2018/2019

Ruth Bielfeldt , Dr. phil.

Professorin für Klassische Archäologie

Ludwig-Maximilians-Universität München

Geboren 1971 in Heidelberg, Deutschland
Studium der Archäologie an der Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg und der Ludwig-Maximilians-Universität München


Project

Der Koloss von Rhodos: neue Perspektiven

283 v. Chr., gut zwei Jahrzehnte nach der erfolgreich abgewehrten Belagerung durch Demetrios Poliorketes, errichteten die Rhodier dem Gott Helios eine gigantische Bronzestatue: den Koloss von Rhodos. Das einstige Weltwunder ist heute eine archäologische Schimäre: der Ort der Aufstellung, das Aussehen der Figur und die Gusstechnik der Figur sind bislang ungeklärt und werden trotz der beharrlichen Bemühungen einiger Archäologen aller Voraussicht nach für immer ungeklärt bleiben.
Meine Monografie zum Koloss von Rhodos stützt sich auf eine bisher nicht ausgeschöpfte poetische Quelle: das aller Wahrscheinlichkeit nach zum Koloss gehörige, in der Anthologia Palatina und in der Suda teilweise überlieferte Weihepigramm AP 6, 171. Das nur neun Zeilen lange, in dorischem Griechisch verfasste Epigramm ist ein kondensierter poetischer Text, in dem die Rhodier ihre kollektive Autorschaft aussprechen und in dem sie Anlass und Bedeutung der Statue für Rhodos darlegen und ihren Anspruch einer Universalherrschaft markieren. Zugleich aber hat das Epigramm exegetischen Charakter: es liefert Elemente einer Sehanleitung auf die Figur in ihrem lokalen Umfeld, ihrer globalen und kosmischen Reichweite. Es thematisiert den divinen Status des in der Figur verkörperten Gottes Helios, die Kolossalität der Figur als dynamische raum-zeitliche Bilddimension, die Beziehung von Figur, Landschaft und Himmelskörper, und nicht zuletzt die geopolitische und politische Situierung des Kolosses als zwischen Ost und West, zwischen Oligarchie und Demokratie.
Zentrales Thema des Projekts ist die Übergröße der rhodischen Statue. Meine Arbeit sehe ich somit als einen ersten Schritt zu einer Hermeneutik des Kolossalen. Kolossalität darf jedoch nicht als festes Maß verstanden werden, das durch ein allgemein validiertes metrisches Messverfahren quantitativ zu bestimmen wäre; vielmehr ist es eine spezifische Bilddimension und damit eine relative, qualitative Größe, deren Erfass- bzw. Nichterfassbarkeit sich allein aus dem spezifischen naturräumlichen, gebauten, bildlichen und konzeptuellen Kontext ergibt, in den das Übergroße hineingestellt ist. Kolossalität, so die Ausgangsvermutung, ist grundsätzlich verknüpft mit der Frage der Kommensurabilität bzw. der Inkommensurabilität des Übergroßen und der ihn umgebenden Welt(en) bzw. der darin enthaltenen Naturdinge und Artefakte. Als Untersuchungsgegenstand verlangt Kolossalität daher weniger arithmetisierte Archäologie denn eine phänomenologische Hermeneutik.

Lektüreempfehlung

Bielfeldt, Ruth, Hg. Ding und Mensch in der Antike. Gegenwart - Vergegenwärtigung. Heidelberg: Winter, 2014.
-. "Sight and Light: Reified Gazes and Looking Artefacts in the Greek Cultural Imagination." In Sight and the Ancient Senses, herausgegeben von Michael Squire, 123–142. London: Routledge, 2015.
-. Orestes auf römischen Sarkophagen. Berlin: Reimer, 2005.

Publications from the Fellows' Library

Bielfeldt, Ruth ( 2016)
Sight and light : reified gazes and looking artefacts in the Greek cultural imagination

Bielfeldt, Ruth ( 2014)
Lichtblicke - Sehstrahlen : zur Präsenz römischer Figuren- und Bildlampen

Bielfeldt, Ruth ( 2012)
Polis made manifest : the physiognomy of the public in the Hellenistic city – with a case study of the agora in Priene