2014/2015

William Marx, Ph.D.

Professor of Comparative Literature

Université Paris Ouest

Born in 1966 in Villeneuve-lès-Avignon
Studied Classics and Comparative Literature at the École normale supérieure and at the Université Paris 4 Paris-Sorbonne

Arbeitsvorhaben

Historicizing Literature

Writing the history of literature presupposes the prior establishment of a corpus whose greater or lesser extension is itself determined by an implicit valuation of the works it includes, with a perverse return effect: the corpus under consideration eventually strengthens the unformulated aesthetic criteria that were used to define it. Therefore, it is always an epistemological necessity to deconstruct the corpuses that are at our disposal.
I propose to do this with Greek tragedy. It is well known that only 32 complete plays have survived out of the hundreds or thousands written by all the dramatists. In a previous book, I have already shown that the school canon of the second century CE, which transmitted to us most of those plays, was the product of an aesthetic and ideological bias. I intend to develop and strengthen that argument by studying, in particular, all the tragic fragments we still have, with the hope that this investigation will give us a better understanding of the way our current corpus of tragedies was defined.
The problem of corpuses is aggravated by the fact that for centuries the very idea of literature never stopped evolving and transforming. Another part of my work at the Wissenschaftskolleg will be dedicated to delineating that evolution by focusing on the discourses against literature. Since Plato, what we now call literature was the subject of countless attacks by thinkers and philosophers, from pagan to Christian Antiquity, from the Middle Ages to the Renaissance, from modern to contemporary times: its value, its virtue, its usefulness were questioned; its harmfulness demonstrated. I intend to use those arguments to outline a finer historicization of the concept of literature and of the ideological context within which literary activity takes place.

Recommended Reading

Marx, William. Le Tombeau d'Oedipe: pour une tragédie sans tragique. Paris: Éditions de Minuit, 2012.
-. Vie du lettré. Paris: Éditions de Minuit, 2009.
-. L'Adieu à la littérature: histoire d'une dévalorisation XVIIIe-XXe siècle. Paris: Éditions de Minuit, 2005.

Dienstagskolloquium, 14.10.2014

Was ist Literatur? Was war die griechische Tragödie?

Was ist Literatur? Heute würde man den Begriff so definieren, dass er fiktionale Literatur, Dichtung, Theaterstücke und vielleicht auch Essays abdecken würde. Gibt es eine gemeinsame Eigenschaft dieser vier Elemente? Die beiden traditionellen Antworten auf diese Frage lauten so: Literatur soll Lesevergnügen bereiten und sie misst der Art, wie sie geschrieben oder formuliert wird, eine besondere Bedeutung zu. Aber aus vielen Gründen erscheinen diese beiden Antworten recht problematisch und meistenteils nicht überzeugend.

Eigentlich ist Literatur nur das, was wir so nennen, also Gegenstand einer Konvention. Wenn ihre Definition auf begrifflicher Ebene so schwach ist - im Vergleich zu anderen Künsten, die sprachliche Objekte produzieren (Philosophie, Geschichtsschreibung, Naturwissenschaften usw.) -, dann liegt das daran, dass Literatur während ihrer gesamten Geschichte immer von außen definiert wurde, durch Diskurse, die mit ihr konkurrierten und ihre eigenen Territorien besser markieren konnten. Dieser Kampf wird durch eine ganze Reihe von Angriffen gegen die Literatur bezeugt - seit Platon bis heute -, in denen der Wert von Literatur, ihre Tugendhaftigkeit, ihr Nutzen infrage gestellt und gezeigt wurde, wie schädlich sie ist; damit ging auch eine negative Beschreibung der Literatur ihrer Zeit einher. Derlei Diskurse sorgen paradoxerweise für ein besseres Verständnis eben jener Literatur, die sie angreifen wollen, und des ideologischen Kontextes, in dem die literarische Aktivität stattfindet.

Was war die griechische Tragödie? Die Geschichte der griechischen Tragödie ist nicht weniger problematisch und kontingent als die Geschichte der Literatur. Jeder glaubt zu wissen, was eine griechische Tragödie ist: ein griechisches Theaterstück mit einem "tragischen" Ende, bei dem der Held vom Schicksal zermalmt wird. Das Problem besteht darin, dass nicht alle Tragödien, die wir kennen, dieser Definition entsprechen: Insbesondere gibt es eine Reihe von Tragödien, die gut ausgehen, viele davon stammen von Euripides. Daher gilt er auch für gewöhnlich als der am wenigsten "tragische" unter den drei großen Tragödiendichtern.

Doch der Umstand, dass wir so viele Tragödien mit Happy End von Euripides kennen, ist nur der Überlieferung von Euripides? Tragödien geschuldet. Anders als bei Aischylos und Sophokles sind im euripideischen Korpus zwei heterogene Dramenfamilien miteinander gemischt: diejenigen, die für den akademischen und sonstigen Schulgebrauch um das 3. Jahrhundert n. Chr. ausgewählt wurden, und eine andere Gruppe, die uns durch puren Zufall überliefert wurde. Ein Vergleich dieser beiden Gruppen führt zu verblüffenden Entdeckungen. Wenn wir nur die Stücke der ersten Gruppe kennen würden ? was bei Aischylos und Sophokles der Fall ist ?, dann würde Euripides viel ?tragischer? erscheinen als die anderen beiden Dramatiker. Folglich erweist sich die Häufigkeit des ?tragischen? Endes nur als Nebenprodukt des Schulkanons des 3. Jahrhunderts, der seinerseits möglicherweise von der Stoa beeinflusst wurde. Man kann paradoxerweise noch nicht einmal die Möglichkeit ausschließen, dass viele, wenn nicht sogar die überwiegende Mehrheit der griechischen Tragödien ein glückliches Ende nahmen.

Neues in der Bibliothek

La Haine de la littérature

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Wissenschaftskolleg, Jahrbuch 2014/2015.

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