2006/2007

Harry Liebersohn, Ph.D.

Professor der Geschichte

Universität Illinois, Urbana-Champaign

Born in 1951 in Washington, D.C., USA
Studied History at New College, Sarasota and at Princeton University


Arbeitsvorhaben

Der Austausch von Gaben und Wissen zwischen Europäern und Nichteuropäern seit dem 18. Jahrhundert

This is a study of gift-giving as a critical point in the exchanges of ethnographic knowledge between Europeans and non-Europeans. The study will look at actual gift exchanges between Europeans and indigenous peoples since the late
eighteenth century; how the objects and the intent of giving were understood at the time; the ethnographies resulting from them; and theoretical interpretation of these exchanges culminating in the ethnological literature of the early twentieth century.

Recommended Reading

Liebersohn, Harry. Aristocratic Encounters: European Travelers and North American Indians. Cambridge, Mass.: Cambridge University Press, 1998.
-. Fate and Utopia in German Sociology, 1870-1923. Cambridge, Mass.: MIT Press, 1988.
-. The Travelers' World: Europe and the Pacific. Cambridge, Mass.: Harvard University Press, 2006.

Dienstagskolloquium , 06.03.2007

Geistesgeschichte als Weltgeschichte: Europäische Reisende und ihre Geschenke 1750 - 1925

Die meisten Historiker, die sich in den USA mit Geistesgeschichte (intellectual history) befassen, wollen zeigen, wie sich Kunst und Denken in Reaktion auf gesellschaftliche Herausforderungen im Inneren entwickelt haben, insbesondere auf die politischen Umwälzungen und die industrielle Revolution in den europäischen Gesellschaften seit dem späten 18. Jahrhundert. Im Gegensatz dazu habe ich mich in meiner jüngsten Arbeit darauf konzentriert, wie die europäischen Denker ihre Gesellschaftstheorien in Reaktion auf Begegnungen mit indigenen Völkern entwickelt haben. Ich habe gezeigt, dass die Europäer keine distanzierten wissenschaftlichen Beobachter waren, sondern dass sie diese Begegnungen vielmehr nutzten, um die vorgefassten politischen Ansichten, die sie von Zuhause mitbrachten, auf die Probe zu stellen oder zu bestätigen; diese Begegnungen waren weit davon entfernt, unterschiedliche Kulturen in unmittelbaren Kontekt miteinander zu bringen, sondern sie waren äußerst vermittelte Ereignisse, die in ein globales Wissensnetzwerk eingebettet waren.

Das Schenken, Gegenstand meiner derzeitigen Arbeit, war in der Geschichte kultureller Kontakte eine weit verbreitete Form der Kommunikation und des Austauschs. In seinem berühmten Essay "Die Gabe" (1925) definiert Marcel Mauss den Austausch von Gaben als System gegenseitiger Verpflichtungen; der Text regte eine Flut geistes- und sozialwissenschaftlicher Kommentare zum Schenken an. Mauss' Essay ging von den indigenen Gesellschaften des pazifischen Raums aus, machte dann einen wichtigen Schritt und nahm den Gabentausch gewissermaßen mit nachhause; der Text beschreibt die Rolle des Gabentauschs in den "archaischen" Gesellschaften Europas in der Antike und im Mittelalter. In meiner Forschung verschiebe ich die zeitlichen Grenzen des Gabentauschs, indem ich seine Bedeutung für die Sozialphilosophen vom 18. bis zum frühen 20. Jahrhundert rekonstruiere.

In meinem Vortrags möchte ich die Bedeutung des Schenkens an einem Beispiel und anhand einer kurzen Skizze meines Forschungsvorhabens illustrieren. Der Bericht George Forsters von seiner Weltreise mit Captain Cook (1772 - 1775) zeigt dem modernen Denker drei Funktionen des Schenkens: als Medium der Interaktion mit außereuropäischen Völkern, als Gegenstand kritischer Reflexion, als Praxis innerhalb Europas. Diese Funktionen des Schenkens untersuche ich an fünf ethnologischen Modellen der modernen Gesellschaftsauffassungen in Europa, die ich in einer mehr oder weniger chronologischen Reihenfolge präsentieren möchte: das missionarische, liberale, utopische, aristokratische und das sozialdemokratische Modell. Insgesamt zeigen sie eine weitreichendere historische Diskussion, als bisher wahrgenommen, und erweitern unsere zeitgenössische Konzeption des Schenkens.


Publikationen aus der Fellowbibliothek

Liebersohn, Harry ( 2013)
Doktrinärer Liberalismus : Lionel Trilling imaginiert T.S. Eliot

Liebersohn, Harry ( Cambridge [u.a.], 2011)
The return of the gift : European history of a global idea

Liebersohn, Harry ( Cambridge, Mass. [u.a.], 2006)
The travelers' world : Europe to the Pacific

Liebersohn, Harry ( Cambridge [u.a.], 2001)
Aristocratic encounters : European travelers and North American Indians

Liebersohn, Harry ( Philadelphia, Pa., 2001)
"My life in Germany before and after January 30, 1933" : a guide to a manuscript collection at Houghton Library, Harvard University Transactions of the American Philosophical Society ; 91,3

Liebersohn, Harry ( 1994)
Discovering indigenous nobility : Tocqueville, Chamisso, and romantic travel writing

Liebersohn, Harry ( Cambridge, Mass. [u.a.], 1988)
Fate and utopia in German sociology, 1870-1923 Studies in contemporary German social thought



Zeitschrift für Ideengeschichte

Konservative Ästhetik

Heft VII/3 Herbst 2013

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