2004/2005

Ottmar Ette, Dr. phil.

Professor der Romanistik

Universität Potsdam

Geboren 1956 in Zell, Schwarzwald
Studium der Romanistik und Geographie an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg und an der Universidad Complutense, Madrid


Arbeitsvorhaben

Lebenswissen/Life Knowledge: transkulturelle und transdisziplinäre Wissensräume der Literatur

Literatur kann in ihren unterschiedlichsten Schreibformen als ein sich wandelndes, dynamisches und zugleich interaktives Speichermedium von Lebenswissen verstanden werden. Das dreistufige, sich in drei miteinander eng zusammenhängende Bereiche aufgliedernde Projekt soll zeigen, dass es für die wissenschaftliche Beschäftigung mit Literatur ein anspruchsvolles und bisherige Konzeptionen von Literaturwissenschaft erweiterndes Ziel ist, möglichst umfassende und komplexe Bereiche dieses gespeicherten Wissens zu erschließen und für unser Denken und Handeln heute fruchtbar zu machen. Die Philologie kann in diesem Bedeutungszusammenhang zu einer Lebenswissenschaft werden, zumal ihre Zukunft nicht unwesentlich davon abhängt, wie sie ihr Verhältnis zum Leben bestimmt. Literatur erschließt Lebenswissen narrativ vorrangig als Erlebenswissen. Im Vordergrund des Vorhabens stehen transkulturelle Formen von (Er-)Lebenswissen in Literaturen ohne festen Wohnsitz sowie transdisziplinäre Untersuchungen europäischer wie außereuropäischer Gegenwartsliteraturen, die von "Kreuzungen" literarischer und wissenschaftlicher Diskursformationen (unter Einbeziehung von Anthropologie und Philosophie, Geschichts-, Gesellschafts- und Biowissenschaften (in besonderer Weise geprägt sind.

Lektüreempfehlung
Ette, Ottmar. Roland Barthes: Eine intellektuelle Biographie. Frankfurt/Main: Suhrkamp, 1998 (edition suhrkamp 2077).
-. Weltbewusstsein: Alexander von Humboldt und das unvollendete Projekt einer anderen Moderne. Weilerswist: Velbrück, 2002.
-. ÜberLebenswissen: Die Aufgabe der Philologie. Berlin: Kadmos, 2004.

Dienstagskolloquium , 22.02.2005

Literaturen ohne festen Wohnsitz

In seinem erstmals 1952 in einer Festschrift zum Thema "Weltliteratur" erschienenen Aufsatz mit dem programmatischen Titel "Philologie der Weltliteratur" skizzierte Erich Auerbach, der Verfasser des zwischen Mai 1942 und April 1945 im Istanbuler Exil entstandenen Grundlagenwerkes "Mimesis. Dargestellte Wirklichkeit in der abendländischen Literatur", die Umrisse einer Philologie, die nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges die "eingreifende Veränderung der allgemeinen Lebensvoraussetzungen" begreifen, "in ihrer ganzen Bedeutung erkennen" und "die praktischen Folgerungen aus ihrer Erkenntnis" ziehen sollte. Es ging dem seit 1947 an verschiedenen Universitäten in den USA lehrenden deutschen Romanisten und jüdischen Emigranten um eine kritische Weiterentwicklung des Goetheschen Begriffs der Weltliteratur, der von seinem Schöpfer - wie Auerbach sehr wohl wußte - nicht zuletzt gegen das dominant gewordene Konzept der Nationalliteratur geschmiedet worden war. Goethes Ausspruch vom 31. Januar 1827 stand hierfür paradigmatisch: "Nationalliteratur will jetzt nicht viel sagen, die Epoche der Weltliteratur ist an der Zeit, und jeder muß jetzt dazu wirken, diese Epoche zu beschleunigen." Kein Zweifel kann daran bestehen, daß es Erich Auerbach just darum zu tun war, vor dem Hintergrund der geschichtlichen Erfahrungen seiner eigenen Zeit hierzu seinen Beitrag zu leisten. Im Kontext der aktuellen vierten Phase beschleunigter Globalisierung gilt es, in kritischer Fortführung Auerbachs vor allem jene dynamischen Prozesse zu fokussieren, die innerhalb der bisherigen bipolaren und antagonistischen Unterscheidung zwischen Weltliteratur und Nationalliteratur weitgehend unbeobachtet blieben oder für irrelevant und marginal gehalten wurden. Die Literaturen ohne festen Wohnsitz ermöglichen hier neue Einsichten in kulturelle Praktiken und Theorien.


Publikationen aus der Fellowbibliothek

Ette, Ottmar ( 2010)
Wer sagt, was Leben ist? Perspektiven der Bebatte um eine lebenswissenschaftliche Philologie

Ette, Ottmar ( 2007)
Literaturwissenschaft als Lebenswissenschaft : eine Programmschrift im Jahr der Geisteswissenschaften

Ette, Ottmar ( Berlin, 2005)
ÜberLebenswissen ; 2 ; ZwischenWeltenSchreiben : Literaturen ohne festen Wohnsitz ÜberLebenswissen

Ette, Ottmar ( Frankfurt am Main, 2004)
Physikalischer Atlas oder Sammlung von Karten, auf denen die hauptsächlichsten Erscheinungen der anorganischen und organischen Natur nach ihrer geographischen Verbreitung und Vertheilung bildlich dargestellt sind : zu Alexander von Humboldt, Kosmos - Entwurf einer physischen Weltbeschreibung Kosmos - Entwurf einer physischen Weltbeschreibung

Ette, Ottmar ( Frankfurt am Main, 2004)
Vues des Cordillères et monumens des peuples indigènes de l'Amérique Vues des Cordillères et monumens des peuples indigènes de l'Amérique <dt.>

Ette, Ottmar ( Frankfurt am Main, 2004)
Kosmos : Entwurf einer physischen Weltbeschreibung Die andere Bibliothek

Ette, Ottmar ( Berlin, 2004)
ÜberLebenswissen ; [1] ; Die Aufgabe der Philologie Überlebenswissen

Ette, Ottmar ( 2003)
Nicolás Guillén : Stimme der Lyrik - Lyrik der Stimme

Ette, Ottmar ( Amsterdam [u.a.], 2003)
Literature on the move Literatur in Bewegung <engl.>

Ette, Ottmar ( München, 2003)
Humboldts Schatten : Novelle Un episodio en la vida del pintor viajero <dt.>



Zeitschrift für Ideengeschichte

Russischer Herbst

Heft X/3 Herbst 2016

zum Heft