Arbeitskreis Moderne und Islam von 1986 - 2001

Der Islamwissenschaft wird seit einiger Zeit Kritik entgegengebracht. Einerseits heißt es, sie widme sich nicht ausreichend modernen Ansätzen und sei gegenwartsbezogenen Fragestellungen abgewandt, andererseits wird der Islamwissenschaft im Rahmen der Orientalismusdebatte der Vorwurf gemacht, sie hätte den Orient als Gegenwelt zur westlichen Zivilisation eigentlich erst konstruiert und ihn auf den Begriff gebracht, damit die Politik ihn in den Griff bekäme. Dieser doppelten Kritik versucht die Islamwissenschaft seit geraumer Zeit durch eine sozialwissenschaftliche Orientierung zu entgehen, häufig um den Preis historischer und kulturwissenschaftlicher Perspektiven.

Der Arbeitskreis Moderne und Islam bemüht sich, diesem Dilemma durch eine thematische Orientierung auf Fragestellungen der Moderne zu entgehen. Als Interdisziplinärer Forschungsverbund des Landes Berlin vereinigt er einzelne Wissenschaftler, die sich in den verschiedenen bereits bestehenden Berliner islamwissenschaftlichen Einrichtungen mit Fragen der Moderne beschäftigen.

Die inhaltliche Akzentsetzung gibt nicht normativ eine Moderne vor, mit der allein der Islam Schwierigkeiten habe. Die Moderne wird in ihrer Prozeßhaftigkeit als eine globale Entwicklung mit ebenso universellen Krisenmerkmalen gesehen. In dieser Hinsicht gewinnt die Beschäftigung mit der islamischen Welt auch für westliche Fragestellungen an Bedeutung, wenn etwa Phänomene von Vergemeinschaftung in muslimischen Gesellschaften zur Kommunitarismusdebatte im Westen in Beziehung gesetzt werden. Die Orientierung des Arbeitskreises reflektiert keinen Exotismus, der sich für das Andere oder das Bizarre interessiert, sondern versucht Fragestellungen zu entwickeln, die in gleicher Weise von europäischen Problemlagen ausgehen. Auf diese Weise wird erhofft, daß islamwissenschaftliche Kompetenz auch in andere Disziplinen einfließen kann und daß umgekehrt andere Disziplinen zur Bereicherung der Islamwissenschaft beitragen. Folgende Elemente strukturieren die Arbeit des Verbunds:

  • Statt der Polarisierung zwischen historisch-philologischen und sozialwissenschaftlichen Ansätzen zu erliegen, soll dieses Spannungsverhältnis als Chance begriffen werden. Während die Islamwissenschaft sich gegenwartsbezogenen Fragen öffnet, wird für sozialwissenschaftliche Forschungen die Notwendigkeit einer Sensibilisierung für die kulturellen und historischen Dimensionen betont.
  • Mit der Konzentration auf Probleme der Moderne wird ein thematischer Ansatz verfolgt, der geographisch weder eine bestimmte Region noch zeitlich allein die unmittelbare Gegenwart bevorzugt. Die nicht-arabische islamische Welt wird ebenso berücksichtigt wie die historische Dimension der Moderne.
  • Wo immer sich die Möglichkeit ergibt, werden komparative Ansätze gefördert. Innerislamische Vergleiche wie solche zur nicht-islamischen Welt sollen ermöglichen, die jeweilige Situation im Lichte der anderen zu beschreiben, so daß Forschung über den Islam nicht für das ethnographische Museum geschieht.
  • Der Verbund bemüht sich, Anschluß an die wissenschaftliche Diskussion in islamischen Ländern zu finden. Im Sinne einer "Forschung mit, nicht über" werden Kontakte zu Wissenschaftlern aus dem islamischen Raum intensiviert.
  • Der Arbeitskreis beansprucht keine Beratungsfunktion, sondern sieht die Kompetenz der Wissenschaft darin, die Bearbeitung politischer Fragen von der Faszination durch tagespolitische Ereignisse zu lösen und statt dessen langfristige Prozesse und Strukturen erkennbar zu machen. Die Produktion von Wissen hat Vorrang gegenüber einem Reagieren auf aktuelle Erwartungshaltungen der Öffentlichkeit. Damit kann sich in Berlin ein intellektuelles Klima entwickeln, das der Schaffung von "Fernkompetenz" förderlich ist.

Gemeinsames Programm

Das gemeinsame wissenschaftliche Programm widmet sich der Nachwuchsförderung, wobei der Interdisziplinarität und der Internationalität ein hoher Stellenwert zugemessen wird.

Seit April 1996 findet in den Räumen des Wissenschaftskollegs zu Berlin alle 14 Tage ein Seminar statt, das von einem Mitglied des Arbeitskreises geleitet wird und das als zentrale Einrichtung des Arbeitskreises Moderne und Islam exemplarisch neue Formen disziplinenübergreifender Forschung praktiziert. Dem Berliner Seminar, das interessierten Nachwuchswissenschaftlern auf Wettbewerbsbasis offensteht, gehören Mitglieder des Arbeitskreises Moderne und Islam sowie Fellows des Wissenschaftskollegs zu Berlin an.

  • Um den Austausch zwischen verschiedenen Arbeitsgebieten zu stärken und um die in Berlin unternommene Forschung zu internationalisieren, werden jährlich fünf Fellowships für Postdoktoranden ausgeschrieben. Adressaten dieses Programms, das sich vornehmlich an Nachwuchswissenschaftler aus der islamischen Welt richtet, sind neben Islamwissenschaftlern promovierte Sozialwissenschaftler, Historiker, Juristen, Ökonomen und Städteplaner.
  • Jährlich findet eine Sommerakademie in einer am Arbeitskreis beteiligten Institution in Berlin oder an einem Forschungsinstitut in der islamischen Welt statt. Die Akademien richten sich vor allem an Doktoranden und Postdoktoranden und zielen darauf ab, den wissenschaftlichen Austausch zu neuen Forschungsprojekten auf internationaler Ebene zu fördern. Nach einer Pilotsommerakademie am Centre Marc Bloch in Berlin fanden die Sommerakademien des Arbeitskreises 1997 zum Thema Prozesse und Gegenprozesse der Modernisierung an der Humboldt-Universität zu Berlin, 1998 zum Thema Krise und Gedächtnis in Beirut, 1999 zum Thema Konzepte von Recht und Ordnung in Casablanca statt und 2000 zum Thema Geschichte und Geschichtsschreibung an der Freien Universität Berlin statt. Im Jahr 2001 wird die Sommerakademie gemeinsam mit dem Leidener Institute for the Study in the Modern World an der Yildiz Technical University in Istanbul ausgerichtet werden.

Organisation

Die Geschäftsstelle des Arbeitskreises ist beim Wissenschaftskolleg zu Berlin angesiedelt. In der Startphase 1995/96 hat der Arbeitskreis von der Körber-Stiftung eine großzügige Anschubfinanzierung erhalten. Seither wird der Verbund von der Senatsverwaltung für Forschung, Wissenschaft und Kultur des Landes Berlin gefördert. Das Bundesministerium für Bildung und Forschung in Bonn finanziert das gemeinsame wissenschaftliche Programm.

Der Arbeitskreis Moderne und Islam hat derzeit folgende Mitglieder:

  • Dr. Ingeborg BALDAUF, Professorin am Zentralasien-Seminar, Institut für Afrika- und Asienwissenschaften der Humboldt-Universität zu Berlin, Kommisssarische Direktorin des Zentrums Moderner Orient in Berlin
  • Friedemann BÜTTNER, Professor für Politische Wissenschaften, Arbeitsstelle Politik des Vorderen Orients im Fachbereich Politische Wissenschaft der Freien Universität Berlin
  • Dr. Gérard DARMON, Generalsekretär des Centre Marc Bloch, Berlin
  • Dr. Yehuda ELKANA, Professor für Geschichte und Wissenschaftsphilosophie, Präsident und Rektor der Central European University, Budapest, Permanent Fellow am Wissenschaftskollegs zu Berlin
  • Dr. Altan GOKALP, Directeur de Recherche, Centre Marc Bloch, Berlin
  • Dr. Peter HEINE, Professor für Islamwissenschaft des nicht-arabischen Raumes und Direktor des Instituts für Asien- und Afrikawissenschaften der Humboldt-Universität zu Berlin; Gründungsdirektor des Geisteswissenschaftlichen Zentrums Moderner Orient
  • Dr. Gerhard HÖPP, Professor am Geisteswissenschaftlichen Zentrum Moderner Orient
  • Dr. Barbara KELLNER-HEINKELE, Professorin für Turkologie an der Freien Universität Berlin
  • Dr. Gudrun KRÄMER, Professorin für Islamwissenschaft, Institut für Islamwissenschaft der Freien Universität Berlin
  • Dr. Manfred KROPP, Professor für Islamwissenschaft und Semitistik, Direktor des Orient-Instituts der Deutschen Morgenländischen Gesellschaft, Beirut
  • Dr. Dr. h.c. Wolf LEPENIES (Vorsitzender des Arbeitskreises), Permanent Fellow Wissenschaftskolleg zu Berlin; Professor für Soziologie, Institut für Soziologie der Freien Universität Berlin
  • Dr. Angelika NEUWIRTH, Professorin für Arabistik an der Freien Universität Berlin
  • Dr. Udo STEINBACH, Professor am Institut für Politikwissenschaft der Universität Hamburg; Direktor des Deutschen Orient-Instituts, Hamburg
  • Dr. Fritz STEPPAT, Professor emeritus für Islamwissenschaft, Institut für Islamwissenschaft der Freien Universität Berlin
  • Dr. Dieter WEISS, Professor für Volkswirtschaft des Vorderen Orients, Institut für Weltwirtschaft, Freie Universität Berlin


Adresse
Arbeitskreis Moderne und Islam
Georges Khalil, Koordinator
Wallotstrasse19, D-14193 Berlin
Tel.: +49 30 / 89 00 1-258
Fax: +49 30 / 89 00 1-200