Ins Grüne

In der akademischen Welt, so wie ich sie bisher kannte, spielte Grün bestenfalls eine Nebenrolle. Gewiss, die Freie Universität, wo ich zwischen 1997 und 2008 westeuropäische Geschichte des 18. bis 20. Jahrhunderts unterrichtete, leistete sich an der Dahlemer Fabeckstraße eine wild verwachsene Brache, die erst unlängst der neuen „Holzlaube“ für die „Kleinen Fächer“ gewichen ist.

Am Eingang des Wissenschaftskollegs steht, mit feinem Geschmack erwählt, ein Blumenstrauß. Er markiert den Übergang zwischen Außen und Innen und steht gleichsam auf halber Treppe zwischen Natur und Kultur. Der erste Besuch im Wissenschaftskolleg, den ich in seinen Einzelheiten in meiner Erinnerung rekonstruieren kann, fällt auf das akademische Jahr 2003/4. Frisch promoviert mit einer Arbeit zur Geschichte des Jakobinismus kam ich in den Genuss eines Gesprächs mit der Historikerin Carla Hesse, die am Halensee über die Rezeption Jean-Jacques Rousseaus in der Französischen Revolution forschte. Schon damals fielen mir im Eingang die üppigen Magnolien ins Auge. Ich erinnere mich, dass ich mich klein fühlte als ich mich ihnen, vom Fuß der Treppe her kommend, näherte.

Ehrfurchtsvoll an edlem Bouquet vorbei ging es auch zu einem Treffen mit Joachim Nettelbeck im Herbst 2008. Es waren damals schlechte Zeiten für das Centre Marc Bloch, dessen Stellvertretender Direktor ich war. Nettelbeck hingegen sah in seinem lichtdurchfluteten Büro ausschließlich Chancen. Sein Ceterum Censeo lautete: Das Centre Marc Bloch müsse, wie das Wissenschaftskolleg, ein Verein nach deutschem Recht werden. Das war vor fast sieben Jahren. Das Centre überstand seine Krise, auch dank der Intervention von Wolf Lepenies. Vor einigen Wochen haben die Forschungsminister Deutschlands und Frankreichs ihre Unterschrift unter die Satzung des „CMB e.V.“ gesetzt; der Same ist angegangen.

Seit dem 1. März 2015 radele ich morgens aus der mineralischen Berliner Mitte, wo nichts sprießt außer den Bärten der Hipster, ins Grüne. Aus meinen Bürofenstern sehe ich – statt des schiebenden Verkehrs der Friedrichstraße – jetzt Bäume, Beete und das niemals langweilige Schauspiel des Himmels. Rasch hat der florale Türwächter seine einschüchternde Wirkung verloren. Dennoch nehme ich mir vor, den Blick von außen auf die Blütenpracht nicht zu schnell zu vergessen. Auch wenn es lustvoll ist, die Stimme zu üben, um in den von Sibylle Lewitscharoff sensibel belauschten „Singsang“ des Wissenschaftskollegs einzustimmen, so braucht es doch ein Bewusstsein dafür, wie schwer es dieser feine Klang bisweilen hat, durch die Blätter des Straußes hindurch im Lärm der Großstadt gehört zu werden.

Durch meine Forschung über die Geschichte der europäischen Höfe lernte ich, die kulturgeschichtlichen Unterschiede zwischen französischen und englischen Parks zu verstehen. Wäre das Wissenschaftskolleg ein Park, dann ohne Frage ein englischer. Hier wird nicht rigide begradigt, nicht symmetrisch beschnitten, hier kann der Setzling im Schatten kräftiger Bäume gedeihen. Mein Vorgänger Reinhart Meyer-Kalkus hat mich in der ihm eigenen Großzügigkeit mit meinem neuen Wirkungskreis vertraut gemacht. Zum Glück ist das Büro N 13 im Neubau, das ich von ihm übernehmen durfte, wie ein Treibhaus, wo es Licht, Luft und Wärme zum Wachsen gibt.

Als Wissenschaftlicher Koordinator möchte ich, wie mein Vorgänger, zuerst und vor allem den Fellows zur Verfügung stehen, ihnen zuhören, ihnen Kontakte in die Berliner (Wissenschafts-)Landschaft vermitteln und ihnen Berlin und Deutschland erklären, soweit ich es selber verstehe. Ich möchte dafür arbeiten ­- unter anderem durch die Workshops des Fellow Forums -, dass die innerhalb ihres Jahres geschlagenen Wurzeln der Fellows nicht bei der Abreise abgeschnitten werden. Ich möchte dazu beitragen, dass das Wissenschaftskolleg ein Ort des geistigen und menschlichen Gedeihens bleibt, an dem Disziplinen, Kulturen, Künste und Öffentlichkeiten zusammenwachsen, ein Garten voller exotischer Gewächse, ein Ort kongenialer Symbiosen, eine Anhöhe, von wo aus der Blick ins Weite schweifen kann.

Der privilegierte Ort solcher Vorgänge scheint mir das Kolloquium der Fellows zu sein. Gewiss wird am Wissenschaftskolleg nicht nur im großen Saal, sondern auch beim Essen, auf der Terrasse, auf den Fluren und an der Tischtennisplatte diskutiert. Aber nur einmal in der Woche versammeln sich die Fellows, um sich gemeinsam über ein keimendes Vorhaben zu beugen. Ich habe mich sehr gefreut, dass es in den letzten Wochen Debatten darüber gegeben hat, wie man das Kolloquium noch lebendiger und intensiver gestalten kann. Mir scheint es wichtig, dass diese Debatten fortgeführt und Experimente gewagt werden. Dazu gehört auch der selbstverständliche Umgang mit der Vielfalt der Sprachen, die für die Zukunft von Wissenschaft und Kultur so wichtig ist wie die Artenvielfalt für die Zukunft unseres Planeten.

Dass ich mich in meiner neuen Stelle am Wissenschaftskolleg insbesondere für die Artenvielfalt im Kolleg-Garten verantwortlich fühlen soll, unterstrich schon der Text der Stellenausschreibung, auf die ich mich im letzten Frühjahr bewarb. „Vielfalt“ heißt in diesem Kontext: Gleichgewicht zwischen den Disziplinen, zwischen alt und jung, zwischen Männern und Frauen und zwischen den Wissenschaftskulturen der Welt. Insbesondere in letzterem Bereich gibt es Handlungsbedarf; so waren seit der Gründung nur etwa dreißig Fellows aus Afrika und nur etwa fünfzehn Fellows aus Südamerika am Wissenschaftskolleg. Das erscheint auf den ersten Blick überraschend, steht doch das Haus am Halensee wie kaum eine andere Wissenschaftseinrichtung in Berlin seit seiner Gründung für die Öffnung zum Anderen – nach Nordamerika, nach Israel, nach Osteuropa. Vielleicht ist der Weg zu mehr Diversität nicht nur ein Weg in die Zukunft, das Ausstrecken von Ästen in neue Richtungen, sondern auch einer, der zurückführt zu bereits Gelungenem? Vielleicht gilt es vor allem, die Früchte vergangener Anstrengungen zu ernten?

So viel Grün. Man könnte meinen, es ist Frühling.