a number of social and historical studies have called into question this universalist approach by highlighting the social and cultural contingencies of trauma. Rather than placing the accent on the type of event that is considered inherently traumatic, these new studies examine how people endure and remember violence and whether the experience of suffering inevitably leads to post-traumatic disorder. This approach shifts the focus from individual pathology and examines trauma as a culturally specific, politically instrumental, socially constructed, and historically contested phenomenon.
Although the eight-year war became the most significant spur and justification for the consolidation of state power for the revolutionary regime in Iran, its long-term consequences continue to inform the local, national, and regional politics of the Islamic Republic. Whereas previous studies addressed the political and military history of the war, my research examines the Iran-Iraq war from the point of view of the veterans who continue to struggle with its aftermath. Rather than emphasizing the ideological, institutional, and political foundations of the war, I examine the veterans' construction of their own experiences and the means through which these experiences have been expressed, maintained, and transformed into social and individual coping strategies.
I am planning to develop a theory of trauma simultaneously informed by individual testimonies and family-community relations, as well as sociological, psychological, and medical interpretations, as well as legislative acts. Not only will this work contribute to a more refined understanding of the constitutive significance of violence in shaping post-war Iranian society, it will also advance our recognition of the contingencies and the deep specificities of trauma.

Recommended Reading

Ghamari-Tabrizi, Behrooz. "Mourning, Memory and Memorializing: The Iranian Veterans of Iran-Iraq War (1980-1988)." Radical History Review 105, (2009): 106-121.
-. Islam and Dissent in Post-Revolutionary Iran: Abdolkarim Soroush and the Religious Foundations of Political Reform. London, New York: I. B. Tauris (Palgrave-Macmillan), 2008.
-. "Contentious Public Religion: Two Conceptions of Islam in Revolutionary Iran." International Sociology 19, 4 (2004): 504-523.

Dienstagskolloquium , 19.04.2011

Harmonische Stimmen mit dissonanten Untertönen: Die Islamisierung des Iran und ihre Widersprüche

Nach üblichem Verständnis ist die Islamische Republik Iran eine Theokratie, ein Regime, das seine Autorität auf der Grundlage von göttlichen Quellen ausübt und sich auf sie bezieht. Die Verfechter dieser Auffassung betrachten die Islamische Republik als einen ideologischen Staat, der gegenüber den Wirklichkeiten der iranischen Gesellschaft und der Weltpolitik vollkommen gleichgültig ist. Seit seinen Anfangszeiten im Jahr 1979 verfolgt das Regime im Iran das Projekt der Islamisierung, so lautet das Argument, um einen neuen homo islamicus zu schaffen, einen neuen Menschen, dessen Lebensweise sich in Übereinstimmung mit dem Islam befindet und von diesem angeregt wird. In diesem Vortrag möchte ich zeigen, dass das Islamisierungsprojekt weder bei seinem Anfang noch bei seiner Rezeption harmonisch war. Staat und Zivilgesellschaft spalteten sich nicht in zwei einander ausschließende Gebilde, bei denen der Staat die Gesellschaft zwang, sich seiner Agenda zu unterwerfen, während sich die Zivilgesellschaft dagegen wehrte. Vielmehr möchte ich darlegen, dass die Islamisierung im Iran einen Zustand der Koexistenz von Widersprüchen geschaffen hat; dieser hat nicht nur die Akteure der Islamisierung und ihre Themen verändert, sondern auch die Interpretation islamischer Texte. Meine These ist, dass die Iranische Revolution in allen Bereichen des gesellschaftlichen Lebens, in den kulturellen Praktiken, der künstlerischen Produktion, in den Institutionen in Recht und Politik eine bemerkenswerte Veränderung angestoßen hat. Man sollte diese Veränderungen nicht im Sinn von Annahme oder Ablehnung verstehen, sondern als Aneignung und Neuformulierung.

Ich habe vier Beispiele gewählt, mit denen ich zeige, wie ein scheinbar harmonisches islamisches/traditionelles Milieu disharmonische und konkurrierende Ausdrucksweisen hervorbringt. Das erste Beispiel, das ich erörtere, ist ein klassisches Musikstück für Stimme und Orchester mit dem Titel fié ma fié; es wurde von dem iranischen Komponisten Nader Mashayekhi geschrieben. Im zweiten Beispiel geht es um den architektonischen Stil von Mir Hossein Mousavi, dem ehemaligen Premierminister der Islamischen Republik Iran und Präsidentschaftskandidaten von 2009. Das Herzstück meines Vortrags ist die Debatte um das neue Abtreibungsgesetz im Iran von 2008-2010. Ich möchte beleuchten, wie durch die Gesetzgebungsdebatten hermeneutische Debatten über religiöse Texte und das kanonische Recht des Islam gefördert worden sind. Anhand dieser Fallstudie möchte ich zeigen, wie religiöse Edikte und Politik einander anregen - durch eine Beziehung, in der sie einander konstituieren und begründen. Anders ausgedrückt, ist weder die Politik eine einfache Manifestation eines religiösen Erlasses, noch ist ein religiöses Edikt von den aktuellen politischen und sozialen Aufträgen vollkommen getrennt. Im letzten Teil meines Vortrags befasse ich mich mit der allgemeinen Frage, auf welche Weise die Islamisierung des Iran - ganz gegen die Absicht ihrer Gestalter - zu einer Demokratisierung religiösen Wissens und der Entstehung einer ganz eigenen Moderne im Iran geführt hat.


Publikationen aus der Fellowbibliothek

Ghamari-Tabrizi, Behrooz ( New York, 2016)
Remembering Akbar : inside the Iranian revolution

Ghamari-Tabrizi, Behrooz ( Minneapolis, 2016)
Foucault in Iran : Islamic Revolution after the Enlightenment Muslim international

Ghamari-Tabrizi, Behrooz ( 2009)
The theory of survival : an interview with Taraneh Hemani

Ghamari-Tabrizi, Behrooz ( London [u.a.], 2008)
Islam and dissent in postrevolutionary Iran : Abdolkarim Soroush, religious politics and democratic reform International library of Iranian studies ; 16

Ghamari-Tabrizi, Behrooz ( 2004)
Contentious public religion : two conceptions of Islam in revolutionary Iran ; Ali Shariàti and Abdolkarim Soroush