2018/2019

Andreas Maercker , Dr. phil. Dr. med.

Professor für Psychopathologie und Klinische Intervention

University of Zurich

Geboren 1960 in Halle (Saale), Deutschland
Studium der Medizin an der Universität Halle-Wittenberg und der Medizin und Psychologie an der Humboldt-Universität zu Berlin


Project

Traumata, posttraumatische Belastungsstörung und kulturelle Skripte

Die Erforschung der posttraumatischen Belastungsstörung (PTSD) kann auf eine 30-jährige Geschichte zurückblicken. Die international anerkannte Diagnose entstand durch Impulse aus der US-amerikanischen Psychiatrie, um den psychisch kranken "Military Veterans" eine angemessene diagnostische Einordnung zu ermöglichen. Die Diagnose erfuhr eine Ausweitung auf weitere Opfergruppen: Opfer sexualisierter Gewalt, Überlebende von Naturkatastrophen, Folter- und zivile Kriegsopfer und andere. In den Mittelpunkt der psychologischen und psychiatrischen Forschung wurden die posttraumatisch veränderten Gedächtnisprozesse als zentrale pathologische Veränderung gestellt. Neue Therapieverfahren zielten entweder psychologisch oder pharmakologisch auf die Modifikation dieser Gedächtnisveränderungen. Im Laufe der Zeit zeigte sich, dass zwischenmenschliche und soziale Veränderungen bedeutsamer sind als die Gedächtnisveränderungen (die eine hohe Selbstheilungstendenz aufweisen), beispielsweise wirkt die fehlende Anerkennung als Traumaopfer als wesentliche Chronifizierungsursache für die PTSD. Im Zuge dieses Paradigmenwandels rücken nun die Angehörigen, Gemeinschaften und Gesellschaften in den Fokus und wie sich deren Wahrnehmung und Würdigung traumatischer Erlebnisse auf die Erkrankung bzw. den Genesungsprozess auswirken.
Meine Arbeit wird sich neben den genannten Aspekten auf die Veränderung des "Kernmodells der PTSD" durch die Globalisierung und somit den weltweiten Einsatz von Therapeuten bei Flüchtlingen unterschiedlichster Kulturen konzentrieren. Es stellt sich die Frage, ob es die posttraumatischen Gedächtnisveränderungen oder die Erschütterungen der zwischenmenschlichen Einstellungen und der Tragfähigkeit der sozialen und gesellschaftlichen Routinen sind, die den Kern der posttraumatischen Veränderungen bilden. Meine Arbeitsgruppe hat in den beiden letzten Jahren themenbezogen psychologisch-anthropologische Beobachtungen und Untersuchungen in vier Regionen der Welt unternommen bei Bevölkerungsgruppen, welche die vorherrschenden westlichen Trauma-/PTSD-Vorstellungen nicht kennen. Meine Arbeit am Wissenschaftskolleg wird sich der kritischen Zusammenführung dieser Befunde mit den überkommenen "PTSD-Modellen" widmen.

Lektüreempfehlung

Maercker, Andreas. Trauma und Traumafolgestörungen. München: Beck, 2017.
-. Posttraumatische Belastungsstörungen (4. Aufl.). Heidelberg: Springer, 2013.
Maercker, Andreas und Simon Forstmeier, Hg. Der Lebensrückblick in Therapie und Beratung. Heidelberg: Springer, 2013.

Publications from the Fellows' Library

Maercker, Andreas ( Berlin [u.a.], 2015)
Alterspsychotherapie und klinische Gerontopsychologie : mit 34 Tabellen

Maercker, Andreas ( Berlin [u.a.], 2013)
Posttraumatische Belastungsstörungen : mit 40 Tabellen

Maercker, Andreas ( Berlin [u.a.], 2013)
Der Lebensrückblick in Therapie und Beratung

Maercker, Andreas ( 2012)
A socio‐interpersonal perspective on PTSD : the case for environments and interpersonal processes

Maercker, Andreas ( Seattle [u.a.], 1999)
Posttraumatic stress disorder : a lifespan developmental perspective