2018/2019

Juliane Vogel , Dr. phil.

Professorin für Neuere Deutsche Literatur und Allgemeine Literaturwissenschaft

Universität Konstanz

Geboren 1959 in Mainz, Deutschland
Studium der Germanistik und Anglistik an der Universität Wien und der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg


Project

"Nehmt Scheren!" Schneiden, Kleben, Schreiben in der Literatur der Moderne

Die Texte der Moderne werden vielfach mit der Schere geschrieben. Wie die Zeitungen in die Bibliotheken dringen Schere und Klebstoff auf den Schreibtisch des Schriftstellers vor und greifen tief in traditionelle Textgrammatiken ein. Schneiden und Kleben sind Teile einer Verfahrenskette, die bestehende Texte zerstört und ihre Fragmente nach einer neuen beweglichen und jederzeit veränderlichen Syntax anordnet. Insbesondere kommen sie dann und dort zum Einsatz, wo die Zufälle des Findens die Textproduktion regieren. Geschnittene und geklebte Texte erfinden nicht, sie operieren mit Gefundenem und Reproduziertem und lassen der Eigenlogik des Materials, seiner Dynamik wie seiner Widerständigkeit, in unerhörter Weise Raum. In meiner Zeit am Wissenschaftskolleg zu Berlin, wo ich meine Vorarbeiten (u. a. bei der Kolleg-Forschergruppe BildEvidenz) vertiefen und verschriftlichen werde, möchte ich der Frage nachgehen, was es bedeutet, mit Schere und Klebstoff zu schreiben. Die poetische wie die künstlerische Scherenpraxis des frühen zwanzigsten Jahrhunderts möchte ich vor dem Hintergrund einer Geschichte betrachten, die der Schere die Fähigkeit zur künstlerischen Produktion absprach und sie als ein Werkzeug denunzierte, das in der Hierarchie der künstlerischen Werkzeuge nur einen geringen Rang einnahm. Scheren, so lassen sich die seither geäußerten Urteile zusammenfassen, stiften keine Form und übertragen keine Schöpfungsimpulse. Bereits Michelangelo denunzierte das Schneiden als eine "nutzlose Tätigkeit", die jeder künstlerischen Kraft ermangele. Mit Blick auf die literarischen Verfahren der Collage und Montage und insbesondere auf die Avantgarden des frühen 20. Jahrhunderts soll die Geschichte ihrer Aufwertung geschrieben werden. Ich möchte den historischen und zeitgenössischen Verwendungszusammenhängen nachgehen, die sich der Arbeit mit Schere und Klebstoff in der Moderne mitteilen. Dabei soll gezeigt werden, dass die Gründe für ihre Denunziation auch die Gründe für ihre moderne Karriere sind.

Lektüreempfehlung

Vogel, Juliane. Aus dem Grund: Auftrittsprotokolle zwischen Racine und Nietzsche. Paderborn: Fink, 2017. (= Bild und Text.)
-. "Kampfplatz spitzer Gegenstände. Schreiben und Schreiben um 1900." In Konstellationen - Versuchsanordnungen des Schreibens, herausgegeben von Helmut Lethen u. a., 67-81. Wien: Vienna University Press, 2013.
-. "Verstrickungskünste. Lösungskünste. Zur Geschichte des dramatischen Knotens." Poetica 3-4 (2008): 269-288.

Publications from the Fellows' Library

Vogel, Juliane ( 2014)
"Who's there?" : zur Krisenstruktur des Auftritts in Drama und Theater

Vogel, Juliane ( 2013)
Kampfplatz spitzer Gegenstände : Schneiden und Schreiben nach 1900

Vogel, Juliane ( 2008)
Verstrickungskünste, Lösungskünste : zur Geschichte des dramatischen Knotens