2009/2010

Dieter Thomä, Dr. phil.

Professor der Philosophie

Universität St. Gallen

Geboren 1959 in Heidelberg
Studium der Philosophie, Germanistik und Romanistik an der
Albert-Ludwigs-Universität Freiburg


Arbeitsvorhaben

Das Ungemach der Gier: Der kalifornische Goldrausch als Schlüsselereignis der Moderne

Der kalifornische Goldrausch 1849 scheint ein marginales, pittoreskes Ereignis innerhalb der "Great Transformation" der modernen Gesellschaft zu sein. Doch dieses Ereignis kann als Spiegel dienen, in dem das Verhältnis der Moderne zum Geld und dessen ethischer und sozialer Gehalt besonders deutlich zu Tage treten. In dem geplanten Projekt soll der Diskurs um den Goldrausch rekonstruiert und im Rahmen einer Philosophie des Geldes auf seinen systematischen Gehalt hin überprüft werden.
Ausgangspunkt ist die Geschichte des Großgrundbesitzers John August Sutter, der den Goldrausch auslöst und als Pionier gefeiert wird, später aber seinen Besitz verliert und sich als Feind der Gier inszeniert. Damit ist eine Ambivalenz angelegt, die im 20. Jahrhundert von zahlreichen Künstlern ausgekostet wird. Blaise Cendrars verfasst einen Roman (L'Or), der u. a. von Sergej Eisenstein in einem Drehbuch sowie von Luis Trenker (Der Kaiser von Kalifornien) und James Cruze (Sutter's Gold) in zwei Filmen aufgegriffen wird. In dem geplanten Projekt sollen die scharfen Differenzen zwischen den verschiedenen Versionen mit Blick auf deren Inhalt und ästhetische Form analysiert werden; überspitzt kann man sagen, dass bei Eisenstein eine kommunistische, bei Trenker eine faschistische und bei Cruze eine kapitalistische Tendenz zum Ausdruck kommt. So wird der Goldrausch zu einem Beispiel narrativer Identitätsbildung sowie zu einem Schauplatz der ideologischen Auseinandersetzung im 20. Jahrhundert. Darüber hinaus gibt die Geschichte mitsamt ihren Interpretationen Anlass zu sozialphilosophischen und ethischen Überlegungen zur Bedeutung des Geldes für die moderne Lebensform.

Lektüreempfehlung

Thomä, Dieter. Vom Glück in der Moderne. Frankfurt/M.: Suhrkamp, 2003.
__. Totalität und Mitleid: Richard Wagner, Sergej Eisenstein und unsere ethisch-ästhetische Moderne. Frankfurt/M.: Suhrkamp, 2006.
__. Väter: Eine moderne Heldengeschichte. München und Wien: Hanser, 2008.

Dienstagskolloquium , 08.12.2009

Das Ungemach der Gier. Die vielen Leben des John August Sutter

Meine Präsentation kreist um das Leben John August Sutters, eines amerikanisch-schweizerischen Pioniers, dem eine entscheidende Rolle beim Ausbruch des kalifornischen Goldrauschs 1848/49 zukommt. Eigentlich sollte ich eher sagen, dass meine Präsentation um die vielen Leben dieses Mannes kreist, denn seine Biographie wurde von einer Reihe avantgardistischer Schriftsteller und Filmregisseure in den 1920er und 30er Jahren immer wieder neu erzählt und neu erfunden. Unter ihren Händen verwandelt sich eine eher lokale Episode in eine globale Metapher für das Ungemach der Gier.

Sutter, der als eine wichtige Figur in der Geschichte Kaliforniens gelten darf, verlor während des Goldrauschs seine Besitztümer. Nachdem seine juristischen und politischen Bemühungen gescheitert waren, mit denen er Wiedergutmachung anstrebte, verwandelte er sich in einen scharfen Kritiker der Gier. So bietet sich Sutters Geschichte dazu an, die Kontroverse um die Kommerzialisierung des Lebens in der Moderne mit Munition zu versorgen. Auf welcher Seite dieser Kontroverse sie zum Einsatz kommt, hängt freilich davon ab, wie man Sutters Geschichte genau erzählt. - Vier Versionen verdienen besondere Aufmerksamkeit.

Blaise Cendrars, der expressionistische Dichter und Schriftsteller, stand am Anfang des wieder erwachenden Interesses an Sutter; 1925 veröffentlichte er den Roman "L'Or. La merveilleuse histoire du général Johann August Suter".

Sergej Eisenstein, der russische Filmregisseur, schrieb 1930, während seines Aufenthaltes in Hollywood, ein vollständiges Drehbuch mit dem Titel "Sutter's Gold". Sein Auftraggeber Paramount nahm freilich davon Abstand, aus diesem Drehbuch einen Film zu machen.
Luis Trenker, der Südtiroler Regisseur und Bergsteiger, stellte im Jahre 1936 seinen Film "Der Kaiser von Kalifornien" bei den Filmfestspielen in Venedig vor und erhielt dafür die "Coppa Benito Mussolini" und großen Zuspruch von Joseph Goebbels.

"Sutter's Gold", ein Film des Hollywood-Routiniers James Cruze, wurde von Universal gleichfalls im Jahre 1936 herausgebracht; Frank Merriam, der damalige Gouverneur Kaliforniens, pries den Film dafür, die "Ideale" des "Pioniers" hoch zu halten.

Diese Versionen basieren auf derselben Geschichte, fallen jedoch äußerst unterschiedlich aus. Durch Ergänzungen und Veränderungen entstehen Bilder John August Sutters, die sich mal in eine kommunistische Kritik an der Geldgier, mal in die proto-faschistische Propaganda, mal in eine Hollywood-Version des "American Way of Life" einpassen. So unterschiedlich wie die politische Ausrichtung ist die Ästhetik, die jeweils zum Einsatz kommt. Es ist faszinierend zu sehen, wie diese zwei Dimensionen ineinander greifen, wie ästhetische Vorgaben politische Implikationen haben und umgekehrt.

Auf einer ersten Ebene geht es in diesem Projekt um die (Um-)Gestaltung von Biographien, um unterschiedliche Narrative und ästhetische Formen. Auf einer zweiten Ebene geht es um die politischen Ideologien, die hinter den äußerst unterschiedlichen Versionen von Sutters Leben stehen. Auf einer dritten Ebene zielt das Projekt darauf, einen Beitrag zur Philosophie des Geldes zu leisten. Im Zuge eines Vergleichs der ‚vielen Leben' John August Sutters versuche ich das Repertoire alltäglicher Praktiken zu erkunden, das in der einen oder anderen Weise - positiv oder negativ - auf das Geld bezogen ist. Zum Geld gehören Haltungen, die sich zu einer spezifischen "Lebensform" verbinden und eine herausragende Stellung bei der Selbstverständigung des Individuums in der Moderne spielen. So ist der Geld-Diskurs verknüpft mit einer Deutung der Zeitlichkeit menschlichen Lebens, mit den Strukturen von Wünschen und Bedürfnissen, mit Bildern der Natur und Gegen-Natur, mit Machtbegriffen, Konzepten des Individualismus und der Soziabilität. Dazu gehören auch Phänomene wie Wettbewerb und Kooperation sowie das Nebeneinander von Gemeinschaften und Märkten in modernen Gesellschaften. Anhand der Sutter-Geschichte lassen sich diese allgemeinen Fragen wie in einer Nussschale behandeln.


Publikationen aus der Fellowbibliothek

Thomä, Dieter ( Berlin, 2016)
Puer robustus : eine Philosophie des Störenfrieds

Thomä, Dieter ( München, 2015)
Der Einfall des Lebens : Theorie als geheime Autobiographie Edition Akzente

Thomä, Dieter ( München, 2008)
Väter : eine moderne Heldengeschichte

Thomä, Dieter ( Frankfurt am Main, 2006)
Totalität und Mitleid : Richard Wagner, Sergej Eisenstein und unsere ethisch-ästhetische Moderne Suhrkamp-Taschenbuch Wissenschaft ; 1765

Thomä, Dieter ( 2004)
Der Herrenlose : Gegenfigur zu Agambens "homo sacer" - Leitfigur einer anderen Theorie der Moderne

Thomä, Dieter ( 2003)
Heidegger und Hannah Arendt : Liebe zur Welt Heidegger-Handbuch

Thomä, Dieter ( 2003)
Heidegger und Günther Anders : Weltfremdheit und Natürlichkeit des Menschen im technischen Zeitalter Heidegger-Handbuch

Thomä, Dieter ( 2003)
Die späten Texte über Sprache, Dichtung und Kunst : im "Haus des Seins": eine Ortsbegehung Heidegger-Handbuch

Thomä, Dieter ( 2003)
Die frühesten Texte : Kampf gegen die "Diesseitsauffassung" des Lebens Heidegger-Handbuch

Thomä, Dieter ( 2003)
Leben und Werk Martin Heideggers im Kontext Heidegger-Handbuch