2006/2007

Andreas Voßkuhle, Dr. jur.

Professor für Öffentliches Recht

Albert-Ludwigs-Universität Freiburg

Geboren 1963 in Detmold, Germany
Studium der Rechtswissenschaft an der Universität Bayreuth und an der Ludwig-Maximilians-Universität München


Arbeitsvorhaben

Der rationale Staat

Die Veränderung von Staatlichkeit im Zeitalter der Globalisierung lässt sich mit traditionellen Kategorien wie z. B. dem völkerrechtlichen Staatsbegriff offensichtlich nicht mehr angemessen beschreiben. Begreift man die Etablierung und
Verdichtung von Staatlichkeit als Prozess der Rationalisierung, dann könnte aber vielleicht die historisch informierte Untersuchung über die Art und Weise der staatlichen Wissensgenerierung fundiertere Aussagen über die Handlungsfähigkeit
des Staates am Anfang des 21. Jahrhunderts ermöglichen. Dieser Vermutung soll im Rahmen einer interdisziplinär angelegten Studie näher nachgegangen werden. Von besonderem Interesse sind dabei die Veränderungen der rechtlichen Rahmenbedingungen der staatlichen Wissensgenerierung. Recht verkörpert nicht nur institutionalisiertes Wissen, es steuert aus Sicht des Staates auch maßgeblich den Prozess seiner Gewinnung und Verwendung. Dabei wird man auch fragen müssen, inwieweit Vorstellungen über abrufbares oder formal generiertes Wissen nicht ergänzt werden müssen um sozio-emotionale
und intuitive Elemente der Entscheidungsfindung, die sich teilweise ebenfalls in der Rechtsordnung niederschlagen (können). Entscheidend wird aber letztlich sein, inwieweit der Staat weiterhin als wichtiger Produzent von Denkkategorien Macht über die Wahrnehmung und die legitime Definition der sozialen Welt besitzt.

Lektüreempfehlung

Voßkuhle, Andreas. "Der ‚Dienstleistungsstaat': Über Nutzen und Gefahren von Staatsbildern." Der Staat 40 (2001): 495-523.
-. "Beteiligung Privater an der Wahrnehmung öffentlicher Aufgaben und staatliche Verantwortung." VVDStRL 62 (2003): 266-335.
-. "Sachverständige Beratung des Staates." In Handbuch des Staatsrechts der Bundesrepublik Deutschland, Bd. III, herausgegeben von Josef Isensee und Paul Kirchhof, 425-475. Heidelberg: Müller, 2005.

Dienstagskolloquium , 21.11.2006

Was ist und wozu Staatswissen(schaft)?

I. Die Ortlosigkeit der Staatstheorie innerhalb der Wissenschaft vom öffentlichen Recht
1. Ältere disziplinäre Konzepte: "enzyklopädische Staatswissenschaften" und "Allgemeine Staatlehre"
2. Dominanz der sog. "Juristischen Methode" und ihre Charakteristika

II. Zentrale Einwände gegen die "Allgemeine Staatslehre" auf dem Prüfstand
1. Der Verlust des Erkenntnisgegenstandes: Staatslehre ohne "Staat"
2. Abschied vom Universellen
3. Substitution: Verfassungsrechts- statt Staatslehre
4. Methodensynkretismus und Ausdifferenzierung der Wissenschaft
5. Mangelnde internationale Anschlussfähigkeit eines spezifisch "deutschen" Faches

III. Zur Notwendigkeit eines interdisziplinären Reflexionsrahmens für rechtliche Ordnungsfragen des Gemeinwesens
1. Europäisierung und Internationalisierung des Öffentlichen Rechts
2. Europäisierung und Internationalisierung der Rechtswissenschaft
3. Schwerpunktverlagerungen: Von der anwendungsbezogenen Interpretations- zur rechtssetzungsorientierten Handlungs- und Entscheidungswissenschaft
4. Zurück in die Zukunft: Von den "enzyklopädischen Staatswissenschaften" über die "Allgemeine Staatslehre" zur "Neuen Staatswissenschaft"

IV. Wie lässt sich der Wandel der Staatlichkeit beschreiben und analysieren?
1. Auf der Suche nach der disziplinären Identität: Der überkommene juristische Staatsbegriff
2. Eine andere Perspektive: Der Zusammenhang zwischen Staatlichkeit und Wissensgenerierung
a) Das Rationalitätsversprechen des modernen Staates
b) Die zunehmende Brüchigkeit der staatlichen Wissensbasis
c) Die rechtliche Umhegung und Steuerung staatlicher Wissensgenerierung

V. Statt eines Ausblicks: Drei exemplarische Problemfelder des staatlichen Wissensmanagements
1. Die produktive Verkoppelung von staatlichen Verfügungs- und Orientierungswissen
2. Die Überführung von implizitem in explizites staatliches Wissen
3. Wissen und Nationalsprache


Publikationen aus der Fellowbibliothek

Voßkuhle, Andreas ( München, 2016)
Die Verfassung der Mitte Themen ; Bd. 101

Voßkuhle, Andreas ( Hannover, 2013)
Freiheit und Demokratie durch Recht : Festansprache aus Anlass der Eröffnung von Schloss Herrenhausen am 18. Januar 2013 in Hannover Herrenhausen Lectures

Voßkuhle, Andreas ( München, 2013)
Grundgesetz für die Bundesrepublik Deutschland Verfassung 1949.05.23

Voßkuhle, Andreas ( 2011)
Protection of human rights in the European Union : multilevel cooperation of the European constitutional courts Research and responsibility : [this publication is based on lectures which were held at the conference "Our Common Future" in November 2010]

Voßkuhle, Andreas ( München, 2011)
Grundgesetz für die Bundesrepublik Deutschland : mit Einigungsvertrag (ohne Anl.), ParlamentsbeteiligungsG, Artikel 10-G, BundeswahlG, ParteienG, BundesverfassungsgerichtsG, Parlamentar. Geschäftsordnungen, EuropawahlG, Menschenrechtskonvention, EUV, AEUV, EU-Grundrechte-Charta ; Textausgabe mit ausführl. Verw., umfangreichen Sachreg. sowie einer Einf. Verfassung <1949.05.23>

Voßkuhle, Andreas ( 2009)
Grundlagen des Verwaltungsrechts ; 3 ; Personal, Finanzen, Kontrolle, Sanktionen, Staatliche Einstandspflichten Grundlagen des Verwaltungsrechts ; 3.

Voßkuhle, Andreas ( 2009)
§ 43 Personal Personal, Finanzen, Kontrolle, Sanktionen, Staatliche Einstandspflichten

Voßkuhle, Andreas ( 2009)
Chancengleichheit : Voraussetzung und Verpflichtung Verfassung der Zukunft

Voßkuhle, Andreas ( 2007)
Die politischen Dimensionen der Staatsrechtslehre Staatsrechtslehre als Wissenschaft

Voßkuhle, Andreas ( 2006)
Grundlagen des Verwaltungsrechts ; 1 ; Methoden, Maßstäbe, Aufgaben, Organisation Grundlagen des Verwaltungsrechts ; 1.



Lectures on Film 29.10.2010

Andreas Voßkuhle, Warum ist Europawissenschaft so schwierig?

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