2015/2016

Christoph Menke, Dr. phil.

Professor für Philosophie

Goethe-Universität Frankfurt am Main

Geboren 1958 in Köln
Studium der Philosophie und Germanistik an der Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg und an der Universität Konstanz

Foto: Wissenschaftskolleg zu Berlin

Arbeitsvorhaben

Zweite Natur und Befreiung: Gesetz und Freiheit nach Hegel

Das Forschungsvorhaben gilt dem Verhältnis von Gesetz und Freiheit. Wir stehen unter Gesetzen - Gesetzen des Sprechens, Denkens und Handelns -, und wir bestimmen uns in unserem Sprechen, Denken und Handeln selbst. Das sind die beiden Bestimmungen des Subjekts: Ein Subjekt ist durch normative Unterscheidungen konstituiert, und das Subjekt ist die Instanz der Anwendung, Deutung und Hervorbringung normativer Unterscheidungen.
Die moderne Philosophie (seit Rousseau und Kant) hat versucht, diese beiden Seiten im Begriff der Autonomie zusammenzudenken. Das Forschungsvorhaben setzt mit der These ein, dass diese Lösung gescheitert ist. Es stellt daher die Frage, wie der Anspruch des Autonomiebegriffs, Gesetz und Freiheit zusammenzudenken, auf andere Weise eingelöst werden kann. Diese Frage soll auf dem Weg einer kritischen Rekonstruktion von Hegels Philosophie des Geistes beantwortet werden.
Hegels grundlegende Einsicht lautet, dass Gesetz und Freiheit als sozial konstituiert zu verstehen sind. Diese Einsicht ist grundlegend - aber nicht, weil sie schon die Lösung ist, sondern weil sie erlaubt, das gestellte Problem in hinreichender Komplexität zu formulieren. Hegels Geistphilosophie erscheint genau deshalb als der richtige Gegenstand, um die Frage nach dem Verhältnis von Gesetz und Freiheit zu stellen, weil sie mit der These ihrer sozialen Konstitution das Problem nicht gelöst zu haben behauptet, sondern es zum Paradox zuspitzt. Dieses Paradox lautet, dass - einerseits - Gesetz und Freiheit nur als soziale Begriffe zusammengedacht werden können, dass ihnen dann aber - andererseits - ein irreduzibles Moment zweiter Natur anhaftet, das im Gegensatz zu ihrer Normativität und Spontaneität steht. Die Befreiung ist der Prozess, in dem sich dieses Paradox entfaltet.

Lektüreempfehlung

Menke, Christoph. Kraft: Ein Grundbegriff ästhetischer Anthropologie. Frankfurt/Main: Suhrkamp, 2008.
-. "Autonomie und Befreiung." Deutsche Zeitschrift für Philosophie 58, 5 (2010): 675-694.

Dienstagskolloquium, 19.04.2016

Versuch über die Befreiung

Die Befreiung ist das Werden der Freiheit: der Prozess, durch den die Freiheit hervorgebracht wird. In welchem Verhältnis stehen der Prozess der Befreiung und die Eigenschaft der Freiheit, die er hervorbringt? Wenn man die Freiheit negativ bestimmt - Freiheit als die Möglichkeit zu tun, was man will -, dann ist ihr der Akt der Befreiung äußerlich. Befreiung ist nur die Wegräumung äußerer Hindernisse. Die Freiheit existiert von selbst (von Natur aus), wenn sie nicht von außen oder anderen behindert wird. Versteht man dagegen die Freiheit positiv - Freiheit als die Fähigkeit, sich (mit anderen) selbst zu bestimmen -, dann liegt es nahe, die Befreiung als permanent und daher die Freiheit nicht als einen fertigen Zustand, sondern als einen Prozess, als den Prozess ihrer Hervorbringung, zu verstehen.

Dann stellen sich zwei Fragen:

1. Wie und von wem wird die Freiheit hervorgebracht? Auf der einen Seite scheint klar, dass mir die Freiheit nicht gegeben, verliehen oder geschenkt werden kann; ich kann sie nur selbst hervorbringen. Auf der anderen Seite scheint klar, dass ich, um meine Freiheit hervorbringen zu können, schon frei sein müsste. Die Befreiung ist eine Tat, die ich nur selbst tun kann, obwohl ich, wenn ich nicht frei bin, noch gar keine Tat tun kann.

2. Wie ist der Zustand, der Zustand der Knechtschaft, zu verstehen, gegen den die Freiheit hervorgebracht werden muss? Das Denken der Befreiung kann die Knechtschaft nicht als eine bloß äußere Behinderung oder Beherrschung verstehen. Die Knechtschaft (aus der wir uns befreien wollen) ist vielmehr selbstgemacht, also knechtend und freiwillig zugleich.

Zwei Paradoxe: das Paradox der befreienden Tat; das Paradox der freiwilligen Knechtschaft. Der Vortrag ist der Versuch, diese beiden Paradoxe etwas näher zu erkunden. Das soll mithilfe einer Erzählung, der Erzählung von einer Befreiung, geschehen.

Lectures on Film

Berichte aus der Gegenwelt der Normen

04.02.2016